SaschaSalamander

Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Jugend

Tödliche Spiele

Ich lese gerade die Tribute von Panem. Und ich bin wirklich begeistert. Das Thema selbst ist nicht neu, sowas sah ich schon zigmal im TV oder habe es gelesen. Eigentlich las ich es zu Beginn nur, weil es halt mal wieder groß vermarktet wurde. Aber es ist tatsächlich klasse, und die Autorin hat was aus dem Thema gemacht, alle Achtung!

Kinder aus 12 Distrikten, die für die alljährlichen Spiele gewzungen werden, sich gegenseitig zu bekämpfen, bis nur eines übrig bleibt. Nicht wirklich etwas für Kinder, auch wenn das Buch, soweit ich gesehen habe, sogar für alle Altersstufen freigegeben wurde. Wie gesagt: uralter Hut mit so langem Bart, und trotzdem richtig gut was draus gemacht ...

ich glaube mal zu ahnen, wie es ausgeht, wie könnte es anders enden. Aber ich bin gespannt, wie es dazu kommen wird :-)

SaschaSalamander 26.08.2010, 10.09 | (1/0) Kommentare (RSS) | PL

Böser Engel

carter_badangel_150_1.jpgObwohl ich mich ziemlich über die ganzen Vampir-, Gestaltwander-, Dämonen-, Hexen-, Zauberer- und sonstigen aktuellen Romane ärgere, konnte ich nicht anders, als trotzdem wieder einmal zuzugreifen. Das kommt davon, wenn mein Freund mich in eine Buchhandlung schleppt, wo er "nur gucken" will und mich mal kurz alleine stehenlässt *grummel*.

Stuart lebt in einem kleinen Örtchen, bis dato recht friedlich. Er ist schwul, aber das hat niemanden so wirklich gestört. Doch eines Tages bricht eine Welle des Hasses und der Gewalt über die Stadt, die sich nicht mehr bändigen lässt. Scheinbar ausgelöst nur dadurch, dass Stuart getan hat, was ein Junge in seinem Alter eben tut, wenn er sich ein wenig Entspannung verschaffen will. Ein kleiner Stein, der eine riesige Lawine ins Rollen bringt bis hin zur schrecklichen Eskalation.

Während die Stadt in Aufruhr ist, versucht Stuart zusammen mit dem Geistlichen dem Problem auf den Grund zu gehen. Dazu befragt er den kleinen Dämonen Fon Pyre, den er regelmässig beschwört, um ihn über Gott, das Leben nach dem Tod und anderen religiölsen Themen zu befragen. Und was Stuart über den Grund des plötzlichen Sinneswandels seiner Freunde und Familie erfährt, klingt gar nicht gut ...

Vorab habe ich mich zu Hause etwas geärgert, da ich 9 Euro recht viel für ein Buch von 270 Seiten finde, wenn ein Kapitel nur wenige Seiten lang ist und zwischen zwei Kapiteln jeweils mehrere Leerseiten sind, um das Buch dicker wirken zu lassen.

Dann die Geschichte: einerseits eine großartige Idee, die der Autor Carter umgesetzt hat. Zumal der kleine Dämon ähnlich sympathisch ist wie der große Bartimäus von Stroud. Doch leider hat Carter meiner Ansicht nach eine Menge Potential verschenkt, und so dümpelt die Geschichte halbgar vor sich hin. Die Charaktere haben keine wirkliche Tiefe, und so richtig hineinversetzen kann man sich vermutlich höchstens als 15jähriger Teenager, der gerade über die Sündhaftigkeit oder Richtigkeit der Masturbation nachdenkt. Ansonsten bietet er wenig Projektonsfläche und wird auch nicht näher beschrieben. Die Handlung setzt mitten im Plot ein, unnötige Erklärungen gibt es nicht. Die Dinge sind, wie sie sind, und darüber wird nicht lange geschrieben.

Ich denke, es hätte ein gutes Buch werden können, wenn man es um 200 Seiten verlängert hätte. Die Szenen mit dem Dämonen etwas ausbauen. Erklären, woher dieser Junge überhaupt die Fähigkeit des Beschwörens besitzt. Sein soziales Umfeld ein wenig näher erklären. Die Beziehung zu seinem Kumpel Chester näher beleuchten, die Stadt erst ein wenig beschreiben und das Verhältnis der Bewohner untereinander ein wenig deutlicher machen. Einfach der Geschichte Leben einhauchen. Ein Autor baut einen Charakter in der Regel auf, indem er sehr viel mehr über ihn weiß, als er tatsächlich in das Buch einbaut. Dadurch werden seine Motive, Handlungen, Verhaltensweisen nachvollziehbarer, wird die Figur greifbarer. Bei Stuart hat man das Gefühl, einen rasch mal nebenbei entworfenen Charakter vor sich zu haben, zu dem der Autor keinerlei persönlichen Bezug aufgebaut hat. Fast schon lieblos hingeklatscht scheinen mir die Charaktere. Lediglich Fon Pyre ist wirklich witzig, und für ihn scheint der Autor tatsächlich ein wenig Begeisterung beim Schreiben empfunden zu haben. Ich mag den kleinen Stinker, er ist wirklich böse ...

So jedoch, ohne die zusätzlichen 200 Seiten, ist es im Grunde nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Beschreibungen darüber, ob und warum Onanie Sünde ist oder nicht und darüber, wie Stuart kurz mit dem Dämonen plaudert, das Geheimnis erfährt, die Stadt retten geht und fertig. Klar mit Showdown, aber nicht wirklich mitreißend.

