SaschaSalamander

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Tag: Jugend

Barnaby Grimes - Der Fluch des Werwolfs

stewart_grimeswerwolf_150_1.jpgIm Juli 2010 hörte ich BARNABY GRIMES von Paul Stewart. Schon einige Zeit her, die Rezension damals geschrieben aber noch nicht veröffentlicht. Zeit wird´s ;-)

Denn auch wenn es schon über zwei Jahre her ist und ich mich nicht mehr an Details erinnere, habe ich das Hörbuch in sehr guter Erinnerung, ...

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Paul Stewart ist mir bekannt von der Reihe "aberwitzige Abenteuer" und den "Klippenlandchroniken" (absolut genial, gehören zu meinen Top Favoriten). Schon länger war ich scharf auf den Titel "Barnaby Grimes - der Fluch des Werwolfs", und letztens fiel er mir dann endlich auch in die Hände. Mit Genuss begann ich die beiden CDs.

Barnaby Grimes ist Tick-Tack-Junge im alten London, das heißt, er bringt Briefe und Nachrichten so flink als möglich zu ihrem Empfänger. Zeit ist Geld, und die Zeit eilt dahin. Er springt über die Dächer, krabbelt durch engste Winkel und ist einer der geschicktesten Jungs der Gilde. Eines Nachts trifft er auf einen unheimlichen großen Wolf. Bald lernt Barnaby auch den seltsamen Dr. Catwallader kennen: dieser erweist sich als Held der Armen, und gerade ihnen hilft er mit seinem Wunderelixier zu neuer Gesundheit. Doch Barnaby erkennt, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Warum verschwinden die Geheilten kurz nach ihrer Therapie? Woher auf einmal die neue Mode des Westfalen-Pelz? Wie kommen auf einmal so viele Wölfe in die Stadt?

Ein spannendes Abenteuer im Stil der viktorianischen Romane, wie ich sie sosehr liebe. Viel kann ich dazu gar nicht sagen. Mit Twig oder den aberwitzigen Abenteuern hat dieses Buch wenig zu tun, der Humor bzw Stil ist ein anderer. Dennoch ein sehr schönes Buch. Schon das erste Kapitel ist absolut spannend und zeigt dem Leser, was ihn bald erwarten wird. Ich mag den pfiffigen Jungen und seine schrägen Freunde aus der Unterschicht. Obwohl Schuppen-Sally oder der Kutscher nur ganz kurz auftauchen, sind sie bereits sympathisch. Gut und Böse sind hier ganz klar verteilt, die Geschichte ist absolut vorhersehbar. Und doch ist es einfach nur schön zu lesen, ich war am Ende enttäuscht, als es vorbei war.

Das Hörbuch wird vorgetragen von Simon Jäger, der für mich neben anderen Größen wie Stephan Kaminski, David Nathan und Rufus Beck Jugendliteratur grandios vorträgt. Eine Ein-Mann-Show, besser als jedes Hörbuch, ein Mann mit tausend Stimmen. Barnaby Grimes ist zudem unterlegt mit Geräuschen, also kein klassisches Hörbuch, sondern eine sogenannte "inszenierte Lesung". Die Geräusche manchmal recht künstlich, in anderen Momenten jedoch so echt, dass ich mich auf der Straße unterwegs umdrehte, weil ich mich fragte, wo auf einmal Möwen herkommen und ob mich gerade jemand verfolgt und woher diese Kneipenmusik gerade kam?

Für Jugendliche, die spannende Gruselgeschichten und Abenteuer mögen. Für Erwachsene, die gerne Jugendliteratur lesen. Für alle, die einen schrägen Humor haben und sich gerne auf verrückte Ideen einlassen. Ein netter Leckerbissen zwischendurch, eher für den kleinen Appettit als den großen Hunger. Und es macht Lust auf mehr ...

SaschaSalamander 13.09.2012, 20.40 | (0/0) Kommentare | PL

Solange die Nachtigall singt

INHALT

Die Handlung ist sehr komplex und schwer widerzugeben, wenn man nicht zuviel verraten möchte. Deswegen hier nur der Klappentext:

Ein Haus, abgeschieden von der Zivilisation.
Ein Wanderer, der sich verirrt.
Ein Wald mit zu vielen Gräbern.

Völlig unverhofft trifft der achtzehnjährige Jari auf die geheimnisvolle Jascha, deren Schönheit er sich nicht entziehen kann. Er folgt ihr in das abgeschiedene Haus mitten im Wald, wo sie lebt. Und das, obwohl er spürt, dass dieser Ort ein düsteres Geheimnis birgt. Etwas ist geschehen. Etwas, das schrecklicher ist als alles, was Jari sich je hatte ausmalen können. Etwas, das ihn in tödliche Gefahr bringt


GENRE

Inzwischen wissen die Fans der Autorin, dass sie sich auf kein Genre einstellen sollten. Antonia Michaelis ist eine Meisterin darin, die Grenzen der vorgegebenen Erzählmuster und Plotstrukturen aufzubrechen und eigenständige Werke zu erschaffen.

Hier gibt es viele Elemente, die aufgrund ihrer Vielzahl und vermeintlichen Widersprüchlichkeit eine Zuordnung unmöglich machen: ein märchenartiges Setting zu Beginn, ein zahmer Fuchs, das Thema Schönheit, auf den ersten oberflächlichen Blick wirkt dieses Buch wie ein verträumtes Märchen. Doch bald erkennt der Leser, dass hinter der verspielten Fassade der Tod lauert. Spannend wie ein Mystery-Thriller steigt die Spannung an, verursacht Gänsehaut, bietet Sex and Crime, Erotik und Gewalt bis hin zu einem Plot-Twist, der die meisten Leser sehr überraschen dürfte (Vielleser können möglicherweise damit rechnen, ich hatte es an einigen Stellen bereits geahnt, die Hinweise sind versteckt aber vorhanden). Die Hintergrundgeschichte um die entführten Drillinge birgt ein Drama, nach und nach erfährt der Leser, was hinter diesem Erzählstrang steckt und wie er mit der eigentlichen Geschichte zusammenhängt. Michaelis rüttelt an den Tabus ihrer Leser, manches Mal überschreitet sie die Grenze und schreibt sehr gewagte Szenen, welche den Leser verstören und aufrütteln.

Wer SOLANGE DIE NACHTIGALL SINGT liest, muss sich einstellen auf einen psychedlischen Trip voller Verwirrungen und Fallstricke. Am Ende wird zwar alles erklärt, doch nicht jedes Detail wird beantwortet. Wie auch schon in ihren anderen Büchern wird sie mit dem Ende die Leserschaft spalten: die einen finden es unbefriedigend und hätten sich mehr Antworten erhofft. Die anderen finden ihre eigene Interpretation, ihre eigenen Antworten. Ich war begeistert, für mich blieb nichts offen, und die von vielen Rezensenten angesprochenen Lücken kann ich für mich selbst sehr gut füllen und erklären.


CHARAKTERE

Konkret kann ich nur über Jari sprechen, alles andere wäre ein Spoiler. Es tauchen mehrere Personen auf, doch ihre Identität bzw ihre Existenz ist unklar. Traum, Illusion und Realität werden geschickt gemischt. Ich hatte versucht, einen klaren Überblick zu bekommen, indem ich während des Lesens einen Notizzettel hatte, auf dem ich mir die Namen, körperlichen Merkmale, Eigenheiten und Talente der jeweiligen Mädchen notierte. Das war sehr hilfreich, allerdings zweifelte ich immer wieder an meinen Notizen: waren das Logikfehler des Buches, oder hatte ich beim Notieren etwas verwechselt? Ich empfehle Euch, selbst Notizen anzufertigen, Euch von den Fehlern (?) aber nicht verwirren zu lassen, am Ende klärt es sich alles auf. Diese nicht greifbaren Charaktere machen einen großen Reiz in diesem Buch aus, es ist, als läge es dem Leser auf der Zunge, und doch kann er es nicht benennen.

Jari dagegen ist einfach zu beschreiben: er ist Mattis Freund, der Sohn seiner Mutter, Tischler-Lehrling seines Vaters. Über diese Eigenschaften definiert er sich zu Beginn, und seine Selbstfindung ist ein wichtiger Prozess. Denn im Wald gibt es keinen Matti, keine Mutter, keinen Lehrmeister, hier ist Jari nur er selbst. Doch wer oder was ist er? Und was möchte er werden, wenn er so lange im Wald bleibt? Im Trailer (den ich zum Glück erst nach der Lektüre ansah) wird leider bereits gespoilert, wer oder was Jari werden soll. Wer ohne Vorkenntnisse an das Buch herangeht, für den ist die drohende Ahnung gerade zu Beginn ein tragendes Element. Immer wieder gibt es kleine Momente, die darauf hinweisen. Als man es auf Seite 188 endgültig erfährt, wird die bisher nur empfundene Bedrohung plötzlich Realität, wird der verwunschene Märchenwald zu einer tödlichen Gefahr. Und Jari beschreitet diesen Weg offenen Auges, denn er ist nun ein anderer.


