SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Mitternachtsraben

>Hier< habe ich von meinem ersten Hörerlebnis geschrieben. Die CD hatte mir eine Freundin in die Hand gedrückt "da, könnte Dir gefallen", ich habe sie auf dem Weg zur Arbeit gehört und abends nochmal mit meinem Mann gemeinsam auf dem Sofa, und tags darauf stand ich sofort im Laden und bestellte sie mir, seitdem kann ich gar nicht mehr zählen, wie oft ich sie bereits gehört habe. Sie begleitet mich im Alltag in den unterschiedlichsten Situationen, und leider kann ich die Texte noch immer nicht auswendig, aber bald dürfte es so weit sein. Mal höre ich nur einen bestimmten Track, ein andermal das gesamte Album.

Anlässe, bei denen ich die CD höre, gibt es viele. Z.B. wenn ich mit Kerzen in der Badewanne liege und komplett entspannen möchte. Oder wenn ich von der Arbeit komme, aufgeputscht und noch voller Hektik, etwas Ruhiges brauche zum Abkühlen. Wenn es mir gerade schlecht geht und ich etwas brauche, das mich wieder hochzieht. Wenn ich den Umweltlärm vor dem Fenster überdecken möchte, um nachmittags ein Schläfchen zu halten, sind die sanfte Stimme und die geheimnisvolle, ruhige Begleitmusik ideal. Wenn ich einfach mal ein paar Minuten Kultur brauche, die mich vom Alltag ablenkt und dabei dennoch anspruchsvoll ist. Wenn ich es mir mit einem Gläschen auf dem Sofa gemütlich mache und die CD gerade dazu passen würde. Oder weil ich beim Scrollen durch meine Playlist auf dem Ipod über das Album gestolpert bin. Oder weil ich dachte "jetzt hätte ich mal wieder Lust auf Numensang und Schattenbastard". Es gibt unzählige Gründe, und eigentlich brauche ich gar keinen Grund. Ich liebe diese CD und habe sie weit öfter gehört als alles andere, was ich auf dem Player an Texten habe.

Fast ein halbes Jahr ist das nun her, mindestens einmal die Woche habe ich mindestens eines der Gedichte gehört, und jedes Mal habe ich mir vorgenommen "JETZT schreibe ich ENDLICH eine Rezension". Trotzdem habe ich bis jetzt gewartet. Der Grund ist, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Und dass ich auch nicht so recht weiß, wie ich meine Gefühle und Gedanken in Worte fassen soll. Eine beobachtende Beschreibung, wie ich sie normalerweise verfasse, ist mir hier nicht möglich, zu tief berühren mich die Gedichte und die Musik. Und eine allzu persönliche Beschreibung, was sage ich damit über mich aus, will ich das, und wer will das überhaupt lesen?

Bevor ich mich weitere zahllose Monate mit einem schlechten Gewissen plage, weil diese CD auf jeden Fall eine Rezension verdient hat und ich mich weiterhin davor drücke, möchte ich sie also wenigstens vorstellen, meine Gedanken mit Euch teilen. Eine sachliche Rezension ist es nicht. Aber muss es ja auch nicht sein, oder? Also, hier ein paar meiner Gedanken, unsortiert, kunterbunt und äußerst unobjektiv, aber sosehr von Herzen, wie es ein Beitrag hier nur sein kann

Frank Zappa sagte einmal "Über Musik zu schreiben ist wie über Architektur zu tanzen". Gut, nun sind es Worte, über die es hier zu schreiben gilt, aber diese Worte empfinde ich als sehr viel mehr. Für mich sind diese Worte Melodie, ein Lebensgefühl, sie vermitteln Emotionen, sie gehen über reine Unterhaltung hinaus. Dazu die Musik, die so perfekt passt, so viel transportiert, auch sie zu beschreiben wäre ... naja, wie eben über Architektur zu tanzen. Es geht nicht, ich schaffe es nicht.

Die Gedichte in ihrer düster-romantischen Art erinnern in ihrer Schwermut, ihrer Aussage, ihren Themen und vor allem ihrem Stil an Poe. Eine Aussage, die ich keinesfalls leichtfertig treffe, da Poe für mich einer der absolten Größen und mein Favorit ist. Schon oft las und hörte ich Gedichte oder Geschichten, denen man dies nachsagte, und immer wurde ich enttäuscht. Nur, weil etwas düster ist oder melancholisch, gothic oder was auch immer, ist es noch lange nicht "wie Poe". (Aber auch hier: das zu analysieren wäre hier zu aufwändig)

Der Hörer (und Leser, denn die kompletten Gedichte sind auf einem Büchlein im Booklet enthalten) begegnet fantastischen Wesen, etwa dem personifizierten Tod, einer Nymphe, einem steinernen Engel, einem Schattenwesen, einer Fee, mehreren Raben, dem ewigen Juden Ahasver. Manche dieser Wesen sind real, andere Metaphern, und wieder andere Trugwesen, wer vermag zu sagen, was echt und was Traum?