Für einen Jugendlichen mag es eine nette Geschichte zwischendurch sein, ohne großen Anspruch und witzig zum Zeitvertreib. Aber für Erwachsene definitiv ungeeignet (man könnte sagen "ist ja auch ein Jugendbuch", aber: wirklich gute Kinder- oder Jugendbücher sind auch für Erwachsene geeignet). Es wirkt wie ein billiger Abklatsch von Bartimäus, nur ohne den Fantasyanteil um Magier und Zauberergilden. Und, mal ehrlich gesagt: die Jugend ist imstande, weit komplexeren Handlungssträngen als diesem hier zu folgen, und ich kann mir vorstellen, dass auch junge Leser lieber zu anderen Fantasywerken greifen. Jugendliche, die wenig lesen, könnten mit diesem Buch auf jeden Fall begeistert sein. Viellesern rate ich eher davon ab.

Wirklich empfehlen kann ich das Buch nicht. Sollte es doch mal in die Fänge geraten, und sollte gerade nichts anderes zu Lesen im Haus sein - es ist schnell durchgelesen, und die witzigen Sprüche von Fon Pyre entschädigen für den Rest des Buches.

SaschaSalamander 04.08.2010, 15.54 | (0/0) Kommentare | PL

Flavia DeLuce

"Flavia Deluce - Mord im Gurkenbeet" von Alan Bradley. Dieses Buch sprang mir beim Stöbern in meiner Lieblingsbuchhandlung sofort ins Auge. Einerseits wegen des wirklich hübsch gestalteten Covers, zum anderen aufgrund des schrägen Titels. Schräge Titel mit ungewöhnlich schrägem Cover lassen in der Regel auf schräge Inhalte hoffen, und ich wurde nicht enttäuscht.

Flavia ist ein Mädchen von gerade einmal 11 Jahren. Sehr intelligent, muss sie sich ständig gegen ihre beiden älteren Schwestern durchsetzen. Ihr Hobby ist die Chemie, die sie aus einem alten Buch praktiziert und damit so einigen Unsinn anstellt, etwa den Lippenstift ihrer Schwester ein wenig zu manipulieren. Und eines Tages nun liegt ein Sterbender im Garten und haucht Flavia seinen letzten Lebensatem ins Gesicht. Natürlich geht es gleich darauf rund: die Polizei taucht auf, und bald wird ihr Vater als Hauptverdächtiger festgenommen. Flavia beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, denn sie hat Informationen, welche sie der Polizei geheimhielt. Dabei erfährt sie eine Menge über die alten Schulfreunde ihres Vaters, über zwei wertvolle Fehldrucke der Briefmarke Penny Black und einige chemischen Zusammenhänge. Messerscharf zieht sie ihre Schlüsse und findet den Mörder. Doch sie gerät in Gefahr, als sie dem wahren Mörder gegenübersteht. Es scheint alles zu spät ...

Das Buch hat mir sehr gefallen. Was das Buch kennzeichnet, ist ein großer Vorteil, jedoch zugleich leider auch der Nachteil des Buches: es ist im Voraus kaum zu beschreiben, und auch sonst passt es in keinerlei Schublade. Es ist kein Kinderbuch, obwohl die Protagonistin erst 11 Jahre alt ist. Ein richtiger Erwachsenenkrimi ist es jedoch auch nicht. Es enthält bissigen, schwarzen Humor, ließe sich jedoch nicht direkt in das Genre "schwarzer Humor" einordnen, dazu würde ich hiervon dann etwas mehr erwarten. Es ist sehr spannend, wie das Briefmarkensammeln und die Chemie ein eigenes Thema bekommen, das ist mal sehr innovativ, allerdings könnte vor allem der Bereich der Chemie etwas besser ausgebaut sein. Es ist ein Feuerwerk an hervorragenden Charakteren, etwa dem alten Kriegsveteran Dogger, der schrulligen Haushaltshilfe Mullet, den zickigen Schwestern, der seltsamen Bibliothekarin, dem vor Erinnerung gramen Vater, dem Gedenken an Flavias verstorbene Mutter Harriet und vielen anderen Personen. Zugleich jedoch sind einige dieser Figuren so lebendig und spannend, dass man ihnen ein eigenes Buch wünscht und etwas enttäuscht ist über das Schattendasein neben Flavia.

Klar könnten Kritiker jetzt auch ankommen und sagen, dass ein 11jähriges Mädel nicht so intelligent sein kann, dass sie sich nicht so gut mit Chemie auskennt, dass ein Kind dieses Alters keinen solch komplexen Mord auflösen kann, und so weiter. Aber, mal ehrlich, sind die Krimis für Erwachsene realistischer? Natürlich muss der Held eines Buches etwas Besonderes sein, und Flavia ist einfach genial. Sie ist pfiffig, sympathisch, eigenbrötlerisch. Sie hat manchmal recht seltsame Gedankengänge, wie sie eben ganz typisch sind für Kinder ihres Alters, und dann im nächsten Moment ist sie wieder die spitzfindige Detektivin. Ein Problem, wie es hochintelligente Kinder wohl kennen dürften, der Zwiespalt aus Kind- und Erwachsenensein ist hier sehr schön dargestellt.

Sehr schön finde ich den Kleinkrieg zwischen Flavia und ihren Schwestern. Das Buch beginnt gleich damit, wie die Kleine gefesselt in einem dunklen Zimmer sitzt und sich befreien muss, nachdem ihre Schwestern sie dort "verpackt" hatten. Wo die beiden Älteren jedoch mit verbalen Attacken ("Du bist nicht unsere Schwester, Mutter hat Dich nur adoptiert") und körperlichen Angriffen auf sie losgehen, weiß Flavia sich heimlich mit Chemie in den Kosmetika der Schwestern zu wehren. Was jedoch nicht heißt, dass diese das nicht registrieren und wiederum auf ihre eigene Weise kontern.