HANDLUNGSAUFBAU, ERZÄHLTEMPO

Das Buch besteht aus zwei Handlungssträngen: Jaris Erlebnisse im Wald bilden den Großteil der Erzählung. Dazwischen gibt es immer wieder Einschübe um die drei entführten Schwestern. Im Laufe der Geschichte werden diese beiden Stränge zusammengeführt, bis sie am Ende eine gemeinsame Handlung ergeben und als ein Faden weitergesponnen werden.

Das Erzähltempo ist eher beschaulich. Keine Actionszene, keine hektischen Momente. Langsam, fließend und gemütlich führt die Autorin den Leser in die geheimnisvolle Welt des Waldes ein. Genaugenommen gibt es anfangs keine klare Handlung, eher eine Aneinanderreihung von Szenen und Tagesabläufen. Mal stellen sie Apfelmost her, pflügen den kleinen Acker, musizieren sie, unterhalten sich, machen einen Spaziergang im Wald, hacken Holz und viele anderen alltäglichen Dinge mehr. Dennoch geht es im Buch stets vorwärts, sorgen kleine Andeutungen und Geheimnisse dafür, dass die Spannung konsequent steigt und niemals abbricht. Es gibt keine Längen, kein Wort, kein Absatz ist unnötig, alles bildet eine perfekte Einheit und vervollständigt das Gesamtbild am Ende.


SPRACHE

Antonia Michaelis ist eine Meisterin der zarten Andeutung. Es ist ihr möglich, schockierende Ereignisse in malerische Worte zu verpacken. Ein Tabubruch liest sich so zerbrechlich wie der Flügel der Nachtigallen, so weich wie der dunkle Samt der Kleider, so unschuldig wie der fallende Schnee. Dieser Widerspruch aus Worten und Inhalt ist der verstörende Kontrast, der das neueste Werk zu etwas Besonderem macht. Der Leser wird im Innersten gepackt, kann sich den schmeichelnden Worten nicht entziehen, nichtsahnend blickt er mit weit offenen Augen auf das Geschehen, und umso brutaler entfalten die dargebotenen Bilder ihre Wirkung.

Die Worte sitzen an den richtigen Stellen, sind perfekt gewählt, aus allen verfügbaren Synonymen das jeweils beste. Farben, Gerüche, Gefühle, sie alle haben eine Bedeutung und sorgen sowohl sprachlich als auch inhaltlich für eine dichte Atmosphäre.


ATMOSPHÄRE

Die Atmosphäre des Buches ist anfangs geheimnisvoll, mit Fortschreiten der Handlung wird sie immer bedrückender und beängstigender. Da die Autorin quasi "um die Handlung herum schreibt", nur andeutet statt beim Namen zu  nennen, ist die Bedrohung eher ein Gefühl als eine Gewissheit. Man spürt die Gefahr wie den berühmten Blick im Nacken, kann sie nicht zuordnen, bleibt in Lauerstellung, stets gespannt um vorbereitet zu sein. Wie bei einem guten Horrorfilm: je intensiver man die Handlung beobachtet, desto erschreckender ist ein unerwartet ins Bild springendes Objekt. Dies umzusetzen gelingt ihr mit Worten, wie es nur wenige Autoren vermögen.

SOLANGE DIE NACHTIGALL SINGT strahlt auch eine subtile Erotik aus, geeignet ab 16 Jahren aufgrund der Art der Darstellung, inhaltlich jedoch sehr erwachsen und erschreckend, ja sogar grenzwertig. Eine kleine Zungenspitze lugt zwischen den Lippen hervor, der Finger gleitet vielversprechend über einen Gegenstand, unschuldige Haut blitzt unter der Bluse hervor, Hände ertasten sich ihren Weg, die Silhouetten von Körpern bewegen sich wiegend im Dunkel. Ooh, der Leser hat Gänsehaut pur, teils aus Grusel, teils aus Lust, manchmal auch beides zugleich, und er kann sich nicht dagegen wehren, selbst wenn es ihm unmoralisch erscheint. Er ist eine Marionette, und die Autorin bewegt die Fäden, lässt uns hilflos zappeln und führt uns von einer Szene in die nächste.


FAZIT

Wieder hat Antonia Michaelis ein Meisterwerk erschaffen. Sie entführt uns in einen Wald, wo die Gesetze der Realität außer Kraft gesetzt werden und alles eine neue Bedeutung erhält. Düster, bedrohlich und doch feinsinnig, voller Zauber ist dieses Buch.

Wertung: 100 von 100 Fliegenpilze


SaschaSalamander 11.09.2012, 08.51 | (0/0) Kommentare | PL

Trix Solier 02 - Odyssee im Orient

2010 las ich bereits den ersten Band von TRIX SOLIER, leider habe ich nichts darüber geschrieben. Ein Jugendfantasy, aber im Grunde ein All-Ager, der mit seinem hintergründigen Humor auch Erwachsene begeistert. Autor ist Sergej Lukianenko, den ich mit seinen Werken unterschiedlichster Genres sehr gerne lese. Düstere Fantasy liegt ihm ebenso wie Science-Fiction oder Jugendromane. Man spürt den russischen Witz, und ich liebe es, wie er auf diese Weise ein Bild des modernen Russland vermittelt und dabei dennoch fernab von Raum und Zeit seine Geschichten spinnt, er gehört zu meinen liebsten Vertretern der modernen Fantasy.

Rezensiert habe ich von ihm bisher >WELTENGÄNGER / WELTENTRÄUMER< und >DER HERR DER FINSTERNIS<


Beschreibung des Verlages:

Trix träumt von ruhmreichen Heldentaten – und verbringt seine Lehrzeit mit ordinärer Küchenmagie. Als ihn ein Drache als »Kerlchen« bezeichnet, hat er endgültig die Nase voll. Zeit für ein großes Abenteuer! Im fernen Samarschan lauert der Mineralisierte Prophet und will die ganze Welt unterwerfen. Trix reist in die Wüste und trifft dort nicht nur auf Drachen in Riesenkükenform, fremdbeschleunigte Kamele, Zwerge und einen hinterhältigen Dschinn im Hawaiihemd, sondern auch auf alte Freunde. Zusammen mit Fürstin Tiana, dem gewitzen Klaro und Annette, der rauschkrautsüchtigen Fee, begibt sich Trix auf die Jagd nach dem mächtigsten Wesen der Welt.


Meine Meinung zu diesem Buch:

Trix Solier ist ein Zauberlehrling, der schon im ersten Band viele Abenteuer bestehen musste. Auch der zweite Teil - dieses Mal spielt die Geschichte im Orient - strotzt wieder vor Anspielungen. Literatur (Goethe, Schiller, britische Limericks sowie weitere) wird dieses mal großgeschrieben, trifft Trix doch auf einen Herrscher, der regelrecht vernarrt ist in diese Kunstform. Auch Rätsel kommen in Hülle und Fülle vor, einige der Protagonisten sind ziemlich rätselvernarrt. Natürlich zaubert Trix eine Menge Dinge, die man heute unter schnöden Begriffen wie "Auto" kennt. Ich liebe es, wie Lukianenko Fantasy, Märchen, mittelalterlichen Orient und Okzident sowie die moderne Gegenwart miteinander verknüpft, alle Genres über Bord wirft. Und sich im Gegenteil sogar selbst auf die Schippe nimmt, wenn Trix und seine Freunde überlegen, was in einem typischen Abenteuer nun wohl als nächstes geschehen würde (auch in anderen Werken karikiert er sich gerne selbst). Die Charaktere wachsen dem Leser schnell ans Herz, haben alle ihre Macken und Angewohnheiten, mit denen sie schnell unverwechselbar werden.

Einziger kleiner Kritikpunkt ist für mich (nicht nur hier, sondern bei fast allen seiner Werke): Lukianenko schreibt laaang. Seine Stories sind packend und voller Abenteuer, aber hier und da könnte er gerne etwas kürzer treten. Trotzdem empfinde ich diese Momente nicht als langweilig, da sie zur Atmosphäre beitragen und die Handlung dennoch vorantreiben. Schwer zu erklären, ich versuche es mal so: Die Quest führt von A nach Z, und es gibt viele kleine Zwischenschritte, sonst wäre es ja zu geradlinig und kurz. Lukienanko führt recht viele kleine Stationen ein, sodass die Helden also sehr viele Abenteuer erleben, aber natürlich zögert sich dadurch auch alles hinaus. Ich denke, eine gute Umschreibung ist: "lang, aber nicht langweilig". Man muss Zeit mitbringen und Geduld, aber man wird prima unterhalten. Und man muss bereit sein, dass die Geschichte ziemlich viele Umwege beschreitet.

