SaschaSalamander

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Domestic Violence

domestic_violence.jpgIch sehe sehr gerne Asia. Einfach deswegen, weil es mal was anderes ist als unsere Filme. Das Ende nicht absehbar, einfach mal andere Gesichter, andere Synchronsprecher, Themen und Handlung nicht aus unserem Kulturkreis. Aber die Probleme, die Menschen untereinander haben, sind dann doch in allen Ländern die gleichen, und es gibt Dinge, die leider überall gleich sind ...

"Domestic Violence" ist der Titel eines neuen Filmes. Es beginnt damit, dass Yasuko bei einem Psychologen sitzt und Fragen zum Thema häuslicher Gewalt auf einem Zettel ausfüllt. Zwei, dreimal im Film sieht man sie dort sitzen und mit dem Berater sprechen, der restliche Film ist die Handlung ab dem ersten Tag des Geschlagenwerdens bis hin zum Ende. Anfangs sind die beiden glücklich verliebt, doch bald wird Shogo eifersüchtig und beginnt, hier und da kleine Veränderungen vorzunehmen, Ansprüche zu stellen und immer mehr von ihr einzurodern. Fotos verschwinden, ihr Fotoalbum wird gesperrt, eine Ohrfeige für das schlecht gekochte Essen, für ihren Widerspruch, dann soll sie ihren Job kündigen, wird im Bett missbraucht und körperlich immer stärker misshandelt, bis sie es wagt, sich wegen Hilfe nach außen zu wenden, doch Ärzte, Polizei scheinen blind. Wenn ihr Mann sie schlägt, bestimmt übertreibt Yasuko nur, es sei ja nicht schlimm, und vermutlich habe sie es sogar verdient ... aber Yasuko ist eine starke Frau, und sie will nicht aufgeben, ...

Der Film ist ab 18 Jahren. Da ist Asia meist ohne Vorkenntnis des Inhaltes ansehe, mich gerne überraschen lasse und über den Titel nicht näher nachgedacht habe "wenngleich "domestic violence" als "häusliche Gewalt" eigentlich klar auf der Hand liegt), war ich sehr überrascht, keinen Horrorfilm, sondern ein Drama zu sehen. Ein Drama? Ab 18? Aber ich konnte recht schnell nachvollziehen, weshalb ...

der Film ist sehr gut aufgebaut, er zieht mit, und obwohl ich ihn nur "nebenbei" sah, während ich am Computer arbeitete, hat er mich sosehr in seinen Bann gezogen, dass ich begann, mit den Schauspielern zu "sprechen" (ihr wisst ja, das, was im Kino immer so nervt, wenn es jemand tut, wenn jemand ruft "geh nicht da rein") ... ich konnte es nicht fassen, wie die Personen, wie Angesprochene (Polizei, ein um Hilfe gebetener Kellner, etc) reagierten bzw nicht reagierten. "Nun mach doch endlich" oder "mensch, hau ab" und vieles andere mehr, was ich am liebsten eingegriffen hätte.

"Domestic Violence" geht sehr intensiv unter die Haut. Man sieht, dass die Gewaltszenen gestellt sind (habe schon echter wirkende Szenen gesehen, doch) (neinnein, es wirkt nicht unecht, aber die Perspektive ist jedesmal so, dass man den direkten Kontakt nicht sehen kann, wenngleich man die Szene gut im Blick hat). Aber trotzdem ist es schrecklich, dies anzusehen, oft wendete ich das Gesicht ab und wollte nicht sehen, was gezeigt wurde. Es ist ein Thema, das man einem 12- oder 16jährigen einfach einmal so präsentieren könnte ohne Vorarbeit ...

Die Handlung verläuft geradlinig und unkompliziert, nicht wie sonst oft typisch für Asia verwirrend und kompliziert. Einfach, klar und nachvollziehbar, und zugleich so verstörend und beängstigend ist es, wie Shogo seine Frau Yasuko immer mehr von sich abhängig macht, so real, wie es wohl leider in vielen Familien im Verborgenen und dort, wo niemand es sehen will, der Fall ist. Ob Japan, Amerika oder Deutschland oder sonst ein Ort, die Mechanismen sind stets die gleichen, und es ist schlimm ...

Auf dem Cover steht etwas von "schonungslos ... authentisch ... erotisch". Schonungslos, ja. Authentisch, garantiert. Erotisch - na, ich weiß nicht, was daran erotisch sein soll, wenn ein Mann seine Ehefrau körperlich und geistig misshandelt? Häusliche Gewalt ist nicht erotisch, selbst wenn die Frau dabei mal nackt ist oder man eine Vergewaltigung ansehen muss. Diese Darstellung halte ich eindeutig für sehr, sehr stark daneben, eigentlich sogar bösartig. Und falls jemand diesen Film tatsächlich erotisch findet ... na, ich weiß nicht, ... freiwillig ist das, was die Frau mitmacht, garantiert nicht mehr, und ich fand den Film viel zu real, als an ein klein wenig nackter (und zudem geschundener) Haut etwas erotisch zu finden. Diese Form der Vermarktung kotzt mich ehrlich gesagt an. Sorry für diese Wortwahl, aber das Cover ärgert mich im Nachhinein maßlos!

Ansonsten - großartiger Film! Ein Drama, das man sich nicht unbedingt jeden Tag ansehen kann, und wer sich selten mit solchen Themen befasst, der sollte sich vielleicht auch für danach einen Gesprächspartner suchen, denn der Film geht wirklich sehr tief unter die Haut und gräbt dort um und um ...

SaschaSalamander 16.01.2008, 21.06

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