Zudem bin ich ja großer Fan des britischen Königreiches, ob nun britische Autoren oder Handlunsorte, und sehr gerne hierbei die Industrialisierung, das Viktorianische Zeitalter oder das frühe 20te Jahrhundert. Ich mag den britischen Humor, das Lebensgefühl, die schrulligen Charaktere. Und all dies kommt in Flavia sehr deutlich beim Leser an, eine ganz große Portion britischer Stiffness, Arroganz und beißendem Witz, natürlich immer im treuen Dienste ihrer Majestät. Ein tolles Setting für dieses Buch.

Für mich hat sich Flavia nun einen Platz zwischen den Baudelair-Waisen, Artemis Fowl, Eddie Dickens, Alice Liddl und Twig ergattert. Ich liebe freche Kids mit Wortwitz und schrägem Humor ...

Ein wenig enttäuscht wird hier und da ein Leser wohl sein aufgrund fehlgeleiteter Erwartungen. Aber für sich betrachtet ist es ein wundervolles, äußerst unterhaltsames Werk mit einer ungewöhnlichen Protagonistin, die ich nicht mehr vergessen werde. Gerne hätte ich damals eine Freundin wie Flavia gehabt. Ich kann es nicht erwarten, bis im September der zweite Teil "Mord ist kein Kinderspiel" erscheinen wird, ich werde sicher einer der ersten Leser hiervon sein!

Vielleicht ist das Problem das gleiche wie bei allen Büchern, die so stark vermarktet werden: man erwartet entweder etwas ganz anderes oder aber sehr viel mehr. Dadurch verblasst das eigentliche Buch dann manchmal ein wenig. Deswegen ist es sinnvoll, völlig ohne Erwartungen an "Mord im Gurkenbeet" heranzugehen, und dann wird das freche Gör gewiss begeistern :-)

Und ein kleiner Tipp zum Abschluss: das Hörbuch wird gelesen von Andrea Sawatzki, bekannte Tatort-Schauspielerin und grandiose Hörbuchsprecherin, die besonders in "Jane Eyre" und "Gut gegen Nordwind" eine hervorragende Leistung zeigte. Sie ist meine liebste weibliche Sprecherin, und ich kann daher auch das Hörbuch jedem nur ans Herz legen.


SaschaSalamander 07.07.2010, 10.04 | (0/0) Kommentare | PL

Der Herr der Finsternis

lukianenko_herrfinsternis_150_1.jpgSergej Lukianenko ist einer der Autoren, deren Name für mich ein Garant für Top Unterhaltung ist. Es gibt eben Schreiberlinge, bei denen es mir egal ist, ob ich nun einen Thriller, einen Sci-Fi, ein Kinderbuch oder etwas ganz anderes in die Finger bekomme. Eschbach, Isau, Hohlbein, auch Lukianenko, sie schreiben egal über was, es wird zu Gold. Und auch beim "Herr der Finsternis" war dies der Fall.

Typische Verlagspolitik: irgendein Buch des Autors wird zum internationalen Megaerfolg. Und dann beginnt man, nach und nach einen Titel nach dem anderen zu veröffentlichen, der davor geschrieben wurde. Und wie üblich sind manche  Leser enttäuscht und andere begeistert. Auch der Bestsellerautor Lukiausw darf sich dieses Schicksales erfreuen, worüber ich sehr froh bin :-)

Danka sitzt in seinem Zimmer, als er einen Lichtstrahl zum Bleiben auffordert und dieser sich in einen Sonnenkater verwandelt. Er führt ihn in eine andere Welt, deren Sonne verkauft wurde. Dort kämpfen Freiflieger gegen Flügelträger im ewigen Kampf um Licht und Dunkelheit, und Danka ist dazu ausersehen, diesen Krieg zu führen.

Ich bin begeistert. Und ein wenig ernüchtert. Wieder einmal hat mich ein Buch dieser Art begeistert. Hohlbeins Fantasywerke mit seiner Frau gemeinsam. Isaus Neschan. Endes unendliche Geschichte. Irgendwie sind sie alle gleich, und immer wieder lese ich sie gern. Es war einfach nichts Neues, die Handlung verlief sehr geradlinig und vorhersehbar, der "Endgegner" hat mich in keinster Weise überrascht. Der Schreibstil ist eher einfach, auch ein paar unangenehme Übersetzungsmängel haben sich eingeschlichen. Ich weiß gar nicht, was ich näher zu diesem Buch schreiben soll, denn es ist ein Buch, wie ich schon unzählige gelesen habe. Und auch die Elemente aus dem Weltengänger (ebenfalls Lukianenko) sind sehr deutlich.

Aber ich bin auf der anderen Seite auch begeistert. Denn ich muss fairerweise auch bedenken, dass es ein Jugendbuch ist, und kein Buch für 30jährige Bücherratten, die schon so viel gelesen haben, dass sie kaum noch etwas überraschen kann. Und auch mit der Wächter-Trilogie darf ich es stilistisch nicht vergleichen, da die Wächter einige Jahre später entstanden und der Autor inzwischen mehr Erfahrung und Stil hatte, wie man sehr deutlich spürt. Und der Vergleich mit dem Inhalt der Weltengänger ist ebenfalls ungerecht, da der Herr der Finsternis 11 Jahre später entstand und nicht der Herr der Finsternis an den Weltengänger erinnert, sondern umgekehrt.