Wer Fantasy liebt und mal etwas lesen möchte, das abseits der gängigen Klischees und zu erwartenden Handlungsabläufe ein bisschen Abwechslung bietet, der ist hier goldrichtig. Auch Freunde von Pratchett und Co dürften Trix lieben, denn der Humor ist ähnlich schräg.

Und was das Hörbuch betrifft: zu Stefan Kaminski spare ich mir die Worte, er ist einfach toll und macht jedes Hörbuch quasi zum One-Man-Hörspiel, dass man meint eine ganze Riege verschiedener Sprecher vor sich zu haben. Seine Stimme, sein Vortrag, es ist wie immer meisterlich.


SaschaSalamander 10.09.2012, 14.36 | (0/0) Kommentare | PL

Solange die Nachtigall singt

Das Buch liest sich langsam. Im positiven Sinne. Ich spüre es, lasse es wirken, mag nicht eilen sondern bewusst Seite für Seite, Wort für Wort genießen. Es steckt voller Symbole, Andeutungen und Hinweise, von denen ich keinen verpassen möchte. Es strahlt eine dunkle Erotik aus, unschuldig und zugleich erschreckend erwachsen. Es zieht den Leser in eine Finsternis, und doch ist es leichtfüßig, zart und zerbrechlich. Der Leser fühlt sich beobachtet, und doch ist er es, der beobachtet, der Eindringling, der Voyeur, der Fremde. Über allem ein Gefühl von Bedrohung und Gefahr, nicht greifbar. Wie ein Spaziergang im Wald, nachts, alleine. Still, die Nacht sanft und schwer, die Luft leicht und klar, das Licht des Mondes zaubert geheimnisvolle Schatten, diese nicht greifbare Freiheit und zugleich Angst, von der Autorin perfekt eingefangen, mit Worten gemalt.

Der Verlag hat das Buch angekündigt als "Meisterwerk der Märchenerzählerin". Mit solchen Vorschusslorbeeren bin ich immer Vorsichtig. Einige Blogs und Kritiker loben das Buch als "Highlight des Lesejahres 2012". Auch das finde ich im August etwas unfair gegenüber allen bisher noch nicht erschienenen Büchern. Ich bin kein Fan von Superlativen, auch vergleiche ich nicht gerne, wie kann man auch die Qualität von Antonia Michaelis mit der eines Thrillers, einer Romance, eines Unterhaltungsbuches vergleichen, wäre das nicht unfair allen Beteiligten gegenüber? Doch abgesehen davon - ja, dieses Buch begeistert mich, und ich bereue es nicht, dass ich sofort zum Erscheinungstermin sofort in die Stadt gefahren bin und alle anderen Bücher liegengelassen habe.

Das halbe Buch liegt noch vor mir. Ich wünschte, ich hätte es schon gelesen, die Spannung ist nur schwer erträglich, das unbestimmte Gefühl verdichtet sich, ist körperlich beim Lesen spürbar. Und ich wünschte, es würde nie aufhören - es ist die Art Geschichte, bei der man alle beneidet, die den Genuss noch vor sich haben.

Ausnahmsweise gefällt mir übrigens auch der Trailer. Obwohl ich sonst kein Fan von Buchtrailern bin. Doch wie schon im >MÄRCHENERZÄHLER< und >DIE WORTE DER WEISEN KÖNIGIN< beschreibt Michaelis keine fortlaufende Handlung sondern malt die ihre Worte poetisch um die Geschichte herum, das Geschehen ergibt sich aus den Bildern, eher eine Ahnung denn ausgesprochene Klarheit. Diese Bilder wurden in den Trailern der jeweiligen Bücher sehr gut eingefangen, sie vermitteln sehr gut die Atmosphäre, die beim Leser entsteht.

Ebenfalls ungewöhnlich: mir ist egal, wie ein Cover aussieht, in den meisten Fällen hat das sowieso nichts mit dem Buch zu tun. Ich will ein Buch nicht anfassen, brauche kein Relief, kein buntes Bild, von mir aus könnten alle Bücher gleich aussehen (wäre im Regal sogar wesentlich praktischer). Aber bei dieser Autorin gibt man sich ganz besondere Mühe, beide oben genannten Bücher und auch dieses hier sind wirklich prächtig. Die Farben gedeckt, geheimnisvoll, der Schutzumschlag fest und glänzend. Und das Buch ohne Schutzumschlag sieht fast ebenso aus, das Bild das gleiche nur ohne die Andeutung des Menschen, allein die Landschaft. Da ich Bücher stets ohne Schutzumschlag lese, freue ich mich über solche kleinen Bonbons.


Der Klappentext:

Ein Haus, abgeschieden von der Zivilisation.
Ein Wanderer, der sich verirrt.
Ein Wald mit zu vielen Gräbern.

Völlig unverhofft trifft der achtzehnjährige Jari auf die geheimnisvolle Jascha, deren Schönheit er sich nicht entziehen kann. Er folgt ihr in das abgeschiedene Haus mitten im Wald, wo sie lebt. Und das, obwohl er spürt, dass dieser Ort ein düsteres Geheimnis birgt. Etwas ist geschehen. Etwas, das schrecklicher ist als alles, was Jari sich je hatte ausmalen können. Etwas, das ihn in tödliche Gefahr bringt

>Das Lied der Nachtigall< auf der Seite des Verlages downloaden.

SaschaSalamander 01.09.2012, 21.03 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Vollendet

shusterman_vollendet_1.jpegACHTUNG:

Diese Rezension ist Teil einer >Doppelrezension<. VOLLENDET hat sehr viele positive Bewertungen, und ich bin einer der wenigen harschen Kritiker. Aber dieses Buch verdient es, dass man darüber redet, es bietet sehr viel Stoff für Diskussionen. Deswegen also zwei Rezensionen, zwei Meinungen. Ich danke Anette vom Blog >KATZE MIT BUCH< für ihre Rezension.



>Hier< geht es zur Doppelrezension :-)
>Hier< geht es zu Anettes Rezension :-)


AUTOR, BUCH


>Neal Shusterman< ist Autor von Jugendromanen, schreibt auch Drehbücher für Filme und Serien. VOLLENDET erschien als erster Teil einer mehrteiligen Reihe bereits 2007 in Amerika unter dem Titel UNWIND. Im deutschen Buch findet sich keinerlei Hinweis auf die Folgeromane. Ausnahmsweise bin ich darüber allerdings nicht verärgert, denn das Buch kann sehr gut für sich stehen und benötigt keine Fortsetzung.


INHALT

Connor, Risa und Lev sind drei grundverschiedene Jugendliche. Connor hat ständig Ärger am Hals. Risa lebt in einem Waisenhaus und ist talentierte Klaviersolistin. Lev lebt wohlbehütet in einer strenggläubigen Familie. Doch allen drei ist etwas gemeinsam: sie sollen umgewandelt werden. Das heißt: gemäß der Charta des Lebens, die nach dem Heartland-Krieg erlassen wurde, können ihre Eltern bzw Heimleiter bestimmen, dass sie als Organspender komplett verwertet werden. Denn schließlich sterben sie ja nicht - sie leben lediglich in vielen anderen Körpern weiter, so sagt man. Während Lev sein Leben lang als Zehntopfer auf diese Aufgabe vorbereitet wurde und nun mit Stolz seinen letzten Weg antritt, sind Connor und Risa natürlich gar nicht begeistert über die Art ihres geplanten Ablebens. Bei Connors Flucht kreuzen sich die Wege, die drei treffen aufeinander, ein wildes Szenario mit jeder Menge Action nimmt seinen Lauf.


CHARAKTERE

Die Charaktere werden nicht großartig vorgestellt, der Leser wird sofort in die Handlung geschmissen. Man kann es gutheißen, dass der Autor sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält und gleich zum Wesentlichen kommt. Für mich selbst allerdings fehlt hier etwas, denn ich hätte schon gerne gewusst, welchen Ärger Connor seinen Eltern immer wieder machte, auf mich wirkt er im Buch nicht wesentlich schwieriger oder aufmüpfiger als jeder andere typische Jugendliche. Auch später wird nur wenig auf die Charaktere eingegangen. Besonders Lev, der im zweiten Band (noch nicht auf Deutsch erschienen) eine wichtige Rolle einnimmt, erlebt eine drastische Wandlung in seinem Denken und Handeln. Es ist zwar ersichtlich aus den Ereignissen, wird allerdings niemals erwähnt oder geschildert, es ist eben einfach so, plötzlich ist er anders. Charakterentwicklung ist etwas, worauf ich großen Wert lege, und das wurde hier bei allen Figuren leider unterschlagen. In einem Film wäre es okay, als Drehbuch wäre VOLLENDET hervorragend geeignet, in einem Buch wünsche ich mir allerdings intensiveren Einblick in die Köpfe der Hauptrollen.

