SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Jenseits des Protokolls

wulff_protokoll_1.jpgUnd hier ist wieder einmal ein Titel, den ich nicht rezensieren möchte. Aber meine Gedanken dazu möchte ich dennoch teilen. Unaufgearbeitet und unsortiert, stichpunktartig. Entsprechend also durcheinander und nicht nach Sprache, Aufbau, Aussage und weiteren Faktoren gegliedert. Denn ich denke, über dieses Buch ist mehr als genug gesagt worden.

Was mich bei Amazon jedoch stört: es wurde kaum etwas Qualifiziertes gesagt, sondern es wurde sehr viel Häme verbreitet, es wurde gespottet, ins Lächerlichte gezogen. Das tut mir weh. Denn was immer auch vorgefallen ist, sind die Betroffenen dennoch Menschen mit Gefühlen, und es ist respektlos, einfach darauf herumzutrampeln. Aber hinter der Anonymität des Internets vergessen manche "Menschen" sich scheinbar selbst.

Der Grund, warum ich das Buch gelesen habe: ich habe gehofft, ein paar Dinge zu erfahren hinter den Kulissen. Damit meine ich nicht politisch, sondern menschlich. Wie das Leben in dieser Rolle so ist. Denn mir ist bewusst, dass quasi ein "normaler" Mensch plötzlich von heute auf morgen in die Rolle schlüpfen muss und sich das ganze Leben ändert. Die Art der Änderungen, das hat mich interessiert. Wie lebt man, beobachtet vom gesamten Volk, was wird einem geboten, und was muss man leisten. Der Mensch hinter dem Politiker.

Hier nun meine gesammelten Eindrücke:

- ich habe das Buch objektiv begonnen und hatte vor, mich nicht auf die Schmährufe einzulassen. Habe mich bemüht, den Mensch hinter der Fassade zu erkennen und mich vor allem auf diese Aspekte zu konzentrieren. Aber es gab sehr, sehr viele Abschnitte im Buch, die mir einen dicken Strich durch die Rechnung machten. Ich werde nicht öffentlich darüber herziehen. Aber es gäbe vieles, was mir auf der Zunge liegt.

- das Buch hat nicht sie selbst geschrieben, sondern Frau Nicole Maibaum. Sie hat auch schon für andere Promis geschrieben und eigene Titel veröffentlicht. Ich kenne keines dieser Bücher, kann nur JENSEITS DES PROTOKOLLS beurteilen. Und ich gebe zu, ich war ... hm, nein, ich denke, "erschüttert" ist nicht zu hoch gegriffen. Da ich jedoch nicht weiß, ob Frau Wulff dies so wollte, oder ob es Frau Maibaums Stil ist, kann ich dazu kaum etwas sagen.

- warum erschüttert? Weil die Sprache sehr simpel ist, teilweise sogar umgangssprachlich, Worte wie "nix" kann ich hier im privaten Blog schreiben, aber nicht in einem Buch wie diesem. Dialektausdrücke, simpelste Grammatik und teilweise sogar kindliche, naiv anmutende Sätze, wie man sie in einem Aufsatz eines Schülers der Unterstufe findet, nicht falsch aber stilistisch hart an der Schmerzgrenze. Kann Frau Maibaum es nicht besser? Hat sie den Sprachstil von Frau Wulff auf Papier übertragen? Hat Frau Wulff um diesen Stil gebeten, um es authentisch klingen zu lassen? Oder war das Buch ein absoluter Schnellschuss und hätte einfach noch einer Korrektur und eines Lektorats bedurft vor der Veröffentlichung? War das gewollt? Es stehen Sachen darin wie z.B. "sie windeten sich" (im ersten Moment wusste ich gar nicht, was gemeint war, bis ich es dann ungläubig begriff)

- ich habe mich oft gefragt, wann Frau Wulff die Bodenhaftung verloren hat. Mir ist bewusst, dass mit steigendem Lebensstil auch die Bedürfnisse steigen. Gibt man einem Menschen etwas, schon will er das nächste. Das nehme ich keinem übel, das Streben nach Mehr liegt in der Natur des Menschen. Und mir ist bewusst, dass die Familie eines Bundespräsidenten nicht mehr zu der gesellschaftlichen "Kaste" gehört, in der ich mich bewege. Dennoch ist sich Otto Normalbürger ja meistens bewusst, wenn er etwas einfordert, das ein Luxusproblemchen ist. Diesen Eindruck hatte ich bei Frau Wulff jedoch nicht.

- Beispiele: sie meint, dass sie ja auch keine Frau sei, deren Schuhschrank überquillt, so eine sei sie nicht, sie besitze ja nur 40 Paar Schuhe. Sie meint, dass 150 qm Wohnung ja okay seien für ein erwachsenes Paar, aber sie hätten ja immerhin auch noch zwei Kinder und seine Tochter gelegentlich zu Besuch. Der Urlaub auf Mallorca sei falsch gewesen, das wisse sie jetzt, aber immerhin sei er nicht billig gewesen, sie haben zusammen für die 11 Tage ja schließlich 4000 Euro ausgegeben. Auch erwähnt sie, dass von den 6500 Euro Zulagen und 3500 Euro Nettogehalt nicht viel übrig blieb,  ja sogar die Putzfrau selbst bezahlt werden musste. Ich habe versucht, objektiv zu bleiben, aber mein Mitleid hielt sich dann doch in Grenzen.