Und ich stelle fest, dass ich nicht einmal über diesen Roman selbst schreibe momentan, sondern über andere Werke. Aber, wie gesagt: es fällt mir schwer, über dieses Buch zu schreiben, so gut es mir auch gefallen hat, so begeistert ich auch während des Lesens war. Doch ich kann eigentlich nur wiederholen, was ich zu zig anderen Büchern schon geschrieben habe:

sehr schöne Charaktere, die sich nachvollziehbar weiterentwickeln. Vor allem der Protagonist Danka und sein Schützling Len bieten eine hervorragende Identifikationsfigur für jugendliche Leser, die sich in dem mutigen Anführer oder dem ängstlichen Schüler wiederfinden können. Der Sonnenkater ist wunderbar beschrieben in seiner arroganten und doch liebenswerten Art. Auch die anderen Personen des Werkes gefallen mir sehr, auch wenn sie doch dezent im Hintergrund bleiben.

Die Handlung ist spannend, und ich habe das Buch in zwei Tagen durchgelesen. Ein absoluter Pageturner, obwohl ich doch "wusste" (recht gut vorhersehen konnte), was geschehen würde. Aber nichtsdestotrotz vermag Lukianenko sogar Erwachsene zu fesseln in der geheimnisvollen Welt ohne Licht.

Und wie für dieses Genre üblich, wird sehr viel in Bildern gesprochen und ein wenig moralisiert. Licht und Schatten stehen im immerwährenden Widerstreit, und doch gehören sie zusammen, kann eines nicht ohne das andere existieren, und die Grenzen zwischen Gut und Böse sind nicht klar definiert. Am Ende muss der Held über sich hinauswachsen und erkennen, dass auch er nicht zwangsläufig zu den Guten gehört, und diese Erkenntnis wird ihn je nach der darauffolgenden Entscheidung zum Untergang oder zum Sieg führen. Verrat, Freundschaft, Vertrauen, Angst, Überwindung, Mut und Stärke begleiten die Helden auf dem Weg bis zum erfolgreichen Ende, das natürlich dennoch einige Verluste verzeichnen muss. Manchmal war mir der moralische Zeigefinger fast ein wenig zu deutlich, aber ich denke, als Erwachsener achtet man eher darauf und liest viele Bücher auch mit pädagogischem Hintergedanken.

Also, kurz gesagt, ich habe das Buch fast nonstop verschlungen. Ich habe keine große Erkenntnis daraus gezogen, es hat mir nichts Neues gezeigt. Ein zweites Mal werde ich es wohl nicht lesen. Aber es hat mich grandios unterhalten und wird mir in sehr positiver Erinnerung bleiben, wenn ich herausragende Jugendfantasy empfehle.

SaschaSalamander 30.06.2010, 19.57 | (0/0) Kommentare | PL

Lilienblut

herrmann_lilien_150_1.jpgDer Titel "Lilienblut" macht neugierig, das Cover sieht wunderhübsch. Und es liegt bei den aktuellen Titeln der Jugendliteratur. Klar, dass ich neugierig wurde. Ich habe mich gar nicht weiter um Inhalt oder Genre gekümmert, sondern mich völlig unbefangen auf das Buch eingelassen. Darüber bin ich sehr froh, und ich habe die Zeit genossen, habe nebenbei gemalt, gearbeitet, einfach nur daglegen und gelauscht.  Die Autorin war mir bis dahin unbekannt, aber ich werde mich nun näher mit ihr beschäftigen (bei Amazon gibt es ein Interview mit ihr sowie den Ausschnitt der Lesung), auch ihre anderen Werke lesen. Hoffentlich schreibt sie bald ein neues Jugendbuch! Es ist eines der wenigen Bücher, die in mir nach dem Lesen ein Gefühl der "Leere" weckten. Das Buch ist gelesen, und ein anderes direkt im Anschluss möchte ich nicht, ich muss jetzt eine Pause machen, dieses Buch sacken lassen. Es hat mich berührt, und ich möchte nicht irgendetwas anderes hinterdrinschieben, solange der süße Geschmack des Rheinweins noch in mir ist ...

Sabrina ist 16 Jahre alt, und an ihrem 16ten Geburtstag schenkt ihre Mutter ihr einen eigenen Weinberg. Doch Sabrina ist wenig begeistert, sie sieht darin nur Arbeit, hat doch sogar ihr Vater die Mutter verlassen, "weil er nicht ahnte, was es heißt, mit einer Winzerin verheiratet zu sein". Sabrina verbringt den Rest des Tages mit ihrer Freundin Amelie in der Eisdiele und am Flussufer, wo ihnen ein geheimnisvoller Fremder auf einem Lastkahn begegnet. Amelie folgt ihm, sie wittert das Abenteuer auf dem Wasser, sie will fort. Und sie kommt niemals wieder. Denn Amelie wird ermordert, und für Sabrina beginnt eine schreckliche Zeit. Niemand will Sabrinas Schilderung der Ereignisse glauben, Tatverdächtig ist der Fremde, und Sabrina kann nichts dagegen tun. Die Polizei kommt in den Ermittlungen nicht voran, und Sabrina versucht auf eigene Weise, Licht in das Dunkel zu bringen. Was hat es mit dem Mord vor sich, der vor acht Jahren an der gleichen Stelle geschah? Warum weigern sich alle, den Lastkahn gesehen zu haben?