Die Nebencharaktere (von denen es sehr viele gibt) werden lediglich am Rande gestreift, nehmen vom ersten Moment an sofort ihre Rolle als Good oder Bad Guy ein und sorgen nicht für Überraschungen. Sie sind sehr klar strukturiert.

Auch, wenn ich nicht mehr dem Alter der Zielgruppe entspreche - in vielen Jugendbüchern kann ich mich gut in die Figuren hineinversetzen, fiebere mit ihnen, kann mich mit ihnen identifizieren. Das war hier nicht der Fall. Durch den Schreibstil (mehr dazu im Absatz zur Sprache) und die wenigen Einblicke in die Köpfe der Charaktere fehlte mir der Bezug. Ich litt nicht mit ihnen, ihr Schicksal war mir relativ egal. Es ließ mich leider ziemlich kalt, wenn ihnen schreckliche Dinge widerfuhren, einzelne von ihnen sogar starben, umgewandelt wurden oder verschwanden.


AUFBAU

Das Buch ist in unzählige sehr kurze Kapitel unterteilt, gelegentlich sogar nur zwei oder drei Seiten, selten 10 oder mehr. Überschrift ist jeweils der Name der agierenden Person (die Handlung wird erzählt aus verschiedenen Perspektiven) oder aber der beschriebenen Einrichtung, des vorgestellten Ortes. Durch die vielen Sprünge hatte ich das Gefühl, immer wieder herausgerissen zu werden aus dem Lesefluss, zwar gab es Cliffhanger, aber was nützt der schönste Cliffhanger, wenn ich auf den zwei Seiten zuvor nicht die Chance hatte, mich ausreichend in die Figur hineinzuversetzen, um den spannenden Moment wirklich mitzuempfinden.

Die Geschichte an sich ist sehr geradlinig und direkt, sie führt von A nach B. Gelegentlich verlieren sich die drei Jugendlichen und gehen willentlich oder gezwungen getrennte Wege, doch natürlich wird am Ende alles wieder zusammengeführt. Fast ein Roadmovie, bei dem die Kids imemr wieder auf der Flucht vor dem Staat auf Helfer treffen, die sie verstecken, aber auch auf Menschen, die sie verraten.

Es gibt keine Nebenhandlung, auch mit Überraschungen, Konflikten und Twists ist der Autor sehr sparsam. Konflikte werden sehr schnell erklärt, ungewöhnliche Ereignisse werden sofort aufgelöst.


SPRACHE

Die Handlung wird in der Gegenwart erzählt, eine klare und nüchterne, sachliche Sprache führt dazu, dass der Leser sich von den Figuren und der Geschichte distanziert. Es wird weniger dazu animiert, mitzufiebern, als einfach und klar eine Story erzählt, der Leser ist weniger in den Köpfen der Protagonisten als vielmehr lediglich der Zuschauer eines actionreichen Filmes. An sich nicht schlecht, denn es lässt sich schnell und flüssig lesen, man hat es zügig in einem Rutsch abgeschlossen. Doch das, was Bücher für mich von Filmen abhebt, das was die Faszination Lesen im Vergleich zum Filmsehen ausmacht, das fehlt hier. Für Lesemuffel, die einen Film nach dem anderen sehen und mal zum Lesen animiert werden sollen, ist das also wirklich perfekt, aber für geübte Leseratten, die sich etwas mehr versprechen, ist die Sprache zu einfach gehalten und kratzt zusehr an der Oberfläche.

Es gibt sehr viele Begriffe in der Zukunft, die dem Leser vom ersten Moment an inflationär entgegengeworfen werden: Klatscher, Storchen, Umwandeln, Zehntopfer, Wandler, JuPos und viele mehr. Das ist eine nette Idee, durch die man sich im ersten Moment auch wirklich in eine andere Welt / Zeit versetzt fühlt, doch da sich der fiktionale Charakter inhaltlich und sprachlich auf diese Elemente beschränkt, wirkt es eher aufgepropft und gewollt als Teil eines großen komplexen Ganzen.

Ein Beispiel für das Innenleben der Charaktere, auf das wenig eingegangen wird: "er schämte sich, doch er verspürte keinerlei Gewissensbisse". Das ist eine klare Beschreibung des Gefühls, doch dem Leser wird es zu knapp serviert. Gewissensbisse, Scham, das sind feste Begriffe, das ist erzählen statt zeigen, doch ich bin Fan von "Show, don´t tell", ich will es selbst erleben statt nur erzählt zu bekommen. Ich will lesen, wie ihm das Blut heiß in die Wangen schießt und er den Blick senkt. Aber wie er darauf wartet, dass sich der Magen zusammenkrampft und das Gewissen an ihm nagt, dies jedoch nicht passiert. So aber bleibt es für meinen Geschmack eine trockene Aneinanderreihung von Beschreibungen, wie er sich gerade fühlt.


THEMEN, UMSETZUNG

Die Themen des Buches sind wirklich gelungen, und immer wieder werden verschiedene Aspekte angeschnitten, die weitläufige Denkansätze bieten. Eine Szene gibt es, in der die Jugendlichen über Seele und Leben diskutieren, die ich sehr gelungen finde. Ansonsten allerdings werden die Themen eher nebenbei angeschnitten. Man kann nicht erwarten, dass der Autor Antworten hierauf gibt, das ist klar, doch all diese Dinge eher nur nebenbei zu streifen, das erweckt bei mir den Eindruck, als wolle da jemand möglichst intellektuell und philosophisch wirken, ohne jedoch einen tieferen Hintergrund zu bieten. Bauen wir Dinge ein wie Abtreibung, Kriminalität, Scheidung, Religiösen Wahn, Adoptionsrecht, Ehe zwischen Homosexuellen, Existenz von Seele, Organspende, die Schere Arm-Reich, ein bisschen Kritik am aktuellen Gesundheitssystem - und schwupps habe ich einen Bestseller, über den die Leute reden. Dazu vielleicht noch die Frage, ob Kriminalität angeboren ist oder in den Genen liegt, inwieweit das motorische Gedächtnis einen Teil der Seele beinhalten könnte und ob ein Mensch für die Verbrechen eines anderen bestraft werden kann, wenn dessen Seele bzw Körper ein Teil von ihm wurde.

Schade, schade, das verschenkte Potential dieses Buches ist enorm! Die Themen sind wichtig, und der Autor hat das Talent, fesselnd zu schreiben und Kids zu unterhalten. Er hätte sehr, sehr viel aus dieser Story machen können. Aber einfach nur alle Zutaten in einen Topf zu werfen macht leider keinen guten Eintopf, es braucht auch gute Gewürze und das "gewisse Etwas", sonst bleibt es einfach nur eine Mischung verschiedener Zutaten.

Was hier auch ein bisschen fehlt bei der Umsetzung, das ist die nähere Beschreibung der Zukunft. Wie beim Absatz Sprache schon angedeutet, ist die Welt eigentlich exakt die gleiche wie bei uns, wenn man von ein paar Gesetzen und Fachbegriffen absieht. Es scheint also eine Zukunft zu sein, die allzu weit nicht von unserer Gegenwart entfernt ist. Wie kommt es also, dass die Menschen ihr ethisches Verständnis so grundlegend verändert haben, dass Eltern bereit sind, ihre eigenen Kinder ab dem Alter von 13 quasi rückwirkend abtreiben zu lassen? Dass menschliches Leben so wenig wert ist, dass man lieber ein fremdes Körperteil transplantiert anstatt zu operieren und zu heilen? Es wird erklärt, aber die Gründe sind nicht schlüssig. Es erinnert mich an Salomos Urteil: "wenn beide das Baby wollen - dann werden wir es eben teilen" - das mag als alte Bibelgeschichte funktionieren, aber in VOLLENDET wurde das Baby quasi wirklich geteilt, um beiden Müttern etwas abzugeben, und es ist mir unbegreiflich, wie in wenigen Jahren von heute an auch nur ein einziger vernünftiger Mensch dieser Entscheidung zustimmen konnte. Ich hätte mit dieser Aussage leben können, wenn mehr Hintergründe geschildert worden wären, so jedoch ist es ein Buch, das viele Ideen verpulvert, ohne eine komplexe Geschichte dahinter zu bieten.