Themen sind Eros und Thanatos, die Sehnsucht nach Liebe und Tod. Und dazwischen die Gier nach Leben, nach Fülle, nach Erfüllung, Leidenschaft und Lust. Das Geheimnis der Metarmorphose, häufig verbunden mit dem Übergang vom Leben in den Tod oder eine andere Wesensform, Tod als Wandlung und Transformation. Man könnte es als kitschig-romantisch bezeichnen, doch in meinen Augen hebt sich der Autor mit dieser CD deutlich von ebendiesem Klischee ab. Die Gedichte sind so verfasst, dass sie sich von typischen Todessehnsuchtsgedichten a la "ich-bin-Goth/Emo-und-deswegen-ach-so-literarisch" abheben (unnötig zu erwähnen, ich möchte jedoch nicht, dass bei dem, was ich hier schreibe dieser Eindruck entsteht. Denn diese Art Gedichte mag ich nicht). Im Grunde hätte jedes dieser Gedichte eine eigene Analyse verdient, den Aufbau und die Sprache hier explizit auszuführen würde eine einfache Rezension um Weiten sprengen, ein objektiver Rezensent könnte das in einer kurzen Zusammenfassung und jeder Menge hochliterarischem Geschwurbel vielleicht schaffen, aber mir ist es nicht möglich.

Außerdem: Ich will die Gedichte gar nicht analysieren, möchte sie nur wirken lassen, ihren Zauber spüren, möchte ausgelassen mit "Nymph und Sylph und Salamander" im trunkenen Bachhanal tanzen. Allein der Wohlklang dieser drei Worte, der Sylph eine lautmalerische Brücke zwischen Nymph und Salamander, mit m und ph des ersten und den Buchstaben S und l an erster bzw dritter Stelle). Ich habe es mir bereits ungezählte Male auf der Zunge zergehen lassen, die Worte geschmeckt, mich daran gelabt. Wie soll ich eine komplette CD rezensieren, wenn ich doch schon bei jedem einzelnen Satz ins Schwärmen gerate?

So viele einzelne Sätze, die ich herauspicken könnte. Nur einen: "Schatten sind seltsame Delikatessen, und seltsam ist auch die Moral der Geschicht: will einer dich zwingen, Schatten zu fressen, so schlage ihn tot und trete ins Licht". Aus dem Zusammenhang gerissen klingt dies seltsam, im Kontext der gesamten Geschichte ist es einleuchtend, und die Verbindung zwischen Leben, Tod und Wandlung, der Übergang vom Schatten ins Licht, ist hier in diesem abschließenden Satz gelungen zusammengefasst. Und dieser Satz ist ein gutes Beispiel für die ungewöhnliche Erzählweise des Autor. Doch bevor ich ausschweife: lest diesen Satz laut, lauscht seinem Klang, spürt ihn auf der Zunge, spürt ihn in Euch, versucht nicht ihn zu ergreifen, sondern laucht nur nach innen ...

Christian von Aster liest seine Texte selbst ein. Er nimmt sich sehr zurück, überlässt die Wirkung komplett dem Text. Still und ruhig umschmeichelt er mit sanfter Stimme das Ohr des Hörers, es ist entspannend und beruhigend ihm zu lauschen. Dazu die Musik, die den klangvollen Worten das rechte Gewicht verleiht, ohne sie mit Schwere zu belasten, immer etwas leiser als die Sprache aber stets präsent, eine perfekte Einheit aus Wort und Melodie. Beides zusammen, die Stimme und die Musik, empfinde ich als perfekt zum Träumen: es entschleunigt, beruhigt, regt zum Träumen an und sorgt mit einer gewissen Wehmut dennoch für die erforderliche Erdung, um nicht vollständig abzudriften. Was mir sehr gut gefällt und wofür ich diese CD besonders liebe: gerne würde ich Musik oder Text hören zum Einschlafen oder Entspannen, doch auf allen CDs ändert sich Tempo, Lautstärke, die mich dann aus meiner Stille herausreißen. Hier dagegen ist alles so abgemischt, dass man durchgehend hören kann, dass man auch gerne einmal abdriften, einnicken, vollständig abschalten kann. Und trotzdem ist es niemals monoton, dennoch folgt alles einer gleichmäßigen, wohltönenden Melodie, auch die Stimme wirkt wie ein Teil der Musik.

So, das war es, was mir auf dem Herzen lag. Im Groben. Denn eigentlich wäre es noch zehnmal soviel. Und jedes Mal, wenn ich einen Track oder die CD höre, finde ich weitere Gründe, warum ich so begeistert bin, erschließen sich mir weitere Interpretationen, höre ich wieder eine Besonderheit, die mir bisher entgangen war. Aber ich denke, das hier sollte vorerst genügen ;-)

Wertung: Außer Konkurrenz!


SaschaSalamander 27.08.2012, 08.17

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von TeddyM. Schmitz

Ich kann deine Begeisterung verstehen - mir geht es nicht anders.
Das Gedicht gibt es auch als Video bei youtube. Genial oder auf der Facebookseite Mitternachtsrabe.
Gruss Teddy


vom 23.08.2012, 09.35
Antwort von SaschaSalamander:

:-)


 






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