SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Neji Screw

yuki_neji_1.jpgDiese Rezension ist etwas ganz Besonderes für mich. Hier auf SaraSalamander ist sie niemals erschienen. Was es damit auf sich hat, werde ich heute Nachmittag erzählen

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Soso, nun habe ich mich also entschieden, ebenfalls eine Rezension für die Mangatainment zu schreiben: ich habe mir eine Neuerscheinung meiner Lieblings-Mangaka herausgesucht, habe ihn gelesen, mir ein paar Notizen gemacht, den groben Inhalt des Textes überlegt und …und stelle nun ernüchtert fest, dass es nicht gerade leicht ist, einen passenden Einstieg zu finden ;-)

Die Entscheidung, welchen Manga man kaufen möchte, fällt nicht immer leicht. Wenn eine Serie startet, kann es sich unter Umständen über Monate oder gar Jahre hinziehen, bis man nach 38 oder immer mehr werdenden Bänden die komplette Serie im Regal stehen hat. Deswegen freue ich mich auch sehr, wenn zwischendurch ein einzelner abgeschlossener Band erscheint. Noch dazu, wenn er von Kaori Yuki stammt, der berühmten Zeichnerin von Angel Sanctuary, Boys next door und God´s Child (früher veröffentlicht als Count Cain).

Ich war erstaunt, den Manga eingeschweißt im Ständer zu sehen! Er ist weder „adult“ noch ist eine kleine Beilage (Postkarte o.Ä.) zu finden. Dabei ist gerade das doch oft die Vorfreude auf den Kauf: An der Drehsäule oder am Regal stehen und einige Mangas durchblättern, Zeichnungen betrachten, Klappentexte lesen und eine Zeitlang stöbern, bevor man sich für eine neue Serie entschieden hat. War wohl nix – nicht einmal ein Klappentext, der dem Leser Hinweise auf den Inhalt des Buches gibt. Aber gut, ein einzelner Band und dazu noch der Name der berühmten Zeichnerin, da kann man vermutlich nicht viel falsch machen für 6 Euro. Mitgenommen, zu Hause ausgepackt und losgeschmökert.

Beim ersten Überfliegen stellt man dann auch gleich fest, dass leider keine Plaudereien und Infos am linken Seitenrand zu finden sind, auch keine persönlichen Kommentare, Vermerke oder ein Schlussworte der Autorin. Ein kurzer Überblick über die Geschichte wird gleich zu Beginn gegeben:

„Ich bin Screw. Meinen wirklichen Namen kenne ich nicht. Im Jahr 1992 wurden meine Freundin Snow White und ich umgebracht und anschließend eingefroren. Im Jahr 2033 holte mich die Regierung G.E.R.A ins Leben zurück. Ich bin ein Wiederkehrer ohne Gedächtnis. Und nicht nur das: Ich soll meine übernatürlichen Fähigkeiten in den Dienst der Regierung stellen!“ (Seite 1)

Und so beginnt auch der erste Teil der Erzählung: Der Hauptcharakter durchlebt einen Traum, in welchem er einem Jungen begegnet, der sich ihm als „Screw“ vorstellt, als eine Schraube unter vielen (Jap. Neji = engl. Screw = Schraube).

Er erwacht und findet sich an einem fremden Ort wieder, ohne Gedächtnis an seine Vergangenheit und seinen Namen. Er nennt sich daraufhin selbst Screw. Bald erfährt er vom Regierungsarbeiter Luther, dass er 41 Jahre lang als Testobjekt für G.E.R.A benutzt wurde und nun als „Rebirther“ (Wiedergeborener) mit besonderen übersinnlichen Wahrnehmungen und Fähigkeiten erweckt wurde. Auch seine frühere Freundin, Snow White, wird von der Regierung als Testobjekt missbraucht. Um ihr zu helfen, soll er für G.E.R.A als Attentäter arbeiten. Doch alles entwickelt sich anders als geplant, und er entschließt sich zur Flucht …

Der zweite Teil startet unerwartet mit einem neuen Hauptcharakter: Cross, der seine übersinnlichen Kräfte ebenfalls für die Regierung einsetzt. Die beiden finden mehr über ihre gemeinsame Vergangenheit heraus, und auch der wahre Hintergrund von G.E.R.A wird genauer beleuchtet, …

Und damit es spannend bleibt, … werde ich nicht verraten, was es mit dem hübschen Mädchen Norma Jean auf sich hat, das im dritten Teil plötzlich vom Himmel fällt ;-)

Der Manga ist relativ spannend zu lesen, es fällt schwer, ihn aus der Hand zu legen. Es wird in dunklen Farben und beklemmender Atmosphäre eine nahe Zukunft vorgestellt, in welcher die Charaktere sich nach ihrem Erwachen befinden. Gelegentliche Gags oder Situationskomik, wie man sie aus den ersten Bänden von Angel Sanctuary gewohnt ist, sind äußerst selten. Es gibt immer wieder neu beginnende Handlungsstränge, die zum Weiterlesen animieren.