PERSÖNLICHE MEINUNG

Es tut mir leid, durchgehend so negativ über das Buch zu schreiben. Denn ich habe es sehr schnell und an sich auch angeregt gelesen. Die Gedanken dahinter, das hat mich sehr gereizt, ich habe mich auch nach der Lektüre intensiv mit dem Buch befasst, wie man dieser Rezension deutlich anmerkt. Und ich habe mich durchweg sehr gut unterhalten. Besonders für Lesemuffel halte ich es geeignet, ich kann mir vorstellen, dass es für Jugendliche eine gute Diskussionsgrundlage bietet, ohne ständig mit dem Zeigefinger zu wedeln. Die vielen positiven Rezensionen bei Amazon zeigen mir, dass das Buch bei der Zielgruppe wohl auch tatsächlich sehr gut ankommt. Nun, es ist wohl wirklich ein reiner Jugendroman, kein All-Ager, und allzu viel Tiefgang, Komplexität oder Hintergrund sollte man nicht erwarten. Ich finde allerdings, dass Jugendliche es verdient haben, mehr als nur oberflächliches Kratzen und rein straight handlungsorientierte Stories geboten zu bekommen.

Ich verstehe, warum so viele Leser positiv überrascht sind und das Buch lobend beschreiben. Und ich möchte auch niemandem den Lesespaß daran vergällen. Aber für mich selbst muss ich sagen, dass ich mir weit mehr von den Themen versprochen hatte. Das Buch ist für mich eine Ansammlung von verschenkten Möglichkeiten.


FAZIT

VOLLENDET ist ein dystopischer Jugendroman, der sich schnell und ohne Schwierigkeiten in einem Rutsch lesen lässt. Kurze Kapitel, eine einfache Sprache, in seiner einfach gestalteten Handlung auch sehr gut geeignet für Lesemuffel, die sich mit spannenden Themen auseinandersetzen möchten. Doch wer sich Tiefgang erhofft, wer mehr über die dargestellte Zukunft erfahren möchte, wer komplexe Charaktere liebt - wer findet, dass Bücher mehr sein sollten als actionreiche Drehbücher - der wird zwar gut unterhalten, ansonsten aber enttäuscht.

Wertung: 3 von 5 Haifisch-Tattoos

SaschaSalamander 21.08.2012, 09.20 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Doppelrezension - Vollendet

INHALT

Der 16-jährige Connor hat ständig Ärger. Risa lebt in einem überfüllten Waisenhaus.Lev ist das wohlbehütete Kind strenggläubiger Eltern. So unterschiedlich die drei auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind auf der Flucht. Vor einem Staat, in dem Eltern ihre Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren „umwandeln“ lassen können.

Die Umwandlung ist schmerzfrei. Jeder Teil des Körpers lebt als Organspende in einem anderen Organismus weiter. Aber … wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem ... lebst du dann, oder bist du tot?


Neal Shusterman: VOLLENDET, Sauerländer 2012;
Original: Unwind, Simon and Schuster 2007



KATZE MIT BUCH SAGT:



Die Geschichte hat mich in ihrer Umsetzung zwar an einigen Stellen angeekelt und vor den Kopf gestoßen, aber für mich hat der Autor hier ein Thema überspitzt und grotesk dargestellt, um Kritik an Gesellschaft und Religion eindringlich und nachhaltig zu vermitteln. Seine verwendeten Stilmittel haben die Aussagen noch unterstützt und sein distanzierter Schreibstil visualisiert, wie wenig der Mensch als Person wert ist. In "Vollendet" zählt nur die Hardware, nicht das Innere des Menschen, deshalb fand ich die Kälte und stellenweise Abgebrühtheit, mit der er einige Szenen schildert, nicht nur angemessen, sondern absolut notwendig.

Wertung: 5 von 5 Fischgräten
>Hier< geht es zur kompletten Rezension



SARA SALAMANDER SAGT:



Die Geschichte ist spannend zu lesen, die Grundidee ist hervorragend. Thematisch ist das Buch großartig. Doch in seiner Machart wirkt es lediglich wie eine Aneinanderreihung von verschiedenen Szenen, Themen und Momenten. Vordergründig spannend, dahinter fehlt jedoch das Konzept, das der Geschichte eine solide Basis verleiht und das Grundgerüst mit Fleisch und Leben füllt. Sprache und Umsetzung der Themen bleiben oberflächlich und distanziert, eine Beziehung zu den Charakteren kann der Leser dadurch nicht aufbauen. Es wurden sehr viele Möglichkeiten verschenkt. Unterhaltsam zu lesen, mehr leider nicht.

Wertung: 3 von 5 Haifisch-Tattoos
>Hier< geht es zur kompletten Rezension



SaschaSalamander 21.08.2012, 09.18 | (0/0) Kommentare | PL

Der Junge, der Gedanken lesen konnte

boie_gedanken_1.jpgINHALT

Valentins Vater und seine restliche Familie blieben damals nach dem Tod seines Bruders Artjom in Kasachstan, nur er und seine Mutter kamen nach Deutschland. Und nun heißt es wieder umziehen, denn seine Mutter hat eine Stelle als Marktleiterin bekommen. In seinem neuen Zuhause muss er sich erst zurechtfinden, hat noch keine Freunde. Auf dem Weg in die Bücherei begegnet er Mesut, der in seiner Straße wohnt und der ihm nicht geheuer ist. Und auf dem Friedhof lernt er Herrn und Frau Schelinsky kennen, Herrn Schmidt, "Dicke Frau" und den Friedhofsgärtner Herr Bronnislav, eine gesellige Runde. Mit ihnen versteht er sich gut, er kommt nun immer öfter auf den Friedhof. Bald freundet er sich auch mit Mesut an, der ihn begleitet. Eines Tages erfährt Valentin von einem Verbrechen, und Herr Bronnislav könnte darin verwickelt sein, aber das will Valentin nicht glauben und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei ist ihm seine neuentdeckte Gabe, Gedanken lesen zu können, sehr hilfreich.


FANTASY (GEDANKENLESEN)

Obwohl Valentin Gedanken lesen kann, ist dies nicht der Kern des Buches, den Leser erwartet kein Fantasy. Der weise Herr Schmidt kommentiert es treffend, wenn er meint, er habe schon so viel gesehen und erlebt, warum also nicht auch einen Jungen, der Gedanken lesen kann? Außerdem ist Valentin gar nicht so begeistert, ihm wird übel dabei, und er fühlt sich wie ein Eindringling, wenn er die persönlichen Gefühle der anderen teilt, er vermeidet es nach Möglichkeit. Eigentlich hätte man diesen Aspekt komplett aus dem Buch weglassen können, es hätte nicht gefehlt. Trotzdem bietet es natürlich zusätzlichen Diskussionsstoff und ist eine nette Ergänzung zur eigentlichen Handlung.


KRIMI (VERBRECHEN)

Die Aufklärung des Verbrechens ist wichtig, aber nicht der Kern. Valentin vergleicht sein Vorgehen immer mit der Kinderbande, von der er schon viele Bücher gelesen hat. Das fand ich nett umgesetzt von der Autorin, nimmt es doch freundlich das Genre der Kinderdetektive ein bisschen aufs Korn, obwohl es ja selbst ein Jugendkrimi ist.


MULTIKULTI

Ganz nebenbei wird auch das Thema der Multikulti-Gesellschaft angesprochen. Valentin kommt aus dem Kasachstan, Mesut ist Türke, Bronnislav ist Pole (wie er niemals müde wird zu betonen, wenn Herr Schmidt wieder "Alter Schwede" von sich gibt). Es ist allen egal, woher sie kommen, und doch bringen sie alle ihre eigenen Geschichte mit. So besteht in Mesuts Familie z.B. die Frage, ob sie den Urlaub in der Türkei verbringen wollen oder doch auf Gran Canaria. Auch Mesut erinnert sich viel an seine alte Heimat und überlegt, wo er nun hingehört. Doch wie gesagt ist dies etwas, das nebenbei geschieht und auf diese Weise den jungen Hörern ganz entspannt aufzeigt, wie Menschen verschiedenster kultureller Hintergründe miteinander auskommen und ihren Alltag erleben.


TOD UND STERBEN

Was den Großteil des Buches ausmacht, ohne sich dabei unangenehm in den Vordergrund zu drängen, das ist das Thema Tod und Sterben. Hier gehen alle verantwortungsvoll und bewusst damit um, aber ohne Tammtamm, ohne Angst. Sterben wird als ein Teil des Lebens betrachtet. Natürlich stellt sich auch die Frage, warum junge Menschen sterben müssen und ob das gerecht ist. Durch die entspannte Grundhaltung der erwachsenen Protagonisten ist das Buch sehr informativ und interessant für Kinder zu lesen. Die Freunde treffen sich auf dem Friedhof, weil sie kein Geld für einen Schrebergarten hatten, also beschlossen sie ihr Grab schon zu Lebzeiten zu kaufen und dieses kleine Fleckchen vorab zu nutzen. Sie möchten ihre "Nachbarn" kennenlernen, sie genießen das Leben und akzeptieren den Tod, freuen sich an der Natur, den wiederkehrenden Besuchern, bringen sogar Würstchen und Salat mit, sitzen auf Klappstühlen. Ob dies eine lebensbejahende Einstellung ist oder verwerfliche Störung der Totenruhe, das ist ein ständiger Streitpunkt zwischen dem Antagonisten (Verwalter des Friedhofs) und Familie Schelinsky. Kindern und Jugendlichen wird dadurch gelehrt, dass der Tod nichts Beängstigendes ist. Man soll das Leben genießen und Feiern, darf sich vor dem Tod aber nicht verschließen.

