SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

DU

drvenkar_du_1.jpgInzwischen habe ich DU beendet und bin schlauer als zuvor. Weiß jetzt endlich, worum es geht, was es damit auf sich hat. Die Zeit vom ersten Satz bis hin zum letzten Moment war sehr kurzweilig, wenn auch stellenweise sehr anstrengend. Die Handlung ist nicht wirklich zu beschreiben ohne Spoiler. Ich werde also nicht den Inhalt wiedergeben, sondern versuchen, das Buch zu beschreiben:

der Autor Zoran Drvenkar schreibt in der 2. Person. Allerdings ist unklar, ob er den Leser direkt anspricht, denn "Du" sind viele verschiedene Personen. Jedes Kapitel ist einer Person gewidmet. So bist Du einmal "der Reisende", welcher kalt und gnadenlos unzählige Menschen tötet. Ein andermal bist Du ein junges Mädchen in einer Clique, nennst Dich "Stinke", "Talia", "Nessie". Ein andermal bist Du ein Junge, der Stinke begegnet und sich sofort verliebt und bereit ist, alles für sie zu tun. Du bist ein anderes Mädchen aus dieser Clique. Bist der Logist. Bist ein mittendrin in der Handlung auftauchender Junge, der nur für kurze Zeit den Weg kreuzt. Bist der Freund des Jungen, der Stinke kennenlernt und bist der Sohn des Mannes, welcher wiederum der Onkel des Vaters des anderen Mädchens, und manchmal bist Du mehrere Funktionen und Rollen mit einer Person (denn es gibt Bindeglieder, welche Kontakt zu mehreren Akteuren aufweisen).

Ach jeh, versteht Ihr, was ich meine? Es ist ein sehr komplexer Zusammenhang. Anfangs ist es sehr verwirrend, man kann sich nicht alle Personen merken, bringt sehr viel durcheinander, versteht auch nicht, was es mit dem "Du" auf sich hat. Und dann ist es auch extrem seltsam, wenn man aus mehreren Perspektiven das gleiche Geschehen liest und dann plötzlich die Person, die man selbst war im vorherigen Kapitel als dritte Person von außen beschrieben wird. Sehr konfus, und man darf wirklich nicht abgelenkt werden, muss sich sehr genau konzentrieren, was nun aktuell passiert. Vor allem, weil es auch eine Menge Zeitsprünge gibt. Und innerhalb dieser Zeitsprünge gibt es weitere Rückblicke, während der allwissende Erzähler jedoch bereits in die Zukunft vorausgreift. Also, Lektor dieses Werkes wollte ich garantiert nicht sein!

Während anfangs alle Figuren für sich stehen und kein Zusammenhang ersichtlich ist, wird nach einigen Kapiteln bereits ersichtlich, dass sie etwas gemeinsam haben, dass sie sich kennen oder aber bald aufeinandertreffen werden. Alles zielt ab auf einen großen, finalen, gigantischen Showdown aus allen Beteiligten. Bis dahin jedoch braucht man sehr viel Geduld und Durchhaltevermögen. Doch dann wird die Story immer rasanter. Eine Mischung aus Drama, Roadmovie, Coming-of-Age, Thriller, Gangster, Teenie, ein Experimentalwerk fernab jeglichen Genres.

Gefallen? Auf jeden Fall! Es ist mal komplett anders, und ich könnte es auch nicht mit einem anderen Werk vergleichen. Auf jeden Fall sehr kurzweilig und unterhaltsam, man musste sofort wissen, wie es weitergeht! Anfangs aufgrund der vielen komplexen Zusammenhänge sehr anstrengend, aber doch äußerst spannend. Schon der Gedanke "was soll das alles werden" hält einen gefesselt.