Was eine angenehme Auflockerung darstellt, ist die Interaktion zwischen dem etwas ruhigeren Screw und dem impulsiven Cross. In ihren Dialogen erinnern sie sehr stark an Setsuna und Kato im Höllenkapitel aus Angel Sanctuary. Und sie sind so gegensätzlich wie Raphael und Michael (Cross, der vom Verhalten her ein wenig an den Feuerengel Michael erinnert, steht ihm auch in Sachen Charakter und Verhalten in nichts nach, und in manchen Szenen bleibt mal wieder kein Stein auf dem anderen). Ein wirklich starkes Team …

Sowohl in Zeichnung – dazu nachher noch etwas mehr – als auch von der Handlung her wirkt der Band eher wie ein Rohentwurf der Zeichnerin, in dem sie für sich selbst Entwürfe und Gedanken für eine breit gefächerte Handlung skizziert.

Es ist schade, dass viele der begonnenen Handlungsstränge unbeantwortet und unvollständig bleiben. Der Manga ist sehr komplex, und er ist nicht gerade zum schnellen Überblättern geeignet. Um ihm zu verstehen, sollte man sich Zeit nehmen und ihn wirklich bewusst lesen. Es fällt dann nicht ganz so schwer, sich in die einzelnen Charaktere und Handlungsabläufe hineinzuversetzen und mitzufiebern.

Besonders der dritte Teil dürfte für die meisten Leser im ersten Moment sehr verwirrend sein. Es gibt auf den ersten Blick keinen Zusammenhang zwischen dem bisher Geschehenen und der neuen Handlung (auch auf den zweiten, dritten und vierten Blick muss man da schon wirklich suchen). Es wirkt wie eine neue Geschichte mit alten Hauptfiguren in einer neuen Umgebung.

Dafür, dass all diese Handlungen in einem einzigen Band stattfinden, hat die Zeichnerin wirklich Großes geleistet. Trotzdem wäre die gesamte Handlung in mindestens drei oder auch mehreren Bänden vermutlich schöner zu lesen. Abrupte Szenenwechsel, abgebrochene Handlungsabläufe, völlig neue und eigentlich gar nicht zu den bisherigen Geschehnissen passende Ereignisse – das macht Geschmack auf mehr und Enttäuschung über das plötzliche Ende der Erzählung. Dort, wo die Erzählung endet, könnte ein mehrbändiger Manga gerade seinen Anfang nehmen.

Was geschah in Screws Vergangenheit, wie wird es mit Luther weitergehen, wer und was genau steckt hinter G.E.R.A, wo und wie werden Screw und Cross ihre Kräfte zukünftig anwenden, stehen die Großfirmen G.E.R.A und Clockworks in Verbindung, werden Norma und ihre Freundinnen tatsächlich schaffen und (nene, schön selber lesen, ich verrate es nicht *g*) …? Das Ende lässt sehr viele Fragen offen und gibt fast schon zuviel Raum für eigene Vorstellungen und Vermutungen.

Die Zeichnungen selbst sind eigentlich nicht schlecht, aber wer exakt den gleichen Stil wie in Angel Sanctuary erwartet und erhofft, wird leider enttäuscht werden. Übung macht den Mangaka – und man sieht deutlich, dass Kaori Yuki sich im Laufe der Zeit wirklich sehr verbessert hat.

Was einem allerdings bekannt vorkommen dürfte, das sind hübsche Männer mit zierlichem Gesicht und unschuldig blickende Mädchen mit langem, wallendem Haar. Ebenso wie ihre anderen Mangas ist Neji auch ziemlich düster gehalten. Der gesamte Band ist mit Rasterfolie, Speedlines, Schattierungen und vielen Details ziemlich gefüllt, was in manchen Szenen – jeweils sehr gut zur entsprechenden Handlung passend – stark bedrückend und sehr atmosphärisch wirkt. Nur einige wenige Bilder sind sehr hell gehalten, sodass die Aufmerksamkeit in Schlüssel- und bewegenden Szenen besonders auf Ausdruck und Emotion des Charakters gelenkt wird.

In den ersten beiden Teilen fällt vor allem auf, wie dünn gestrichelt die Zeichnungen wirken, als wäre die Autorin sich unsicher, oder als wäre es eben ein erster grober Entwurf. Auch die Schrift ist sehr dünn. Wenn der Text dann ohne entsprechenden eigenen Untergrund einfach in die Zeichnung hineingeschrieben ist, fällt es stellenweise sehr schwer, wird der eigentlich sonst recht leichte Lesefluss unterbrochen, bis man dann alles mühsam entziffert hat.

Was dagegen besonders positiv auffällt, sind die vielen Details, die Kaori Yuki in die Zeichnungen eingebracht hat. Die Testobjekte in ihren flüssigkeitsgefüllten Behältern, Maschinen und Uhrwerk im Hintergrund, das Kettenkarussell oder der gemusterte Sofabezug alleine sind schon einen extra langen und bewundernden Blick wert … Auch die Coverbilder zu den einzelnen Kapiteln sind sehr detailliert und wunderschön gezeichnet.

Alles in allem kann man sagen, dass Neji Screw eine sehr komplexe Geschichte ist, die spannend zu lesen ist auch von den Zeichnungen her zum größten Teil gefällt. Wenn man die Erwartungen nicht allzu hoch schraubt und einige Lücken in der Erzählung in Kauf nimmt, wird er gefallen.

Für Einsteiger und Erstleser ist er wohl eher gewöhnungsbedürftig, aber als Mangafan und treuer Anhänger von Kaori Yuki ist er natürlich ein Muss ;-)

SaschaSalamander 30.05.2011, 09.00

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