Da jedoch sein Bruder noch als Jugendlicher starb, hat unser Junge nun mit vielen Fragen zu kämpfen. Er trägt das Gefühl in sich, dass Artjom der bessere von ihnen war und er nun schlechter ist, seinen Bruder niemals ersetzen kann. Er fühlt sich schuldig, weil er kurz vor dem Unfall einen Streit mit ihm hatte, ohne den es vielleicht nie passiert wäre. Und sein Handeln richtet er stets danach, was sein großer Bruder getan hätte, denn der war klug und mutig. Während die Familie nicht mit ihm über diese Probleme reden kann und will, findet er in den Freunden auf dem Friedhof und in Mesut nun endlich Menschen, die ihm weiterhelfen. Besonders der alte Herr Schmidt gibt ihm Kraft und hilft ihm, sich von der Vergangenheit zu lösen und nun endlich vorwärts zu leben.

Und all das - ohne Zeigefinger, ohne umständliche Erklärung, sondern zwischen den Zeilen, verpackt in einen gemütlichen Krimi mit sympathischen Charakteren und zwei gewitzten jugendlichen Identifikationsfiguren.


CHARAKTERE

Zu den Charakteren habe ich im Abschnitt Genre ja eben bereits einiges erzählt. Sie wachsen dem Leser sofort ans Herz. Jugendlichen, weil sie sich in den beiden Jungs wiederfinden und von den Erwachsenen verstanden fühlen. Und den erwachsenen Lesern, weil die Kids wirklich sehr realitisch und kindlich - gewitzt dargestellt sind und die Erwachsenen mit ihrer aufgeschlossenen, lebensbejahenden Art gefallen. Jeder von ihnen trägt sein Päckchen mit sich, viele kleine Geschichten verbergen sich hinter den einzelnen Lebensläufen.

Schön zu beobachten ist auch, wie Valentin sich im Laufe der Handlung verändert: seine Einstellung zum verstorbenen Bruder überdenkt, sich mit dem anfangs von ihm gefürchteten Mesut anfreundet und wie er lernt mit seiner Gabe des Gedankenlesens umzugehen. Mit Valentin, Mesut, Schelinsky, Schmidt (samt Hund Jiffles) und Bronnislav hat Kirsten Boie Charaktere geschaffen, die mir seit dem Lesen vor einigen Tagen noch immer durch den Kopf gehen. Ich habe sie liebgewonnen, als wären es gute Freunde, und nur ungern habe ich mich am Ende von ihnen getrennt.


SPRECHER

Can Acikgöz ist ein sehr junger Sprecher, Jahrgang 2000. Er gewann 2012 den Lesewettbewerb des Deutschen Buchhandels und bekam nun die Möglichkeit, dieses Hörbuch zu sprechen. Und ich war wirklich begeistert! Mag sein, dass er erst 12 ist, dass er kein professioneller Sprecher ist, aber dafür macht er seine Sache wirklich großartig. Und ich finde es eine wirklich mutige und vor allem begrüßenswerte Idee, dass der Verlag keinen professionellen Sprecher engangiert hat sondern eben Can. Dadurch ist die CD den Kindern näher, als würde ein jugendlicher oder gar erwachsener Sprecher den Text einlesen.

Ja, hier und da macht er kleine Fehler, und natürlich hört man, dass er sich Mühe gibt (bei einem professionellen Sprecher klingt es locker und selbstverständlich). Aber gerade das macht es auch überaus sympathisch, ich habe ihm sehr gerne zugehört. Ich habe etwa eine Drittel CD gebraucht, um mich an seine Betonung zu gewöhnen (da er eben noch sehr bewusst liest, betont er genau und oft etwas zuviel, sodass die Sprachmelodie sehr ungewohnt ist im ersten Moment), und danach war ich wie gesagt ziemlich begeistert über das, was er da an Leistung abgeliefert hat. Seine Aussprache ist wirklich sehr gut und ohne weitere Beanstandungen, ein klar verständliches Hochdeutsch ohne große Ausrutscher. Sein Sprachtempo ist optimal, die Stimme klingt angenehm im Ohr und hat einen recht guten Wiedererkennungswert.

Was ich besonders anmerken möchte ist sein Talent, verschiedene Sprechweisen, Dialekte und Sprachmuster zu imitieren. Jeder Charakter hatte eine eigene Stimme, eine eigene Melodie, einen ganz eigenen Akzent. WOW! Das ist etwas, das selbst unter den geübten Sprechern nicht alle beherrschen, und Can scheint da wirklich eine natürliche Begabung dafür zu haben. Mesut mit seinem "ey Alder" ebenso wie die verwirrte "Dicke Frau" oder Bronnislav mit seinem polnischem Akzent, der bedächtige alte Herr Schmidt, sie alle bekommen ihre eigene Note verpasst, das Hören war für mich ein richtiger Genuss.


FAZIT

Ein herausragendes Kinderbuch, das wirklich allen Anforderungen von Pädagogik und Unterhaltung gerecht wird. Ich bin ja immer sehr kritisch in der Vergabe meiner Punkte, aber ich wüsste wirklich nicht, wo ich hier etwas abziehen sollte. Im Gegenteil, gerne lege ich noch ein bisschen drauf, als kleinen Bonus für Can, der hier wirklich eine bemerkenswerte Leistung erbracht hat. Can, super gemacht, ich hoffe auf weitere Kinder- und bald auch Jugendhörbücher von Dir!

Wertung: 12 von 10 Golddollar


SaschaSalamander 20.08.2012, 16.37 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Über uns Stille

morton_stille_1.jpgVORAB

Der Autor ist für mich ein Garant für gute Bücher. Egal was, ich freue mich es zu lesen. Auch das Thema fand ich dieses Mal wieder interessant. Einen Atombunker habe ich selbst einmal besichtigt, natürlich keinen privaten, aber einen öffentlichen unter unserer Stadt, es war sehr beklemmend und hat nachhaltig sehr großen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich war gespannt, was Rhue Morton aus diesem Thema machen würde.


AUTOR

Rhue Morton (eigentlich Todd Strasser) arbeitete als Straßenmusiker, Journalist und später als international erfolgreicher Autor. Am bekanntesten dürfte wohl der inzwischen auch verfilmte Roman DIE WELLE sein. Mir persönlich gefielen >BOOT CAMP< und ASPHALT TRIBE auch sehr gut, ebenso habe ich bereits ICH KNALL EUCH ALLE AB, GHETTO-KIDZ und WISH U WERE DEAD gelesen, FAMEJUNKIES habe ich noch vor mir. Markenzeichen seiner Bücher ist es, dass sogar Lesemuffel begeistert seine Titel verschlingen, er schreibt perfekt für Jugendliche, nimmt sie ernst und klärt sie zudem über wichtige Themen auf, er unterhält und regt zum Nachdenken an. Ein Autor, den ich immer wieder gerne empfehle, wenn Eltern nach Büchern fragen, die pädagogisch sind, Spaß machen und auch einen gewissen Anspruch haben.


INHALT

Eines Tages muss Scott mit seiner Familie in den Atombunker. Doch als der Alarm losgeht, kommen auch die Nachbarn, und es gelingt Scotts Vater nicht, sie aus dem nur für 5 Leute gedachten Raum fernzuhalten. So sind sie nun zu zehnt unter der Erde, zwei Wochen müssen sie warten, bevor sie wieder über die Erde dürfen. Die Nerven liegen blank. Wie sollen die Vorräte nur so lange reichen? Wie mag es gerade über der Erde aussehen?


INTENTION

Ich gebe zu, dass dies für mich ein Punkt ist, an dem ich etwas knabbere. In allen Büchern des Autors ist mir klar, was er den Lesern erzählen will. Hier habe ich mich oft gefragt, worum es ihm ging. Es werden viele verschiedene Konflikte angesprochen (siehe entsprechender Absatz). Auch das Thema Krieg, Atomkrieg, Kubakrise ist wichtig. Gerade nach Fukushima stellt sich die Frage nach der Gefahr von Atomwaffen und Atomkraftwerken, und das Thema Krieg ist leider auch immer wieder präsent. Aber worauf will der Autor hinaus? Will er aus Sicht von Scott zeigen, wie schlimm Krieg ist? Will erzeigen, wohin Schubladendenken und Kriegstreiberei führen? Oder will er einfach nur zeigen, wie es sich in einem Bunker anfühlen könnte?

