SaschaSalamander

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Warum ich nicht mit Punkten bewerte

Ach ja, die Punktewertungen. Ob nun bei Amazon mit 5 Sternen oder in diversen Blogs mit anderen Symbolen oder auf anderen Plattformen mit 10 Sternen oder wie im Schulsystem 6 Sternen oder oder. Ich gebe zu, dass ich damit meine liebe Not habe. Wie soll man überhaupt bewerten? (ich rede jetzt ganz allgemein, weil ich dieses Problem häufiger habe. Der Form halber sage ich immer "Autor", ob nun Männlein oder Weiblein. Ich beziehe mich auch auf keine konkreten Fälle, sondern allgemein. Da mir, wie gesagt, dieses Problem schon häufiger begegnet ist).

Da habe ich einen Thomas Mann oder einen Rainer Maria Rilke, die haben Kunst geschaffen, Literatur geprägt und sind in meinen Augen ganz, ganz groß. Sie unterhalten mich nicht unbedingt, aber sie bereichern mich, sie erfüllen mich, sie haben Großes erschaffen und sind eine Bereicherung der Weltliteratur. 5 Sterne, absolut!

Dann ist da der Schreiber von Weltliteratur, der hat sogar einen Nobelpreis gewonnen. Ich habe sein Buch jetzt aber schon 3 oder 4 Mal begonnen, und ich will endlich lesen, wie es dem ollen Matzerath ergeht. Aber weder als Film noch als Buch kam ich jeweils über die ersten 10 Minuten oder 15 Seiten hinaus. 5 Sterne, weil literarisch so hochwertvoll, oder 0 Sterne, weil ich es einfach nicht schaffe und für mich persönlich ganz, ganz öde finde?

Dann ist da ein moderner Autor, der schreibt Unterhaltung. Ich habe mich hervorragend unterhalten, er hat prima recherchiert, er hat einen tollen Schreibstil. Es gibt zwar ein, zwei Charas, die mir nicht so zusagen, aber das macht nichts, denn es passt ins Buch und ist in sich einfach "rund". Weil es Fantasyelemente enthält, achte ich auch nicht so genau darauf, ob und wie logisch das ist. Sondern am Ende sage ich "ey, das hat mich ganz toll unterhalten, super" und gebe 5 Sterne. Obwohl es natürlich noch lange kein Mann oder Rilke ist und mich das Buch auch nicht bereichert hat und wirklich nur reine Unterhaltung war.

Und dann ist da ein anderer Autor, der schreibt privat und hat einfach mal den Traum, etwas zu veröffentlichen. Eigentlich ist er kein Autor. Aber er stellt für 99 Cent bei Amazon eine Geschichte ein. Ich lese es und weiß, dass das kein Thomas Mann ist und auch kein Grass oder Saramago, sondern Lieschen Müller von nebenan. Und die Geschichte hat Potential, ist inhaltlich prima erdacht. Okay, das Lektorat lässt zu wünschen übrig, ein paar stilistische Fehlerchen haben sich eingeschlichen. Aber soll ich jemanden mit Potential mit 2 Sternen niederbügeln und jegliches Talent im Keim ersticken? Kann ich nicht eine positive Rezension schreiben, die Fehler anmerken und dann trotzdem 3 oder sogar 4 Sterne geben? Immerhin sieht man, dass sich jemand bemüht hat.

Und dann gibt es die privaten Geschichten, die einfach nur Rotz sind. Da bildet sich jemand ein, dass er schreiben könne und bügelt mal schnell irgendwas aufs Papier. Katastrophal in Rechtschreibung und Grammatik, und die Story ist einfach mal schnell aus den Fingern gesogen. Man hätte was draus machen können, aber es wurde nicht einmal versucht. Die Geschichte wirkt für einen weniger kritischen Leser ähnlich wie die Geschichte in meiner Beschreibung eins drüber, aber sie würde von mir 1 Stern kriegen statt 4, weil sie einfach die Aufmerksamkeit vermissen lässt, die ein Autor seinem Werk zollen sollte. Man merkt, ob jemand Fehler übersehen hat, oder ob jemand sich überhaupt nicht um Fehler kümmert. Und nun ist natürlich der Autor der vernachlässigten Geschichte sauer, denn die andere Privatperson mit fast genauso vielen Fehlern bekommt auf einmal 4 Sterne, und er nur einen!

Aber dann ist da ein prima Autor, der schreibt tolle Bücher. Gut, einmal hat er eines geschrieben, das war nicht so toll, da gab es ein paar kleine Schwächen. Weil man weiß, dass sonst alles top ist, zieht man einen Stern ab. Weil er es besser kann. Und weil ein abgezogener Stern kein Weltuntergang ist.

Und dann steht jemand da, kennt die Hintergründe nicht und denkt nun, dass das Buch des Superautors den gleichen Wert hat wie das von Lieschen Müller mit der gleichen Sternenanzahl. Und auf einmal bildet Lieschen sich ein, das eigene Buch sei mindestens so gut wie ein Stephen King oder Heinrich Böll. Und der Bestsellerautor ist enttäuscht, dass sein anspruchsvolles Werk von mir genauso bewertet wird wie ein anderes Unterhaltungsbuch aus irgendeinem Fantasy oder Erotik oder Kiddie Genre.

Ich mag das nicht. Mich stören die Sterne!  Und deswegen werde ich bei mir im Blog auch niemalsnie ein Punktesystem einführen! Denn wenn man die Rezi nicht liest, weiß man auch nicht, wofür es den Punktabzug gab. Ob vielleicht wegen der Sprache oder Lektorats oder aufgrund gravierender Logikmängel oder beim Hörbuch lediglich aufgrund eines schlechten Sprechers oder oder oder. Punktwertungen verfälschen die Intention.

Mir ist es lieber, wenn ich einfach nur schreiben kann, was ich toll fand und was mich störte. Das ist weniger unfair. Punktevergabe bei der Bücherbewertung bedeutet für mich, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Manchmal muss ich leider doch Punkte vergeben, z.B. für BloggDeinBuch oder bei Amazon. In diesem Fall bewerte ich jedes Buch individuell, niemals im Kontext. Mein Bewertungskriterium: Wie hat der Autor das vorhandene Potential genutzt? Hätte man mehr aus der Geschichte machen können? Oder wurden alle Möglichkeiten ausgeschöpft, wirkte die Geschichte in sich rund und von allen Seiten passend? Und das kann dazu führen, dass Lieschens Müller private Geschichte voller Fehler genausoviel oder sogar mehr Sterne erhält als ein talentierter Autor, der lange auf der Bestsellerliste steht und erneut ein kleines Meisterwerk geschaffen hat ;-)

SaschaSalamander 19.03.2012, 15.42

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