SaschaSalamander
RSS 2.0 RDF 1.0 Atom 0.3




Ausgewählter Beitrag

Weltengänger und Weltenträumer

lukanjenko_weltengaenger_150_1.jpgVor einigen Monaten las ich "Weltengänger" von Sergej Lukianenko, und heute habe ich den zweiten und abschließenden Band "Weltenträumer" beendet. Und ich möchte gerne ein paar Worte darüber verlieren, weil die Werke dieses Autors mich jedes Mal sehr berühren.

Die beiden Bücher handeln von Kyrill, einem jungen Moskauer. Er lebt sein kleines, bescheidenes Leben bei einer Computerfirma, er hat seine eigene kleine Wohnung und einen kleinen Hund. Doch als er eines Tages nach Hause kommt, befindet sich eine fremde Frau in seiner Wohnung (welche plötzlich komplett anders aussieht) und behauptet, diese Wohnung gehöre ihr. Sein (?) Hund verbellt ihn, die Eltern kennen ihn nicht mehr, die Nachbarn wissen nicht, wer er ist, sein Ausweis, sein Handy, seine Akten, die Dinge verblassen, verschwinden. Sein Leben zerrint vor seinen Augen zu einem Nichts, er existiert und doch gibt es keinen Beweis für seine Existenz.

Er bekommt eine Nachricht, dass er sich an einen bestimmten Ort begeben soll, und nun beginnt der eigentliche Roman. Denn Kyrill wird zu einem Funktional. Einem Menschen mit Sonderfunktionen, dem auf dieser Erde eine bestimmte Aufgabe zuteil ist. In seinem Fall die Kontrolle der Zollstelle zwischen verschiedenen Welten. Doch Kyrill gibt sich nicht so schnell mit seinem Schicksal zufrieden, er will wissen, was dahinter steht. Welche Welten gibt es? Wer ist schuld, dass Menschen einfach so aus dem Leben gerissen und zu Funktionalen erhoben werden? Was muss er tun, wenn er einfach wieder ein kleiner, bedeutungsloser Mensch sein möchte?

Es geht weiter im zweiten Teil: Kyrill begehrt auf, muss dafür sogar andere Funktionale töten. Er ist nun ein Geächteter und flieht durch verschiedene Welten, erfährt mehr über die Hintergründe der verschiedenen Welten. Doch kann er tatsächlich etwas gegen die großen Verschwörungen ausrichten, die schon seit Jahrhunderten die Welt veränderten?

Das Buch hat mich begeistert und fasziniert. Dabei ist es nicht einmal der Schreibstil oder der Inhalt. Ich kann das, was Lukianenko für mich bedeutet, nur sehr schwer in Worte fassen. Er zeichnet eine trostlose, graue Welt. Und zeigt zugleich, wie wertvoll dieses alltägliche Miteinander ist. Wie unermesslich reich der normale Erdenbürger doch ist, und wie bedeutungsvoll die kleinen Freuden. Ein Mensch bekommt ewiges Leben geschenkt, übermenschliche Fähigkeiten und den Zugang in verschiedene Welten. Doch er will nur zurück in sein altes Leben.

Die Idee des Buches ist hervorragend. Anfangs hatte ich keinerlei Vorstellung, worum es gehen könnte und worauf dieses seltsame Erlöschen seiner Identität hinführen könnte. Besonders witzig finde ich, wie der Autor sich selbst als Schriftsteller in das Buch einbaut, und wie er hin und wieder Spitzen oder Anspielungen auf sich als Autor bringt. Eines muss man ihm lassen: er hat pfiffige Ideen und ein gutes Händchen für spannende Plots.

Ich möchte nicht behaupten, dass Lukianenko ein Meister sei oder sein Werk literarisch wertvoll. Dies auf keinen Fall. Dazu sind die Figuren stellenweise ein wenig zu unausgereift. Dazu ist sein Stil zu direkt. Seine Realität zu real, seine Fiktion fast schon zu abgehoben. Doch gerade DAS macht für mich den Reiz seiner Werke aus: ich fühle mich den Protagonisten sehr nahe, sie agieren menschlich, sie sind nicht gut oder böse, sondern sie sind. Einfach nur sind. Menschen. Es sind keine Helden, auch keine Antihelden, sondern einfach ganz normale Menschen. Mit Hobbies, Freuden, Leiden, wie jeder von uns sie mit ihm teilt. Er hört unsere Musik, er lebt unser Leben. Nur, dass er ein Abenteuer erlebt, das wir nur zu gerne verfolgen, weil es ein wenig Farbe und Abwechslung bringt und uns zeigt, dass es uns eigentlich so, wie wir leben, es ganz gut erwischt haben.

Besonders mag ich die Gedanken zu Beginn eines jeden Kapitels. Bevor Lukianenko am Cliffhanger des letzten Kapitels anknüpft, beginnt er mit laienphilosophischen Betrachtungen. Über Traditionen, Erziehung, Bahnhöfe, was immer ihm gerade in den Sinn kommt. Er sinniert und erzählt, man erfährt sehr viel über sein (des Progatonisten) Weltbild (oder auch ein wenig das des Autors?), und meist muss man nicken und sagen "ja, so ist es". Das Buch ist wie ein gemütlicher Treff mit Freunden, mit einer Flasche Bier und ein paar Stammtischgesprächen, in denen man sich aufregt, freut und vor allem ereifert.

Einen einzigen Nachteil allerdings haben die beiden Bücher: es zog sich lange hin, Kyrill durchreiste viele Welten, immer mehr hat man über die Funktionale und die einzelnen Erden erfahren. Dann naht eine Stelle, ich hielt sie für den Showdown, episch und gigantisch wie Frodo in den Schicksalsbergen, doch plötzlich endet die Szene, und aus dem vermeintlichen Showdown wurde ein kurzer Peak, bevor es dann lässig zurück in die andere Welt geht. Eher nebenbei erfährt Kyrill nun, dass es Fragen gibt, auf die man keine Antwort bekommt, er muss eine Entscheidung fällen, und dann wird der Leser mit all seinen Fragen hängengelassen.

Wie konnte er uns das antun? Hatte er keine Idee mehr für das Ende? War dieser schwache Abschluss von Anfang an sein Ziel? Ein Ende ist sehr entscheidend für den Erfolg eines Buches, und dieses Ende war leider völlig verkorkst. Ich werde das Buch im Regal stehenlassen, ich werde es irgendwann auch wieder lesen, und ich werde auch wieder begeistert sein. Doch leider bleibt der schale Nachgeschmack des viel zu flachen Endes.

Wer also spannende Urban-Fantasy liebt, wird begeistert sein, und ich werde Weltengänger auch weiterhin guten Gewissens empfehlen. Doch ich warne den Leser vor: sei am Ende bitte nicht enttäuscht, sondern freu Dich über die prima Unterhaltung, die Du bisher hattest ...

SaschaSalamander 27.01.2010, 18.03

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.



Kommentare zu diesem Beitrag

1. von sensor7.de

Das ist ein tolles Buch. Ich hatte es zu Weihnachten verschenkt, da die beschenkte meine Lebenspartnerin ist kam ich auch gleich dazu es zu lesen. Lohnt!

vom 30.01.2010, 15.34
Antwort von SaschaSalamander:

*hihi* das ist praktisch, wenn man es dann zu zweit nutzen kann ;-)


 






Einträge ges.: 3491
ø pro Tag: 0,7
Kommentare: 2749
ø pro Eintrag: 0,8
Online seit dem: 21.04.2005
in Tagen: 5239