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Ausgewählter Beitrag

Feuergott

hellinger_feuergott_1.jpgWie >hier< schon geschrieben, freue ich mich immer, wenn ich regionale Schriftsteller entdecke (naja, >es gibt auch Ausnahmen<, wie die letzten Tage mir bestätigen, aber das ist ein anderes Thema). In diesem Fall las ich das erste Mal ein Buch von >Peter Hellinger<, der selbst einen kleinen Verlag gegründet hat: >Art and Words<. Über >BloggDeinBuch< erhielt ich ein Exemplar seines Werkes >FEUERGOTT<.

FEUERGOTT ist eine Ansammlung von Kurzgeschichten des Verlagsinhabers und Autors Peter Hellinger. Ich liebe Kurzgeschichten, denn sie sind ideal für zwischendurch: z.B. vor dem Schlafengehen. Wenn man nur eine oder zwei Stationen in der U-Bahn fährt. Wenn man gerade keine Zeit hat aber trotzdem ein paar Minuten abschalten möchte. Wenn man einfach mal ein wenig Abwechslung möchte statt 500 Seiten ein und desselben Autors zu lesen. Wenn man überrascht werden möchte. Denn was mir an Kurzgeschichten ebenfalls gefällt: sie haben in der Regel eine überraschende Wende oder beschreiben kurz einen wichtigen Wendepunkt im Leben eines Menschen. Schnell gelesen, aber lange darüber nachgedacht. Zumindest wenn die Geschichte gut war. Und das sind sie hier.

Eine inhaltliche Zusammenfassung zu schreiben ist bei diesem Titel nicht möglich. Zu verschieden sind die Geschichten, zu unterschiedlich die Erzählweisen. Auf 153 Seiten findet der Leser 36 Geschichten, die einzelnen Geschichten sind oft nur eineinhalb bis drei Seiten lang. Was schön ist: die Geschichten sind optisch gut voneinander getrennt, sodass sie nicht wie bei Kleinverlagen sonst oft üblich "ineinanderfließen". Andererseits kostet das Büchlein 15 Euro, vielleicht hätte man mit weniger Seiten und effizienterer Platznutzung und ein paar Euro günstiger drucken können. Es hat eben immer alles zwei Seiten ;-)

Die Geschichten lesen sich sehr flüssig, die Sprache ist schmucklos, direkt und lenkt durch ihren einfachen und doch kunstvollen Stil nicht vom eigentlichen Inhalt ab. Was mir sehr gefällt: die hohe Kunst der Kurzgeschichte ist es, dem Leser eine Geschichte zu erzählen, um dann am Ende spontan zu überraschen. Eine völlig neue Sichtweise, eine ungewöhnliche Auflösung, der Leser soll am Ende der wenigen Zeilen erstaunt, fasziniert, erschüttert, überrascht sein. Hellinger schreibt in einem neutralen Stil, der oft nichts vom Ende erahnen lässt, und dann - zack, im letzten Satz - die Pointe.

Seine Geschichten bringen zum Schmunzeln, Lachen, Nachdenken. Die Inhalte sind tragisch, ironisch, witzig und mit einem Augenzwinkern dargeboten. Das Genre erstreckt sich von Fantasy über Thriller, Märchen, Krimi oder einer schlichten Erzählung. Entsprechend den Erfordernissen der jeweiligen Geschichte passt er Zeitform und Erzählperspektive an: mal findet sich der Leser in der Gegenwart, mal in der Vergangenheit. Mal sieht er die Geschichte aus Sicht des Protagonisten, ein andermal erzählt ein Außenstehender seine Beobachtungen, ja er lässt sogar Pflanzen und Gegenstände lebendig werden und zum Leser sprechen. Und was sehr ungewöhnlich ist (bisher habe ich nur ein Buch dieser Art gelesen: >DU< von Zoran Drvenkar), der Protagonist spricht den Leser mit "Du" an. Ein Kunstgriff, den ich besonders in "Der Dolch" überaus gelungen finde. Erzähperspektive und Zeitform wechseln manchmal sogar innerhalb einer einzigen Geschichte, sodass man den anfänglichen Zusammenhang im ersten Moment nicht erkennt. Dann, nach dem Begreifen, liest man ein zweites Mal, um nun im Nachhinein die Bedeutung einzelner Momente zu erfassen, diesmal mit völlig neuen Augen.

Manche der Geschichten sind ein wenig vorhersehbar (z.B. Dosenfleisch, das letzte Bild), andere dagegen sind äußerst unerwartet und ungewöhnlich (z.B. Bakun, Der Dolch). Doch immer muss man einen Moment innehalten und die Geschichte wirken lassen. Traurige Todesfälle, die falsche Anwendung magischer Liebestränke, die Beschwörung eines Gottes, ein geheimnisvoller Bruder, Nahtoderfahrungen zweier Menschen, das Ende der alten und der Anfang einer neuen Welt, der Autor führt den Leser auf die unterschiedlichsten Schauplätze von Vergangenheit über Gegenwart und Zukunft. Man spürt die Lust des Autors am Fabulieren, es scheint, als habe er viele Ideen und Gedanken, die er zu Papier bringen möchte, als wolle er seine Fantasien in Worte kleiden und daraus kleine Geschichten erdenken, mit teils sehr ungewöhnlicher und kreativer Note.

Da der Verlag noch ein kleiner ist, kann man das Buch in seiner Gestaltung natürlich nicht mit Großverlagen vergleichen. Hier und da ein Wort zuviel, einmal eines zu wenig, kleine Lektoratsfehler, die jedoch nicht negativ ins Gewicht fallen. Auch hat sich hier und da ein fehlender Absatz eingeschlichen, sodass man im ersten Moment den Wechsel einer Zeit- oder Erzählform nicht so recht erfasst, aber das sind kleine Fehler eines Verlages, der vorerst noch in den Kinderschuhen steckt. Und, ganz ehrlich - bei manchem Großverlag habe ich schon sehr weit mehr Fehler entdeckt. Ich gebe zu, dass ich etwas anderes erwartet habe (junge Verlage müssen oft noch ein wenig "üben", das ist normal) und positiv überrascht war von Schriftsatz, Kapitelgestaltung, Aufbau und Covergestaltung. Und was ich ganz besonders positiv hervorheben möchte: oft unterscheiden sich Ebook und Printmedium nur minimal, was ich sehr ärgerlich finde. Hier allerdings kostet das Ebook lediglich 6 Euro, ist also doch ein rechtes Schnäppchen. Ebenso gibt es eine sehr ausführliche >Leseprobe<, die bereits recht viele Geschichten kostenlos präsentiert. Finde ich wirklich fair und günstig :-)

Wer Kurzgeschichten liebt, findet hier das gelungene Buch eines sympathischen neuen Verlages. Speziellen Lesergruppen kann ich das Buch allerdings nicht empfehlen, da es aufgrund der vielen Erzählweisen und Genres sehr allgemein gehalten ist. Der perfekte Leser für dieses Buch ist aufgeschlossen, vielseitig und legt sich nicht gerne auf irgend etwas fest. Er bevorzugt es, sich überraschen und verzaubern zu lassen, komme was wolle ;)

SaraSalamander 25.01.2012, 19.53

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