- Manchmal dachte ich mir "hey, wenn das die Ansprüche so dargestellt werden, als wäre es ein zu erwartender Standard, warum dann nicht zukünftig für alle Hartz IV Leute beantragen? Schließlich könne man 150 qm für zwei Personen ja erwarten. Und wenn 6500 plus 3500 nicht genügen, dann könnte man doch den Grundbedarf ein wenig anheben? Mir ist natürlich bewusst, dass ein Bundespräsident Ausgaben hat, die für einen Arbeitslosen nicht anfallen, das mag ich gar nicht abstreiten. Wenn diese jedoch fast 10 000 betragen, dann fragt man sich, was in diesem Staat falsch läuft. Es ist mehr als verständlich, dass vielen Lesern der Groll hochkommt bei der Lektüre.

- Sehr, sehr oft fiel der Satz "aber wir haben uns nichts dabei gedacht". Ich gestehe ihr und ihm das zu einem gewissen Grad zu. Denn wenn man von einem normalen Leben plötzlich hinaufkatapultiert wird, dann gibt es da keine Gebrauchsanweisung, und dann muss man plötzlich auf Dinge achten, die bis dato keine Rolle spielten. In eine solche Rolle muss man hineinwachsen, niemand kann von heute auf morgen wissen, was alles dazugehört. ABER: man sollte erwarten können, dass man sich der neuen Rolle bewusst ist und somit lieber fünfmal hinterfragt anstatt Dinge einfach als gegeben hinzunehmen und einfach zu tun. Dass dieser Satz so häufig fiel, ließ mich grübeln: hatten wir fast zwei Jahre einen Menschen an der Spitze, der so wenig nachgedacht hat? Ist Denken nicht eine Grundvoraussetzung, um ein solches Amt zu bekleiden? Diesen Satz, der mehrfach im Buch fiel (besonders in Bezug auf die Hausfinanzierung, den Telefonanruf und andere Dinge, die in den Skandal einflossen), empfand ich als sehr erschreckend.

- ich frage mich, wie ihr Mann auf dieses Buch reagiert. Denn er kommt darin nicht wirklich gut weg. Wenn es um Anschuldigungen geht, schiebt sie ihn quasi als Schutzschild vor sich. Und gelegentlich erklärt sie auch, wie sie sich nicht neben / hinter ihn stellt sondern abseits, um darzustellen, dass sie eine eigene Person ist. Das ist auf sie selbst bezogen wichtig, denn natürlich ist sie eine eigene Person mit eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und einem eigenen Leben. Aber wenn man als Paar auftreten muss, wirkt dies wie "in den Rücken fallen". Sätze wie "wir beide, aber besonders er, haben uns nicht immer korrekt verhalten" oder "er schnitt in der Presse schlechter ab als ich. Gerade deswegen ärgerte es mich, dass wir oft über einen Kamm geschoren wurden" fühlen sich an wie "von hinten durch die Brust ins Auge". Sie fordert von  ihmein Gespräch und Austausch über Probleme, schreibt im gleichen Atemzug aber, dass sie nicht mehr von ihm mit seinen Problemen belastet werden wollte. Ja, eine Ausnahmesituation wie "ganz oben stehen und von allen beobachtet zu sein" zehrt an den Nerven, an der Beziehung, und ich möchte nicht tauschen, ich weiß nicht ob ich mit dieser Situation klarkommen könnte. Aber dann würde ich diese Beziehungsprobleme nicht öffentlich breittreten, das ist meiner Ansicht nach ein Schlag ins Gesicht ihres Mannes.

- Was ich mir vom Buch versprochen habe, habe ich erhalten, gerne hätte ich mehr über diese Dinge gelesen. Zum Beispiel fand ich es interessant zu lesen, wie die Sicherheitsvorkehrungen im Haus umgesetzt wurden. Auf welche Weise die Rund-um-die-Uhr-Überwachung umgesetzt wurde. Wie sich diese Überwachung im Alltag auf die Kinder auswirkte. Dass es keine Berater in Sachen Kleiderfrage gibt. Wie sie die Treffen mit anderen Staatsoberhäuptern empfand und was hinter den Kulissen geschah. Wie der Alltag und der "Stundenplan" der Bundespräsidentenfrau aussieht. Dass die Kinder regulär weiter auf eine normale Schule gehen und wie die Klassenkameraden und deren Eltern damit umgingen. Was hinter so manchem Zeitungsartikel steckt.

- Womit ich nicht gerechnet hatte: dass ich die bösartigen Kommentare anderer User im Web nachvollziehen kann. Ich ging davon aus, sie hätten sich dem Spott der Medien angeschlossen, sie würden lästern, wie man dies eben in der Masse der Anonymität tut. Dass aber Frau Wulff tatsächlich so viel Futter bietet, dass sogar ich manmal tief einatmen und schlucken musste, um nicht eine wilde Tirade vom Stapel zu lassen, das hat mich wirklich erstaunt und erschüttert. Ich musste mir hier sehr große Mühe geben, sachlich zu bleiben. Das will etwas heißen, denn oft wird mir sogar vorgeworfen, ich solle endlich einmal eine eigene Meinung haben statt immer nur so analytisch von allen Seiten zu beleuchten ...

Fazit: lesenswert? Nicht wirklich. Man regt sich nur auf und kann doch nichts daran ändern. Aber abgesehen davon ziemlich interessant, wie Alltag und Privatleben sich hinter den Kulissen abspielen. Sehr menschlich, das fand ich den spannenden und lesenswerten Aspekt des Buches, und mit diesem Part hatte sie tatsächlich mein Mitgefühl. Leider war dies aber der geringste Teil des Buches ...

SaschaSalamander 02.01.2013, 09.54

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