"Lilienblut" ist ein wundervoller Roman. Die Autorin trägt das Hörbuch selbst vor, und sie hat eine sehr gut dafür geeignete Stimme, ich könnte mir für dieses Buch keine bessere vorstellen. Normalerweise bin ich definitiv kein Freund von Autorenlesungen, die meisten sind eher eine misslunge Selbstdarstellung, doch dieses hier ist ein absoluter Tipp, und ich hoffe, dass die Autorin auch andere, nicht von ihr geschriebene Bücher vortragen wird. Ich mag ihre Stimme und ihren Stil sehr: ein ruhiger Klang, der die Handlung still und flüssig voranträgt. Wie ein gemütlicher Tag am Fluss, das Wasser plätschwert vorüber, hier und da eine Schnelle, die Vögel fliegen vorüber, die Sonne scheint, ein kühler Wind weht. So fühlt sich das Buch für mich an. Während der Schilderungen sah ich vor mir die Biegungen des Rheins, die Burgen am Ufer, ich sah die Schiffe ziehen, war mit Sabrine und ihrer Freundin auf dem Weinberg zwischen den Rebstöcken, und ich vermisste diese Gegend, die ich früher oft besuchte. Ich kenne die Region, und ich fühlte mich ein bisschen wehmütig beim Hören ...

es ist kein actiongeladener Krimi für Jugendliche, wie er heute oft vermarktet wird. auch kein Fantasyschinken. Sondern ein sanfter, stiller Roman ums Erwachsenwerden, um die erste Liebe, um ein tragisches Schicksal und ein mutiges Mädchen. Sie ist hier und da unvernünftig, wenn sie Informationen möchte, doch sie ist keine Superheldin wie die modernen Superteenager Alex Rider oder andere Spionagekids. Sondern sie ist ein ganz normales Mädchen, das sich von der Mutter unverstanden fühlt, ohne Superkräfte auskommen muss, Freundinnen hat und sich mit den Mädchencliquen der Schule herumägern muss. Keine wirkliche Antiheldin, auch keine Heldin. Einfach ein  normales Mädchen. So normal, dass sich jeder mit ihr auf gewisse Weise identifizieren kann. Auch ihre Freundinnen sind sehr sympathisch und menschlich. Amelie, das Glamour-Girl mit ihren Wünschen von Zukunft und Fernweh. Lukas, der schüchterne Junge, der so gerne ihr Freund sein möchte. Beate, die kaum Freundinnen hat und sich immer öfter mit Sabrina treffen möchte. Der geheimnisvolle Kilian, der ein schweres Geheimnis mit sich trägt.

Ich mag es, wie Sabrina "ermittelt", oder genauer gesagt nachfragt, mit Menschen redet. Spannende Momente gibt es, in denen der Leser / Hörer gebannt innehält und kaum zu atmen wagt, aber keinesfalls Verfolgungsjagden oder grausame Gewaltschilderungen. Als Sabrina die Wohnung des ehemaligen Hafenarbeiters aufsucht, erwartete ich das Schlimmste, ebenso als sie das Schiff betrat und den verschlossenen Raum öffnete. Doch ich bin überglücklich, dass die Autorin auch hier den Leser mit dem üblichen Spektakel verschont. Es gelingt ihr hervorragend, Spannung auch ohne Gewalt und Blut zu erzeugen.

Jugendliche werden sich perfekt in Sabrina einfühlen können, ihre Wege nachvollziehen können. Erwachsene würden vielleicht manchmal gerne eingreifen. Doch wie im wahren Leben, Jugendliche sind keine Erwachsenen, und Jugendliche müssen ihren eigenen Weg gehen. Der erwachsene Leser begleitet Sabrina und fühlt sich erinnert, wie es damals war, als man selbst einmal die altersbedingten Entwicklungen erleben musste.

In allem schwingt ein Hauch von Melancholie mit. Auch, wenn die Jahreszeiten im Buch wechseln, habe ich das Gefühl, als spielte alles im Herbst. Ein Hauch Vergänglichkeit, als Sabrina bereits in ihren jungen Jahren mit etwas so Tragischem wie dem Mord an ihrer besten Freundin konfrontiert wird. Wehmut, als sie nicht so recht weiß, wie sie Lukas begegnen soll und ob sie möchte, was er von ihr will. Unsicherheit, als Beate sie anspricht und ihre Nähe sucht. Zweifel, ob die Zukunft im Weinberg das ist, was sie sich wünscht. Probleme mit den hohen Ansprüchen ihrer Mutter. Und doch eine wunderbare Geschichte ums Erwachsenwerden. Mit einem Ausgang, der mich nicht sonderlich überraschte, der aber für manchen Leser eine interessante Wende sein dürfte.

Die Sprache ist sehr einfach, und passend zum Wasser wieder der Vergleich "sie fließt dahin". Keine Schnörkel, aber auch nicht zu knapp. Einfach perfekt, um darin einzutauchen und sich treiben zu lassen. Ich mag den Stil der Autorin, die präzise und ohne Umstände das Wesentliche beschreibt, ohne Eile, aber doch geradlinig und zielstrebig.

Ein Krimi, perfekt für Jugendliche in der Pubertät. Und ein Roman, wie Erwachsene ihn verschlingen, wenn sie genug haben von Gewalt, Brutalität, Verfolgung, Verschwörung, Tragik, Blut und Misshandlung. Ein Roman für Erwachsene, die sich Zeit nehmen für das Wesentliche, statt sofort zum nächsten Thrill zu hetzen.

Ein Buch, wie es mehrere geben müsste ...

