SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Die Flüsse von London

aaronovitch_fluesse_1.jpgINHALT

Peter Grant arbeitet bei der Londoner Polizei. Bei einem Einsatz trifft er plötzlich auf einen Geist, der ihm einiges über den Tathergang erzählt. Er beginnt eigene Nachforschungen anzustellen, und dabei zieht er die Aufmerksamkeit des seltsamen Thomas Nightingale auf sich. Dieser ist Englands letzter Zauberer und sieht in dem jungen Mann nun einen geeigneten Lehrling und vielleicht sogar Nachfolger. Also tritt Grant nun in Nightinggales Dienst und lernt die Gründzüge der Magie, befasst sich mit rivalisierenden Flussgöttern und trifft auf Vampire und andere unheimliche Wesen.


CHARAKTERE

Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, sogar bis in die kleinste Nebenrolle. Vor den Augen des Lesers werden Flussgötter, Menschen, Besessene, Magier, Geister "lebendig", erhalten einen glaubwürdigen Hintergrund und werden ausgestattet mit liebenswerten Macken und Eigenheiten. Besonders die Personifikation der beiden Flussgötter mitsamt ihrer Familie fand ich sehr gelungen. Ich kann nicht einmal sagen, welcher Charakter mir am meisten ans Herz gewachsen ist, ich fühle mich ihnen allen verbunden und freue mich, bald mehr von ihnen zu erfahren in den folgenden Bänden.


BEDEUTUNG DER MAGIE

Was mich sofort begeisterte: Ben Aarovonitch setzt hier viele geniale Ideen um. Nein, es ist nicht einfach nur eine eigene magische Welt. In anderen Büchern neigt der Autor dazu, eine Welt und Magie zu erfinden, die jedoch einfach als gegeben hingenommen wird. Der Held dieser Geschichte allerdings will die Magie erforschen. Es genügt ihm nicht, einfach nur die Anwendung eines Feuerballs zu lernen. Nein, er will auch wissen, woher die Magie kommt, woraus die Energie gezogen wird, warum technische Geräte dadurch beeinflusst werden, in welchem Maß und in welchem Radius die Magie wirkt und welche Nebenwirkungen sie auf den menschlichen Körper haben kann. Es ist einfach köstlich, wenn er experimentiert, für die Beteiligten lästige Fragen stellt und immer tiefer in die Materie eindringt. Hier werden Wissenschaft und Magie nebeneinandergestellt, Newton gilt als Begründer nicht nur der Scientia sondern auch der Magie. Wirklich eine tolle Idee!


VERY BRITISH

Der Humor ist typisch britisch: sehr trocken, hier und da ein wenig anzüglich, und auf jeden Fall rabenschwarz. Und nicht nur der Humor, auch das Flair könnte britischer nicht sein. Die Handlung ist äußerst modern. Dennoch gebe ich zu, dass ich trotzdem oft das Gefühl hatte, einen Roman aus der viktorianischen Zeit zu lesen, einfach aufgrund der atmosphärischen Dichte, die ich sonst eher in diesem Genre gewohnt bin. Man meint regelrecht die Themse vor sich zu sehen, den aufsteigenden Nebel auf den kopfsteingepflasterten Straßen, und immer wieder scheinen mir die Handies, Autos und anderen Neuheiten wie Anachronismen in dieser ansonsten so traditionellen Welt. Dies wird vor allem verstärkt durch den altmodischen Nightinggale. Er ist ein alter Magier, der sich von Technik distanziert (vor allem, da diese ja wie bereits erwähnt Schaden durch das Anwenden von zaubersprüchen nimmt) und die alten Werte hochhält. Seine Kleidung, sein Verhalten, seine Sprache, ja auch sein Anwesen, es wirkt alles wie ein Relikt aus alten Zeiten.

Ein kleines Easteregg für Dr. Who Fans: in einer Szene meint Grant, er wisse nicht mehr, woher er so genau über den Kleidungsstil in jener Zeit Bescheid wisse, es könne wohl an einer alten Folge Dr. Who liegen. Dies ist insofern witzig, als Aaronovitch bereits zwei Folgen für die bekannte britische Serie geschrieben hat ;-)


SPRACHE, GENRE

Die Sprache liest sich angenehm flüssig. Manchmal war ich ein wenig irritiert: mal wirkt es altmodisch, ein andermal sehr modern. Ein Widerspruch, an den man sich jedoch sehr schnell gewöhnt und der durch die Handlung sehr gut begründet ist. Einige Sätze wirken etwas flapsig, ironisch, der Autor nimmt sich und sein Buch nicht bitterernst sondern lässt manchen Seitenhieb fallen.

Die Übersetzung vermag ich nicht zu beurteilen. Aber sie hat mir große Lust auf das Original gemacht, die folgenden Bände werde ich auf Englisch lesen. Denn an vielen Sätzen hatte ich sofort die englische Variante vor Augen, die Übersetzung schien mir so gelungen, dass ich zu wissen glaube, wie es im Original heißen musste. Dadurch wirkt die Sprache stellenweise ein wenig ungewöhnlich, ich empfinde dies jedoch als eigenen, britischen Charme und sehr gelungen.

Das Genre ist ein wilder Mix verschiedenster Bereiche. Es wird sehr viel Wissenschaft eingebaut, aber im Grunde ist es ein klarer Krimi. Die Charaktere sind eindeutig im fantastischen Bereich zu finden, die Spannung und die drastische Darstellung der blutigen Momente mutet an wie in einem Thriller. Der Humor ist gehobene Unterhaltung, und eine ordentliche Prise Viktorianisches findet sich ebenfalls. Ach, ist es nicht egal, in welchem Genre man ein Buch einordnet, solange es einfach gefällt? ;-)


FAZIT

Obwohl das Buch der Auftakt einer Reihe ist, ist es in sich abgeschlossen und ist bedenkenlos auch ohne die Fortsetzungen lesbar. Humor, Sprache, Stil sind eigenwillig und gewöhnungsbedürftig, wissen Fans des britischen Stils jedoch sofort zu überzeugen. Eine klare Empfehlung für alle, die sich nicht von einem wilden Genremix mit ungewöhnlichen Charakteren schrecken lassen :-)

SaschaSalamander 02.02.2012, 09.46

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