Da ich das Buch ohne Vorkenntnis las (um Spoilern zu vermeiden) wusste ich auch nicht, worauf die Geschichte abzielte: da es in der Kubakrise ja nicht zu einem Atomkrieg kam - spielte das Buch in einer parallelen Realität, in der es doch passierte? Oder war am Ende alles ein Missverständnis, und die Familie war umsonst im Bunker? Dieses trug dazu bei, dass ich die 3 CDs über ständig diese ungewisse Frage im Kopf hatte. Das Ende hat klar gezeigt, welche von beiden Möglichkeiten der Autor nun gewählt hatte. Aber was er mir damit nun sagen wollte, ist mir noch immer nicht klar. Was nicht die Brisanz und Wichtigkeit des Themas infrage stellen soll. Aber beim Lesen höre ich dem Autor quasi zu, und ich möchte kein Gespräch führen bzw nicht lauschen, wenn ich mich frage wozu. Die Intention eines Buches ist für mich elementar.

Auch, wenn das Ende die Situation erklärt, ist dennoch sehr viel offen. Ich hätte mir gewünscht, dass etwas mehr geschildert wird als nur das abrupte Ende. Viele Konflikte werden nicht aufgelöst (natürlich, wie auch. Dennoch sehr unbefriedigend für den Leser), und hier am Ende könnte eigentlich direkt Teil 2 ansetzen, es wirkt wie die Pilotfolge für eine lange Serie.


CHARAKTERE

Mit Scott werden viele jungen Leser sich bestimmt gut identifizieren können. Er ist ein lebhafter Junge, baut mit seinen Freunden auch mal Unsinn, ist im Grunde aber vernünftig und weiß um Recht und Unrecht. Trotzdem geht er mit seinem Freund Torte aus der Garage der Nachbarn stehlen oder muss gelegentlich Prügel von seinem Vater einstecken für seine Untaten. Doch er beobachtet seine Umwelt genau, macht sich viele Gedanken über das Warum der Dinge. Es ist dem Autor sehr gut gelungen, die Gedanken eines Jugendlichen einzufangen und zu Papier zu bringen, realistisch und ohne sich durch irgendeine alberne Jugendsprache anzubiedern, ohne zu erwachsen zu wirken.

Die anderen Charaktere werden nur aus Scotts Perspektive geschildert, sodass man nur ihr Handeln sehen kann, nicht ihre Beweggründe. Doch auch ihr Handeln sagt sehr viel über sie aus, schnell bilden sich Sympathieträger und ungeliebte Figuren. Alle befinden sich in einer dramatischen Ausnahmesituation, und auf engstem Raum ganz ohne feste Regeln zeigt sich, was wirklich in ihnen steckt. Der Autor wertet nicht, Scott beobachtet nur, erstaunlich rational, doch immer altersgerecht.


ERZÄHLEBENEN UND DEREN WIRKUNG

Das Buch beinhaltet drei Erzählebenen. Die eine ist die erzählte Gegenwart, in der Scott, sein Bruder "Sparky", seine Eltern sowie sechs weitere Personen sich im Bunker befinden. Die Frage nach einem Anführer stellt sich, auch die Frage nach der Rationierung der Lebensmittel und Bedarfsartikel. Schwarze und Weiße, Frauen und Männer, der eher stille und zurückhaltende Erbauer des Bunkers und der wortgewaltige, körperlich starke Eindringling, sie alle sitzen sich gegenüber und müssen nun damit klarkommen: es ist nicht möglich, eingenässte Hosen zu wechseln. Die Verletzte kann nicht versorgt werden. Die Lebensmittel sind für die halbe Personenzahl gedacht, das Wasser ist unsauber und die Menge aus dem Tank nicht vorhersehbar. Bei der Notdurft können alle zusehen, und Scham muss überwunden werden. Am schlimmsten ist die Frage, was draußen vor sich geht, wo die verbliebenen Angehörigen sein mögen und wie die Welt nach dem Angriff aussehen wird (oder für den Leser: ob es überhaupt einen Angriff gab).

Weiterhin wird erzählt, wie Scott und seine Freunde die Torte stehlen, welche Konsequenzen das für sie hat. Zum ersten Mal in seinem Leben wird Scott nicht körperlich bestraft, sondern muss für seine Taten geradestehen, das ist eine sehr einschneidende Erfahrung für ihn. Auch der Streit mit seinem besten Freund ist wichtig, denn es geht um die Frage, ob sein Vater in Narr ist, solch einen vermeintlich unsinnigen Schutzbunker gebaut zu haben.

Zu guter Letzt ist da noch der Schulunterricht. Es gibt einen neuen Lehrer in Scotts Klasse. Der führt nicht einfach Frontalunterricht und vermittelt auf langweilige Weise seinen Stoff. Sondern er stellt den Schülern Fragen, die nicht so einfach zu beantworten sind, er will ihnen die Schwierigkeiten von Rassentrennung, Kriegstreiberei und eigenverantwortlichem Denken nahebringen. Diese Momente fand ich besonders gelungen, denn Morton Rhue schafft es, die komplizierten Themen in einfache Fragen zu packen, sodass die Jugendlichen sich die Antworten selbst erarbeiten können, ideale Lektüre für Schüler.

Die drei Ebenen unterscheiden sich in ihrer Farbe, ihrem Tonfall. Der Bunker ist beklemmend und erdrückend, die Erzählweise ist schwermütig, die Handlung legt sich schwer über das Gemüt. Der Unsinn erinnert ein bisschen an die alte Romantik von Tom Sawyer und Co, Lausebengel mit Herz eben, ich empfand es als bunt, quirlig und lebhaft. Die Zeit in der Schule war recht lebendig, erhellend und genau richtig für die Wißbegier der Zielgruppe, solch einen Lehrer kann sich jeder nur wünschen. Der Wechsel zwischen diesen drei Ebenen führt dazu, dass es selbst ohne konkrete Handlung niemals langweilig wird.


SPRECHER

Jacob Weigert hörte ich erstmals in dem Hörbuch >REBELLEN DER EWIGKEIT<. Seine Stimme sehr angenehm, für das Hörbuch damals nicht so ganz geeignet. Für ÜBER UNS STILLE allerdings ist er perfekt. Er spricht den Charakter des Protagonisten glaubhaft. Nicht zu emotional oder hektisch, sondern stets die stillen Gedanken des Beobachters. Die Sorgen Scotts über die gestohlene Torte, seine Gedanken zu den Fragen des Lehrers, aber auch seine bange Zeit im Bunker und die Zukunftsängste kann er hervorragend darstellen. Ich habe ihm gerne gelauscht, er war eine sehr gute Wahl als Sprecher für diesen Titel.


FAZIT

Dieses Buch gehört nicht zu meinen Favoriten von Rhue Morton, ist aber dennoch ein gelungenes Werk. In langsamem Tempo erzählt der Autor seine Geschichte, in der es weniger um die Handlung geht als vielmehr das Erleben des Protagonisten. Hätte er sich nicht zusehr in den vielen Themen verzettelt und die Aussage des Buches etwas klarer in den Vordergrund gerückt, wäre es ein Top Titel gewesen. So ist es eben ein Jugendbuch, spannend und sehr flüssig zu lesen / hören, für volle Punktzahl fehlt allerdings das "gewisse Etwas".

Wertung: 7,5 von 10 Geigerzähler

SaschaSalamander 13.08.2012, 09.11 | (0/0) Kommentare | PL

Yoda ich bin! Alles ich weiß!

Dwight war schon immer ein Loser, aber eines Tages hat er eine selbstgefaltete Yoda Fingerpuppe bei sich, und die gibt kluge Ratschläge. So klug, dass sicher ist, von Dwight können die nicht stammen. Die eine Gruppe der Schüler hält das für ausgemachten Blödsinn, die andere Gruppe glaubt an das Yoda-Orakel. Einer der "gläubigen" Schüler sammelt nun in einer Mappe die Vorfälle, um dann herauszufinden, ob das Orakel echt ist oder nur ein Betrug.

In Kürze: ein hervorragendes Buch für Jugendliche, das die Alltagsprobleme der Zielgruppe beschreibt. Kinder können grausam sein, und schnell ist man unten durch oder aus der Gruppe ausgeschlossen. Hier wird auf humorvolle Weise beschrieben, wie die Betroffenen damit umgehen. Die Situationen sind witzig und recht alltäglich, so kippt sich ein Junge beispielsweise Wasser über die Hose und sieht aus, als hätte er sich eingenässt. Ein Mädchen möchte wissen, ob jener Junge mit ihr gehen will. Ein anderer hat seine winzige Portion Süßigkeiten nicht mit allen teilen können und wird nun dafür böse gehänselt, der nächste kann einfach nicht Baseball spielen und kann sich nicht beherrschen, aus Wut über sein Versagen vor den anderen zu weinen. Situationen, die in übertragener Form wohl alle schon einmal erlebt haben. Da kommt so ein Orakel, das immer perfekte Tips hat, genau richtig.