SaschaSalamander 31.05.2010, 21.47 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Oscar und Albrecht

frieser_oscar02_150_1.jpg   

Beide Bücher reizen mich schon lange. Ich sah sie in öffentlichen Gebäuden ausliegen, bei Veranstaltungen der Stadt liegen sie herum, und es gibt sogar Stadtführungen auf den Spuren Oskars. Man kann eigentlich nicht hier in der Stadt wohnen, ohne ständig auf diesen Bengel und seine beiden Bücher zu stoßen. Schon lange liebäugele ich damit, sie mir zu kaufen, ...

und gestern beim Stadtbummeln kam ich dann nicht mehr daran vorbei. Beide Taschenbücher nebeneinander, Teil 1 und Teil 2, dazu die netten Worte einer sehr guten Verkäuferin, ein bisschen Geld zur freien Verfügung, und jetzt liegen die Bücher also auf meinem Sub und können es nicht abwarten, bis ich "die Hütte", "die Toten schweigen nicht", "Feuermohn", "New York, New York 3 + 4" endlich beendet habe ;-)

SaschaSalamander 19.11.2009, 10.44 | (0/0) Kommentare | PL

Ghetto Kidz

Von Morton Rhue habe ich bisher eigentlich alles gelesen. "Die Welle", "Boot Camp", "Asphalt Tribe", "ich knall Euch ab". Es gibt ein paar andere Werke, die ich so als Buch jedoch noch nicht gefunden habe, die hier und da aber verzeichnet sind. Ich war von allen seinen Büchern begeistert, ausnahmslos. Habe diese Bücher auch als Lektüre für meine Schüler verwendet in Englisch. Und einige Bücher habe ich sogar mehrfach zu mir genommen, die Welle etwa habe ich als Jugendliche gelesen, als junge Erwachsene noch einmal, und nun letztens als Film. Ich mag seine Art zu schreiben, er versteht es, sogar diejenigen Kids zum Lesen zu animieren, die sonst schwer dazu zu bewegen sind.

Nur mit "Ghetto Kidz" kann ich mich nicht anfreunden. Ich habe es als Buch versucht. Ich habe es zweimal als Hörbuch versucht. Und nie komme ich über die ersten Kapitel hinaus. Eigentlich wäre das für mich das derzeit wichtigste Buch, weil ich mit ihm die Jungs auf Arbeit besonders erreichen könnte. Gang, Ghetto, Gewalt, Realität, Kriminalität, das ist genau das, womit ich bei ihnen durchdringe, und da ließen sich herrliche Diskussionen anbahnen, da könnte ich sie für ein Buch begeistern. Aber ich schaffe es nicht.

Kann nicht einmal wirklich sagen, weshalb. Irgendwie scheint es mir mehr in Episoden aufgebaut zu sein, weniger als Handlung. Dies war bei "Asphalt Tribe" jedoch auch der Fall, der fehlende Handlungsfaden kann es also nicht sein. Die Gewalt ist es auch nicht, die mich stört, das bin ich gewohnt. Der Erzählstil könnte es sein, ich finde ihn anders als in den anderen Büchern. Er reißt mich nicht mit. Allerdings habe ich ihn noch nicht näher analysiert. Ich kann es nicht anders beschreiben als dass das Buch mich einfach nicht packt. Das Thema wäre höchinteressant, aber was er daraus gemacht hat, schaffe ich einfach nicht zu lesen.

Ich habe mich nun im Internet informiert, wie das Buch enden wird. Und ich finde es realistisch und prima, dass er nichts beschönt, sondern den Kreislauf der Gewalt so zeigt, wie er draußen auf den Straßen tatsächlich stattfindet. Vielleicht werde ich es in ein paar Monaten noch einmal versuchen. Aber vorerst nach zig Anläufen brauch ich erst mal eine Pause von diesem Buch ...

SaschaSalamander 10.10.2009, 08.17 | (0/0) Kommentare | PL

Abwarten ob bewegend oder schrecklich

rosnay_schluessel_150_1.jpgHeute habe ich angefangen, "Sarahs Schlüssel" zu hören. Im ersten Moment ist es mit den zwei Erzählebenen ein wenig verwirrend, mal springt er von diesem einen Mädchen damals zum anderen Mädchen heute. Aber gut, ich höre auf dem Weg zur Arbeit, in der Ubahn, während des Duschens, da ist es klar, dass man hier und dort mal kurz abgelenkt ist, an sich ist es sehr klar und verständlich. Die Rezension, durch die vor einigen Monaten meine Aufmerksamkeit auf dieses Buch gerichtet wurde, habe ich inhaltlich nicht mehr in Erinnerung, und mehr habe ich bisher nicht von diesem Buch erfahren, sodass ich keine Ahnung habe, worauf es abzielen wird. Aber ich vermute, dass es recht traurig werden wird, der Anfang ist bereits recht ... wie soll ich sagen ... nun, er lässt einiges erahnen, und ich bin gespannt, wie die Autorin mit diesem Thema umgehen wird ... ich habe schon viele Romane über das dritte Reich gelese, und manche hingen mir zum Hals raus, andere waren schrecklich, andere bewegend, ...

