SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Die Frau in Schwarz

Düsteres Marschland, Kindergesichter, Spiel aus Licht und Schatten, ein Blick aus dem Fenster und unten eine unheimliche Gestalt, ein Blick nach oben und eine geheimnisvolle Person hinter der Fensterscheibe, Handabdrücke und Gesichter auf der Scheibe, Nebel, kahle Bäume, Kerzenlicht spiegelt sich in Puppenaugen und diese sehen lebendig aus, Puppen mit Glasaugen, plötzlich offenstehende Türen die zuvor verschlossen waren, knarzende Dielen, schlurfende Schritte, überall Schatten mit Versteckmöglichkeiten, verdeckte Möbel, Blechspielzeug, ein bewegter Schaukelstuhl, mit Tüchern abgedeckte Möbel, beschlagene Spiegel, Kinder und Tiere fokussieren im Raum eine vermeintlich leere Stelle, dumpfe Bässe in rhythmischem Stampfen, fast keine Musik und wenn dann ganz gezielt und perfekt dosiert. Und viele eindrucksvolle Dinge mehr ...

DAS ist es, woraus für mich ein ordentlicher Gruselfilm besteht. Manche gruseln sich bei Horror, wenn ordentlich das Blut spritzt oder eine Menge Leute sterben. Das finde ich eher harmlos und schalte sogar noch auf die Pausetaste, um das so richtig zu zelebrieren. Aber dafür kann man mich winselnd unter dem Sofa hervorziehen, wenn oben genannten Dinge zu sehen sind. Und wenn es in den letzten Jahren EIN Film geschafft hat, mich so richtig zu gruseln, sosehr, dass ich sogar vor Schreck aufschreie und das Herz nicht entscheiden kann zwischen "soll ich rasen" oder "soll ich lieber aussetzen", dann ist es DIE FRAU IN SCHWARZ. Ähnliche Effekte erzielen bei mir ansonsten nur die asiatischen Originale wie Ju-On, Dark Water und Co.

Der Film ist ein Remake. Und beide, sowohl Original als auch Remake, basieren auf dem Roman der britischen Autorin Susan Hill. Ich kenne bisher noch nicht den Roman, und auch der erste Film ist mir unbekannt. Daher ziehe ich keine Vergleiche, sondern beziehe mich alleine auf den Film mit Daniel Radcliffe, den ich letzte Woche gesehen habe.

Daniel Radcliffe - ein Grund, warum vermutlich viele Leute diesen Film gesehen haben. Darsteller des Harry Potter. Viele sehen in ihm den Zauberlehrling. Und sind dann evtl sogar enttäuscht von dem jungen Mann, der so gar nichts Zauberhaftes an sich hat. Ich muss sagen, dass mir das nicht so geht, im Gegenteil, ich fand ihn zwar für Potter geeignet, aber gerade gegen Ende eigentlich besser passend in ein anderes, ruhigeres Fach. Er ist sehr still, recht schmächtig, und er passt perfekt in die Rolle eines jeden britischen Gentleman, der etwas altmodisch angehaucht ist. Somit also für DIE FRAU IN SCHWARZ, ein durch und durch britisches Werk, bestens geeignet. (Und zu gerne sähe ich ihn tatsächlich an der Seite von Matt Smith. Aber das ist ein anderes Thema)

Aber genug Drumherum, worum geht es eigentlich in diesem Film: der junge Anwalt Kipps fährt beauftragt, einen Nachlass zu regeln. Ein altes Haus, Marschland, nur während der Ebbe erreichbar. Er nimmt den Auftrag an, denn er droht sonst seine Arbeit zu verlieren, und er trägt seit dem Tod seiner Frau die alleinige Verantwortung für den kleinen Sohn. Als er im Dorf ankommt, begegnet man ihm mit Misstrauen, will ihn gar sofort wieder zurückschicken. Doch er lässt sich nicht abwimmeln, besucht das Haus, sieht eine seltsame schwarze Frau. Bald stirbt im Dorf das erste Kind, die Bewohner werden regelrecht aggressiv ihm gegenüber, beschuldigen ihn, er will aber nicht an den alten Fluch glauben. Und das wird er teuer bezahlen ...

Oh, was habe ich mich gegruselt! Naja, Hammer-Productions, was soll man mehr sagen? Hammer ist DIE Firma, wenn es um Oldschool Grusel geht, um Gothic-Grusel. Die Macher der Klassiker unter den Horror- und Gruselschinken, mit Stars wie Christopher Lee, Peter Cushing und Konsorten. Dazu eine Riege ausgewählter Schauspieler, und es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Was ich gruslig fand, habe ich ja oben bereits alles erwähnt in der Einleitung. Hammer hat sich nicht lumpen lassen und so ziemlich alle Geschütze aufgefahren, die überhaupt nur möglich sind. Und was mir sehr gefällt und den Grusel für mich intensiviert: keine Action, kein Krach-Bumm, keine lästige Musikuntermalung oder endlosen Dialoge. Sondern es gibt sehr lange Szenen, in denen kein Wort geredet wird, keine Musik zu hören ist. Kipps ist alleine im Haus, mit wem sollte er reden, wo sollte Musik herkommen? Er hört nur das Knarzen, den Wind, und dazu ein dumpfer Bass, der gerade bei einer 5.1 Anlage kaum hör- aber deutlich spürbar für Unwohlsein in der Magengegend sorgt.