Das Ende fand ich sehr faszinierend, ich dachte mir, dass es darauf hinauslaufen würde (nicht die Gesamtsituation an sich, sondern gerade diese beiden Charaktere und ihre Verbindung zueinander). Allerdings wird - da kann man jetzt interpretieren - auch das "DU" erklärt, und diese Erklärung fand ich (so es eine war) eher mau. Es rechtfertigt nicht, den gesamten Roman in dieser Form zu schreiben. Aber, wie gesagt, vielleicht ist es keine Erklärung, sondern nur ein letzter roter Faden am Ende, ein "Schlussgag". Egal, trotzdem ein prima Finale, das mir sehr gefiel.

Manche meinen, dass das Buch durch das "Du" intensiver würde. Ging mir nicht so, denn als ich merkte, dass es nur ein Stilmittel ist und ich nicht jede der Personen verkörpere, habe ich gedanklich das Du immer sehr schnell durch Er / Sie ersetzt, was mir leichter fiel und mir half, die Handlung zu begreifen. Ich lese Inhalte, keine Feinheiten (außer ich konzentriere mich bewusst darauf oder genieße die Worte, aber das ist eher bei Wilde, Hugo, Kafka, Rilke etc der Fall, nicht bei moderner Belletristik), und es kann vorkommen, dass ich während des Lesens eines normalen Romanes nicht einmal sagen kann, ob es in der ersten oder dritten Person geschrieben ist, weil ich über so etwas hinweglese ...

Nur das Hörbuch hat sehr viele Mängel in meinen Augen. Ich wünschte, ich hätte statt dessen das Buch gelesen. Denn der Sprecher liest recht eintönig, variiert seine Stimme kaum, es ist mir nicht leichtgefallen, ihm stetig zu folgen. Es hängt sehr stark vom Sprecher ab, ob ich einer Geschichte folgen kann oder ständig abdrifte in Gedanken, und bei ihm ist mir dies recht oft passiert. Einige Tracks musste ich mehrfach hören, weil ich einfach nicht mitkam und in komplexen Momenten, die er eintönig herunterleierte, völlig den Faden verlor. Eine Minute nicht aufgepasst, und schon war die komplette Story verlustig, bei diesem Buch zählt jeder Moment. Bei dem Sprecher bekam man stellenweise nicht einmal Kapitelwechsel mit, und ich fragte mich, warum ich gerade noch das Mädchen, jetzt auf einmal der Logist und plötzlich wieder der Sohn war, ohne es mitbekommen zu haben? Und wer liegt da gerade auf dem Boden und wird bedroht, und wer hält mir da auf einmal eine Knarre an den Kopf? Sollte ich nicht in diesem Kapitel die Person sein, die jetzt auf einmal von außen als dritte Person beschrieben wird?

Sinnvoll wäre es gewesen, das Hörbuch mit mindestens zwei Sprechern zu gestalten (ein männlicher, ein weiblicher), noch besser mit drei Sprechern (ein Mann, ein Junge, ein Mädchen), idealst mit einem Sprecher pro Charakter.

Es ist einfach lästig, wenn ein kaltblütiger Killer mit dem gleichen Tonfall spricht wie ein junges unerfahrenes Mädel. Gut, man kann argumentieren, dass es ja nicht der Charakter ist, der spricht, sondern immer der Erzähler, welcher den Leser anspricht. Trotzdem, fürs Hörbuch sehr ungünstig. Oder wenigstens jemanden wie Beck, Kaminski, Jäger, Nathan, Steck, Pigulla, die dem Text Leben einhauchen statt ihn nur vorzulesen.

Nein, das Hörbuch werde ich niemandem empfehlen. Eigentor des Verlages. Aber das Buch, von dem schwärme ich begeistert! Es ist ein Genuss für jeden Leser, der mal etwas völlig Neues möchte und sich gerne auf ein spannendes Lese-Experiment einlässt. Naja, und er / sie sollte Thriller und schräge Inhalte mögen und offen für alle möglichen Genres sein. Das ideale Buch für den Leser, der von Einheitsbrei auf den Bestsellerlisten gelangweilt ist und endlich mal etwas Abwechslung wünscht ;-)

SaschaSalamander 24.12.2010, 08.22

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