SaschaSalamander 06.10.2008, 13.32 | (3/2) Kommentare (RSS) | PL

Caius ist ein Dummkopf

CoverAls Lateinschüler und Leseratte waren die Bücher von Henry Winterfeld natürlich ein Muß für mich. Zusammengefasst unter dem Titel "Caius - der Lausbub aus dem alten Rom" gab es die drei Bände "Caius ist ein Dummkopf", "Caius geht ein Licht auf" und "Caius in der Klemme". Ich liebte ein Buch sosehr wie das andere, mein Favorit war jedoch der Dummkopf, und diesen habe ich nun auch als Hörspiel in die Finger bekommen und genossen. Diese Bücher sind es wert, einzeln rezensiert zu werden, deswegen hier ein paar kurze Infos über die Serie und nur der Inhalt des ersten Bandes :-)



Der Grieche und alte Lehrer Xanthippus unterricht in seiner Klasse die Schüler Caius, Marcus, Antonius, Flavius und Rufus. Aber auch damals schon waren Jungen so richtige Lausbuben, und Rufus schreibt mit großen Buchstaben "Caius ist ein Dummkopf" auf seine Tafel. Es entbrennt ein Streit, und Xanthippus wirft Rufus aus dem Unterricht. Am nächsten Morgen steht in großen Buchstaben "Caius ist ein Dummkopf" an der Wand des dem Kaiser geweihten Minervatempels, in Rufus´ Schrift, und Xanthippus wurde überfallen! Rufus behauptet, er habe den Tempel nicht geschändet, aber wer sonst sollte so etwas getan haben, und warum? Und wer hat den alten Lehrer überfallen? Die Jungen machen sich auf die Suche nach dem Täter, um ihren Freund Rufus aus dem Gefängnis zu befreien.

Herrlich, ein wundervoller Kinderkrimi ab etwa 12 Jahren. Von der ersten Seite an ist das Buch spannend, aber auch witzig und vor allem sehr gut zu lesen. Aus dem harmlosen Streich entwickelt sich ein Fall, der sich am Ende als ziemlich brisant herausstellt.

Das Leben im antiken Rom wurde sehr gut aufgezeigt, ohne Dinge zu beschönigen oder schlechtzumachen. Sklavenhaltung als etwas Selbstverständliches, die Trennung von Knaben und Mädchen, Schulbildung nur für die Reichen, die Privilegien der hohen Herrschaften, Spiele und Freizeitbeschäftigung der damaligen Zeit, Familienleben, Wohnverhältnisse und vieles mehr wird sehr anschaulich dargestellt. Die Jungen damals unterschieden sich gar nicht so sehr von den Schülern heute, werden die Leser bald feststellen, und auch damals hatten sie bereits allerhand Unsinn im Kopf.

Gute Kinderkrimis sind selten, und wenn sie noch dazu im alten Rom spielen, sind sie etwas wirklich Besonderes. Der Lausbub Caius ist ein Buch, das in der Schule meiner Ansicht nach fast Pflichtlektüre werden sollte, wenn die Antike behandelt wird. Geschichte muss keinesfalls trocken und staubig sein ;-)

SaschaSalamander 25.08.2008, 11.16 | (3/0) Kommentare (RSS) | PL

Spur ins Schattenland

stroud_schattenland_150_1.jpgJonathan Stroud ist den Lesern des Fantasy und der aktuellen Jugendliteratur vor allem durch seine Bartimäus-Trilogie bekannt, die das Mächtespiel zwischen einem arroganten Jungzauberer und dessen beschworenem Dschinn hervorragend zeichnet. An dieses Werk denken die meisten Leser bei seinem Namen, und daran wird er gemessen. Ebenso großartige Bücher wie "Eisfestung" verschwinden ein wenig im Lichte des Dschinn, weil sich Realität und schwere, ernsthafte Themen leider nicht mit dem bissigen Sarkasmus einer fiktiven Gestalt messen können. "Drachenglut" ein netter Fantasy, leider im Schatten von Bartimäus komplett übersehen. Ähnlich leider auch "Die Spur ins Schattenland" ...

Charlies Freund Max stirbt bei einem Unfall am See. Charlie ist überzeugt, dass er von den Wassernixen nach unten gezogen wurde, sie will ihn retten, wird beinahe selbst von einer Nixe nach unten gezogen und kann im letzten Moment entkommen. Doch als sie der Krankenschwester und danach ihrer Mutter diese Geschichte im Krankenhaus erzählt, glaubt man ihr nicht so recht. Und weil Charlie nicht für dumm gehalten werden will, schweigt sie und frisst ihren Kummer in sich hinein. Bald kann sie wieder nach Hause, muss noch nicht in die Schule, aber regelmässig zu einem Therapeuten. Geschickt schafft sie es, allen Erwachsenen etwas vorzuspielen. Nur ihr Bruder spürt und sieht, wiesehr der Verlust an Charlie zehrt. Sie setzt alles daran, ihren Freund aus der Schattenwelt zu befreien, macht sich auf den Weg in die geheimnisvolle Welt, in der er nun unterwegs ist. Immer tiefer dringt sie vor in das sogenannte Schattenland, immer näher kommt sie ihrem Freund, immer weiter entfernt sie sich von der realen Welt, und immer dichter verweben sich die Realität und Charlies Träume ... kann ihr Bruder sie noch retten, bevor sie Max erreicht und für immer verloren sein wird?

Das Buch ist ein sehr ernster Roman über den Verlust, welches ein junges Mädchen erleiden muss. Die Erwachsenen nehmen ihr die Möglichkeit, auf ihre eigene Weise zu trauern: Maxens Eltern verjagen sie vom Grundstück, als sie ihn dort noch einmal erleben möchte. Die Mutter verbietet ihr, den See noch einmal zu besuchen. Niemand glaubt ihre Geschichte von den Nixen, und alle wollen ihr einreden, dass es ein Unfall war, und dass sie ihn nicht retten konnte, sosehr sie es auch versuchte.