Die Landschaft ist wundervoll, ich bin vom ersten Moment an komplett im Film versunken. Die weiten Flächen, menschenleer, nur Natur, kahl und trist und doch lebendig, das Meer, die Wiesen, der Wald um das Haus, die alten Steinmauern, die Kulisse im Inneren der Dorfhäuser. Und das Gruselhaus selbst, das stammt regelrecht aus dem Lehrbuch, und ich würde vermutlich schreiend das Haus verlassen, anstatt auch nur einen Fuß hineinzusetzen. Schon von außen verheißt es nichts Gutes, raunt es dem Beobachter zu "geh, solange Du noch kannst".

Der Film spaltet die Zuschauer. Sehr viele sind begeistert, dazu gehöre ich. Aber ich verstehe auch diejenigen, die ihn nicht mögen. Müsste ich gegen den Film sprechen, würde ich sagen "da passiert ja fast nichts. Der läuft halt durch das Haus, und zwischendurch knartz es mal irgendwo oder bewegt sich was, uhuuu, wie gruslig". Dem halte ich entgegen, dass gerade durch das viele Schweigen, durch die eindrucksvollen Bilder, durch die so eindringlich gezeigte Kulisse es leichter ist, sich in dem Film fallenzulassen, ganz darin zu versinken und sich darin zu verlieren, sich umso intensiver zu gruseln. Aber man muss diesen Stil auch mögen, das ist ganz eindeutig Geschmackssache. Mir hat der Film geschmeckt, mmmh, und selbst beim Schreiben läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich mich an manche der Szenen erinnere, und selbst jetzt rund 20 h später zucke ich bei einem unerwarteten Geräusch zusammen.

Eine einzige Sache störte mich etwas: Kipps war mir zu tough. Jeder gesunde Mensch wäre vermutlich bereits schreiend aus dem Haus gerannt, doch er muss nicht einmal schneller atmen. Völlig lässig durchstreift er das Haus, folgt den Schatten und macht sich dann sogar noch auf die Suche nach einer verschwundenen Leiche. Einfach so. Ohne mit der Wimper zu zucken. Erst gegen Ende muss er ein wenig keuchen. Das war an dem Zeitpunkt, als wir bereits die Kissen vor das Gesicht hielten und uns zitternd aneinanderklammerten :-)

Trotzdem: Ich war absolut begeistert von diesem Film, schon lange habe ich keinen solch grandiosen Gothic-Grusel der alten Schule mehr gesehen, der es wirklich wert war, als solcher bezeichnet zu werden. DIE FRAU IN SCHWARZ hat es geschafft, sogar mich abgebrühten Horrorfan das Fürchten zu lehren. Schade, dass es nicht öfter solche großartigen Filme gibt. Oder zum Glück, denn ich weiß nicht, ob mein Herz das allzu oft mitmachen würde ...


SaschaSalamander 06.11.2012, 09.02

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Tina

Wir haben den Film zu Halloween angeschaut und und auch beide ganz schrecklich gefürchtet :) . Sehe das nämlich ähnlich wie du, so richtig Angst habe ich bei Filmen, wo viel der eigenen Fantasie überlassen wird - wobei ich Filme wo jemand gequält wird oder viel Blut spritzt mir gar nicht ansehen kann.
Zwei Dinge haben mich allerdings ein klein wenig gestört, zum einen war mir Kipps auch zu lässig - ein anderer hätte schon längst schreiend das Haus verlassen und der verzieht keine Miene und läuft weiter im Spukaus herum. Zum anderen war mir das Ende dann doch zu Hollywood-mässig. [Spoiler]Hätte es besser gefunden, wenn alles mit dem Tod der Beiden geendet hätte und nicht noch dieses "Juhu wir sind jetzt alle zusammen im Himmel" dazu gekommen wäre.
Aber ansonsten, durchaus guter Film, den man sich mal anschauen kann.

vom 06.11.2012, 11.03
Antwort von SaschaSalamander:

freut mich, dass es noch jemanden so gegruselt hat wie uns :-)

oh ja, hier wird seeeehr viel der eigenen Phantasie überlassen, eigentlich nahezu alles. Denn bis auf ein paar wenige Schockmomente passiert eigentlich fast nichts. Er läuft halt durchs Haus. Aber allein das finde ich absolut schaurig!

SPOILER
ja, das Ende war recht kitischig. Hätte erwartet, dass es nach dem Blick des Freundes auf die Gleise vorbei wäre. Aber gut, Kitsch hin oder her, es passt ein wenig dazu, denn das Thema mit seiner Frau war überall präsent. Ich hatte schon den ganzen Film über den Eindruck, dass er deswegen so tough ist, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Er hat seinen Sohn, der geht ihm über alles. Aber Probleme im Job, und irgendwie will er gar nicht mehr, und irgendwie hat der Film auch meiner Ansicht nach ein stückweit auf das Ende hingespielt, für Kipps wäre ein "und sie lebten glücklich ans Ende ihrer Tage" kaum möglich gewesen ...



 






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