Obwohl die Geschichten immer aus unterschiedlichen Ich-Perspektiven geschildert werden (aus Sicht der betroffenen Schüler, die einen Text geschrieben und dieser Mappe beigefügt haben), lernt man die Charaktere recht gut kennen, vielleicht sogar einen kleinen Tick besser als sonst üblich. Denn durch die verschiedenen Blickwinkel erfährt man mehr über die Mitschüler, als es aus nur einer Perspektive möglich wäre.

Der Stil ist lässig und eingängig, der Zielgruppe gerecht. Kein übermäßiger Jugendslang, aber auch nicht allzu trocken, prima in der Waage. Was den Star-Wars-Anteil betrifft, kann man die CD hören bzw das Buch lesen, auch ohne die Filme zu kennen. Zwar werden hier und da Szenen herausgepickt oder Zitate erwähnt, doch das wird entweder erklärt oder ist für die Handlung nicht relevant, eher ein nettes Gimmick für Fans.

Die Sprecher waren mir allesamt unbekannt, es sind Jugendliche, und sie alle machen ihre Sache sehr gut. Sie sprechen schon recht professionell, klingen nicht gekünstelt und schaffen es, Emotion in ihre Texte zu legen und gut damit zu spielen, das hat mir sehr gefallen. Wenn Yoda spricht, ist dies immer mit einem kleinen Jingle unterlegt, was ich ebenfalls eine nette Idee finde.

Für Jugendliche ein Spitzentitel, der die Sorgen der Jungs und Mädchen ernst nimmt und dabei witzig unterhält. Für Erwachsene sind die Probleme und Themen dann doch zu jugendspeziell, wer Star Wars mag und gerne auch reine Jugendlektüre liest, dem wird es gefallen, aber ein All-Ager ist es sicher nicht.

Wertung: 8,5 von 10 Twist-tanzende Omis


SaschaSalamander 12.07.2012, 08.58 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

In Liebe, Brooklyn

schroeder_brooklyn_1.jpgINHALT, GENRE

Lucca ist gestorben. Seine Freundin Brooklyn ist nicht fähig, ihre Trauer zu bewältigen. Sein Bruder Nico läuft wortwörtlich davon, sucht seinen Trost im Laufsport. Ein Jahr nach dem Unfall verstirbt auch Gabe, war es eine Überdosis oder war es Absicht, weil auch er den Tod des Jungen nicht verkraftet hat? Nach Gabes Tod leidet Brooklyn unter immer schlimmeren Albträumen, gleichzeitig erhält Nico vom Geist seines Bruders den Auftrag, Brooklyn zu helfen. Werden die beiden in ihrem Kummer zueinanderfinden?

Obwohl es darum geht, wie Nico und Brooklyn zueinanderfinden und es ein Buch voller Sanftheit ist, ist es kein typischer Roman um Jugendliebe. Eher würde ich das Buch im Bereich Drama und Entwicklung einordnen. Und obwohl Luccas Geist indirekt darin vorkommt, sehe ich es nicht als Fantasy, dieser Aspekt ist vielmehr ein weiteres Symbol der Autorin, hier stellvertretend für die Verbundenheit zwischen Nico und seinem Bruder.


COVER

Lasse ich Cover und Gestaltung normalerweise außen vor, so ist es hier unbedingt erwähnenswert. IN LIEBE BROOKLYN ist im Format etwa so groß und breit wie eine kleine Geldbörse, passt also auch gut in die Hosentasche. Das Cover in zartem Rosa und Grün glitzert leicht metallisch, springt sofort angenehm ins Auge. Das Papier ist sehr dünn, wie man es von Minibüchlein (vor allem Bibel, aber auch andere) kennt. Das sagt natürlich alles noch lange nichts über den Inhalt des Buches, aber es wirkt schon vor dem Lesen sehr ansprechend, wie ein kleines Tagebuch, es lädt vor allem weibliche Leser ein, es aufzuschlagen, sich in den Worten darin zu verlieren.


SPRACHE, GESTALTUNG, AUFBAU

Das Buch ist klein und dünn, die Seiten sind auch nicht wie gewohnt komplett bedruckt. Statt dessen ist das Buch in freier Versform geschrieben. Es reimt sich nicht, sieht jedoch hübsch aus und vermittelt Poesie, Lyrik. Dennoch ist die Sprache nicht einem Gedicht entsprechend gewählt oder gehoben, es liest sich normal und flüssig wie jedes andere Buch dieser Art auch. Vielmehr erinnert es mich an die Tagebucheinträge junger Mädchen, die ihren Gedanken auf diese Weise Form verleihen. Der Zielgruppe des Buches entsprechend ist das eine wunderschöne Idee, für mich hätte es das allerdings nicht gebraucht, mir ist die Aufmachung eines Buches und die Gestaltung der Textform egal, ich bin da ganz pragmatisch. Trotzdem, eine hübsche Idee, die Blicke auf sich zieht und gefällt. Mir ist aktuell kein anderes Buch bekannt, das in dieser Form veröffentlicht wurde.

Es liest sich insgesamt sehr flüssig, wie ein normaler Roman. Was mir besonders gefällt ist der Subtext. Die Geschichte wird hier zum geringsten Teil durch Worte erzählt als durch das, was ungesagt bleibt. Das Buch enthält sehr viele Symbole, und man merkt, wie im Laufe des Buches immer häufiger schöne, angenehme Symbole auftauchen - auch ohne dass Brooklyn erwähnt, dass es ihr besser geht, erkennt der Leser ihre langsam wieder aufkeimende Lebensfreude alleine anhand kleiner Symbolbilder. So spielen Comics zu Beginn eine sehr wichtige Rolle, werden immer seltener, bis Brooklyn es eines Tages ganz vergisst. Dafür kommen die Blumen wieder in ihr Leben, beginnt sie das Laufen. Auch Hunde zu Beginn als Sinnbild für Vergänglichkeit und Tod, Zwang und Unstimmigkeit, bis sie am Ende nach und nach zu einem Sinnbild des Lebens und der Freude, der freien Entscheidung und des Miteinanders werden. Auf diese Weise erzählt die Autorin die Geschichte auf hintergründige Weise, es gibt sehr viel zu interpretieren, assoziieren, es fällt leicht, sich einfach fallenzulassen und ganz dem Fluss der Handlung zu folgen.

Mit Fortschreiten der Handlung ändert sich nicht die Sprache, jedoch die Art und Form der Texte sowie deren Zusammenhang. Anfangs  liest man lediglich die Tagebucheinträge von Brooklyn und Nico sowie Brooklyns Briefe an den verstorbenen Lucca. Ein Mail von Nico an Brooklyn ist der Wendepunkt: bis dahin verfolgte man die Leben der beiden parallel, nun beginnt es sich zu verstricken, oft spielen sie sich gegenseitig den Ball zu. Nico erzählt den Beginn eines Treffens, Brooklyn beendet es, Nico reflektiert es anschließend. Die Briefe an Lucca werden seltener. Lisa Schroeder ist es in der Tat gelungen, ein durch und durch in sich stimmiges Buch zu schreiben, bei dem das Äußere, die Sprache, der Aufbau und die Charaktere eine wundervolle Einheit bilden.


CHARAKTERE

Brooklyn und Nico gehen unterschiedlich mit ihrer Trauer um. Als Leser erlebt man beide sowohl von außen (aus Sicht des jeweils anderen betrachtet) als auch von innen (durch ihre Tagebucheinträge). Zwei grundverschiedene Menschen, die in kleinen Schritten zueinanderfinden. Nico ist nach außen hin locker, er trainiert, arbeitet, erfüllt seine Pflichten, doch in ihm nagt die Trauer, er fühlt sich als Sohn vernachlässigt, gibt sich stark doch fühlt sich schwach. Brooklyn dagegen ist innen wie außen zerbrechlich, sie weint, ist hilflos und ist kurz davor, sich aufzugeben. Doch der Leser wird von Selbstmitleid und Gejammer verschont, vielmehr sind es melancholische Gedanken, denen man gut folgen kann.


FAZIT

IN LIEBE BROOKLYN überzeugt durch sein ungewöhnlich hübsches Aussehen ebenso wie durch seinen filigranen Text und die hervorragend aufgebaute Geschichte. Ein in sich absolut stimmiges Buch, hervorragend geeignet für einen Nachmittag mit Tee und Keksen.

SaschaSalamander 07.07.2012, 14.20 | (0/0) Kommentare | PL

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