Dem Leser bleibt es selbst überlassen, ob er das Buch als Fantasy lesen möchte, ob er an Charlies Version glaubt, oder ob er ein Realist ist und in dem Werk den traurigen Versuch der Trauer- und Verlustarbeit eines einsamen Mädchens sieht. Mal wird er entführt in Charlies Träume, die sich nur allzu real durch Kratzspuren, Schlamm und andere sichtbare Beweise manifestieren. Oder ist sie nur eine Schlafwandlerin? Aber woher kommen dann die tiefen Kratzer an ihrem Körper, wenn nicht von den Wölfen? Berichte des Psychologen untermauern dagegen die ernsthafte Seite des Buches. Und wie es leider nur allzu echt ist, gelingt es dem Mädchen, die Mutter von ihren "Fortschritten" zu überzeugen. Der Leser wünscht sich, die Mutter am Kragen zu packen, ihr klarzumachen, dass ihr jugendlicher Bruder mit der Aufsicht über die kleine Schwester überfordert ist! Ihr endlich einmal zu zeigen, wiesehr das Mädchen leidet und doch nur einen Zuhörer braucht, der ihr glaubt! Ihr entgegenzurufen, dass ihre beiden Kinder sie brauchen, alleine niemals mit dieser traumatischen Situation fertigwerden können! Aber die Rufe des Lesers verhallen, verklingen ebenso hilflos in der Dunkelheit wie Charlies Rufe nach Max im finsteren Schattenwald ...

Es ist kein leichtes Buch, das man zwischendurch mal schnell liest oder während des Arbeitens hört. Sondern ziemlich harte Kost, die recht viel Konzentration erfordert. Es geschieht so viel gar nicht einmal, und doch muss der Leser sorgsam auf die Handlung achten, um nicht den Faden zu verlieren zwischen Traum und Wachen und den Ereignissen, die langsam aber konsequent voranschreiten.

Ich weiß leider nicht, wie die wechselnde Erzählperspektive im Buch dargestellt ist (vielleicht unterschiedliche Schriftart? Eine Kapitelüberschrift mit den Namen der Erzähler?). Im Hörbuch jedenfalls ist es zu Beginn äußerst verwirrend, und es hat nicht wenige Kapitel gedauert, bis ich endlich in der Handlung "drin" war und wusste, wer gerade spricht. Man hätte dies durch zwei verschiedene Sprecher lösen können. Zudem halte ich Gerd Köster zwar für einen guten Erzähler, bei "Spur ins Schattenland" jedoch für etwas zu monoton und einsilbig. Es fällt mit der Zeit schwer, ihm zu folgen und nicht einfach gedanklich abzudriften. Man muss sich sehr bemühen, die Konzentration auf seine Worte nicht zu verlieren ...

Das Ende kam für mich extremst abrupt. Entweder, ich habe im Hörbuch aus der Bücherei die letzten Kapitel nicht hören können, weil es defekt war und ich sie einfach nicht angezeigt bekam, oder das Buch war an der Stelle nach dem Berg auf dem Volksfest tatsächlich vorbei?!? (wer es gelesen hat: bitte mir kurze Rückmeldung geben!). Ich habe nichts gegen ein offenes Ende, aber in diesem Fall war es wirklich EXTREM abrupt und derart offen, dass ich nicht das Gefühl hatte, ein abgeschlossenes Buch mit offenem Ende zu hören. Das hat mich dann doch sehr erstaunt ...

Als Fazit fällt es mir diesmal schwer, etwas zu sagen. Zuerst, denke ich, sollte ich darauf hinweisen, dass das Buch vermutlich die bessere Variante darstellt, da das Hörbuch sehr anstrengend und verwirrend ist. Ich kann das Buch nicht als leichte Urlaubslektüre oder als spannende Kost empfehlen. Wer das Buch liest, sollte auf jeden Fall bereit sein, sich überaus intensiv mit dem Thema Trauerarbeit auseinanderzusetzen. Es ist kein Roman über eine Reise in ein fiktives Land, sondern ein Buch, in welchem sehr, sehr viel verarbeitet und aufgearbeitet wird und der Leser am Ende keine Lösung und keinen Abschluss erhält, sondern die Trauerarbeit alleine beenden muss. Ich habe pädagogisch noch nicht mit Kindern an diesem Thema gearbeitet, und ich weiß nicht, ob ich es hierfür geeignet halten soll. Dem Gefühl nach würde ich sagen, dass ein Buch über Trauerarbeit auch Hoffnung bieten sollte. Es muss nicht bunt und lustig sein, auf keinen Fall, es soll die Gefühle ernst nehmen und Trauer zulassen, aber es darf den Betroffenen nicht mit seinen Ängsten alleine lassen. Bei diesem Buch habe ich den Eindruck, dass dies jedoch geschieht. Wer diese Phase überwunden hat und im Nachhinein etwas zu diesem Thema lesen möchte, wird sich und seine alten Ängste vermutlich gut darin wiederfinden. Aber wer aktuell diese Arbeit bewältigen muss, für den könnte es (meiner unfachmännischen Meinung nach) wohl eher zusehr belasten. Selbst für mich als jemanden, der nicht mit diesem Problem kämpft, war es sehr schwer ...

Doch, es war ein sehr gutes Buch. Aber auch sehr schwer. Kein Fantasy, kein direkter Jugendroman, kein Fachbuch. Zu jung die Charaktere für erwachsene Leser, zu heftig das Thema für Kinder oder Jugendliche. Ich glaube, ich bin der falsche Leser, es zu rezensieren ... ich weiß nicht, wer die Zielgruppe ist ... und ich möchte ungern ein so gelungenes Buch abwerten. Aber ich weiß einfach nicht, wem ich "Spur ins Schattenland" empfehlen sollte ...

SaschaSalamander 22.08.2008, 11.45 | (2/2) Kommentare (RSS) | PL

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