SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Der Umweg

bakker_umweg_1.jpgINHALT

Es ist schwer, die Handlung wiederzugeben, da ... nun, was an der Handlung so besonders ist, beschreibe ich näher unter "Erzählweise". Aber ich möchte kurz widergeben, was in dem Roman erzählt wird: die Protagonistin zieht sich alleine zurück in ein Haus, abgelegen und entfernt von der nächstgrößeren Stadt. Der Leser begleitet ihren Alltag, sei es eine ungewöhnliche Begegnung mit einem Dachs, der draus resultierenden Besuch beim Arzt, der Gang zum Bäcker. Auch begegnet sie anderen Personen, etwa dem Schafzücher Rhys Jones oder dem jungen Bradwen, der auf der Suche nach einer hübschen Wanderstrecke ist.


ERZÄHLWEISE

Es gibt drei Erzählperspektiven: Die der Protagonistin, die ihres verlassenen Ehegatten und die des jungen Mannes. Der Schwerpunkt liegt bei der Frau und ihren Erlebnissen rund um das Haus, ihre Tiere und die Dorfbewohner.

Das Ungewöhnliche an diesem Roman ist die Erzähltechnik. Es ist üblich, das Bild aufzuzeigen und die Handlung darzustellen. Bakker macht es genau anders: er erzählt alles außer der Handlung selbst. Er schreibt um die Handlung herum, beschreibt die Auswirkungen der Kernhandlung. Recht bald erfährt der Leser, dass die anfangs namenlose Protagonistin eine schwere Krankheit diagnostiziert bekam und ihren Mann verließ. Dies wird jedoch nicht auf direktem Weg erzählt. Sondern zu Beginn ist der Leser ahnungslos. Erst mit dem ersten Perspektivwechsel hin zum Ehemann wird beschrieben, dass dieser von seiner Frau verlassen wurde. Durch kleine Gemeinsamkeiten (seine Frau übersetzte ebenso Dickinson wie die Protagonistin) erkennt der Leser den Zusammenhang. Der Ehemann nimmt einen Arzttermin wahr und erfährt zufällig, dass seine Frau untersucht wurde und eine schlimme Diagnose bekam, jedoch darf der Arzt aus Gründen der Schweigepflicht dies nicht ausführen. Der Leser hat also viele Möglichkeiten: wird sie in wenigen Monaten sterben? Kann sie geheilt werden? Ist ihr Körper dem jahrelangen Verfall und Siechtum anheim gegeben? ist dies der Grund für ihre Flucht vor dem Ehemann? Ist dies der Grund für das, was am Ende des Romanes geschieht? Wie hängt es mit anderen Punkten zusammen, die der Leser später erfährt? All diese entscheidenen Fragen beantwortet der Autor nicht.

Man könnte es so beschreiben: der Autor zeichnet die Umrisse eines Gegenstandes und malt den Hintergrund in melancholischen, gedeckten Farben aus. Es liegt am Leser selbst, die Silhouette des Gegenstandes zu deuten und entsprechend selbst zu colorieren. Je nach Erfahrungsschatz und persönlicher Einstellung wird sich wohl jeder eine eigene Geschichte zusammensetzen. Viele verschiedene Themen werden angerissen von beruflicher, privater und sexueller Natur, ein Gewicht wird ihnen nicht verliehen, der Leser hat freie Hand bei der Wahl der Malwerkzeuge und Farben.

Ich fände es hochspannend, mit unterschiedlichen Lesern über dieses Werk zu diskutieren. Denn ich bin sicher, viele nehmen die Handlung als gegeben wahr und erkennen gar nicht, dass es die eigene Interpretation dahinter ist. Sehr geschickt versteht es der Autor, vermeintliche Wahrheiten zu erschaffen und eine Geschichte zu erzählen, ohne sie selbst in Worte zu kleiden. Gerne würde ich Eindrücke der Leser vergleichen, fragen was sie hinter jener Andeutung sehen und welche Verbindungen sie zwischen einzelnen Elementen geknüpft haben.


CHARAKTERE

Wie auch die Handlung sind die Charaktere eher umrissen als deutlich beschrieben. Über die Protagonistin erfährt der Leser natürlich am meisten, doch auch hier ist vieles der Interpretation überlassen. Andere Figuren werden eher angedeutet als beschrieben. Dennoch gibt es deutlich Sympathieträger und Unsympathen.

Faszinierend ist auch, wiesehr die verstorbene Witwe Evans in die Handlung eingebunden ist: die alte Frau, der das Haus früher gehörte, bevor sie verstarb. Immer wieder ist sie Gesprächsthema, sei es ihr tatsächliches Leben oder seien es die Vermutungen der Protagonistin. Ich würde ihr tatsächlich eine eigene Rolle in diesem Roman zuteilen, obwohl sie natürlich niemals persönlich auftritt. Ebenso Emily Dickinson, die eine wichtige Funktion innehat und durch ihre Gedichte die Handlung untermalt. Ihr Foto, ihre Werke, die Arbeit der Protagonistin sind stets präsent.

Auch die Tiere bekommen einen sehr hohen Stellenwert im Leben der Frau: die Schafe des Nachbarn, die auf ihrem Grundstück weiden dürfen. Die Gänse, die frei auf ihrem Grundstück laufen und die sie zum Schutz vor Feinden gerne in einen kleinen Stall sperren möchte. Sam, der Hund des Jungen. Und natürlich die Dachse am Steinkreis, die ihr sofort einen neuen Spitznamen im Dorf bescheren.


SPRACHE, HÖRBUCH, SYMBOLIK

So schwer der Inhalt stellenweise sein mag in seiner Tragweise, so geradlinig und leichtfüßig kommt der Roman in seiner Sprache daher. Regina Lemnitz - Whoopie Goldberg, Roseanne - ist die perfekte Besetzung (wenngleich drei Sprecher für die jeweils drei Erzählperspektiven auch nett gewesen wären). Da die Protagonistin die Gedichte Emily Dickinsons übersetzt, gibt es viele Anspielungen auf die Dichterin. Außerdem tauchen sehr viele Wörter auf, die nicht ins Deutsche übersetzt wurden, etwa das "Kissing Gate" oder die "Stiles". Einzig was mich störte war die derart häufige Erwähnung der Chaiselongue, dass mein Bedarf an diesem Wort für die nächsten 20 Jahre gedeckt ist. Gut, "Sofa" wäre unpassend, es ist doch etwas anderes, trotzdem hätte der Autor oder Übersetzer sich da etwas einfallen lassen können. Gefühlt habe ich den Begriff rund 100 Mal gehört, es hat mich nach der zweiten CD extremst genervt (was allerdings das einzige war, das mich störte an diesem Buch). 

Der Inhalt des Buches ist gestützt von sehr viel Symbolik. Die stetig dezimierte Gänsezahl verweist auf ein nahendes Ende, die Fußverletzungen aller drei Hauptfiguren als schmerzhafte Verbindung der drei ansonsten so unterschiedlichen Personen, Socken als Sinnbild einmal für Leichtfüßigkeit und ein andermal für Respektlosigkeit. Die Monate November und Dezember als eher triste Monate, hier jedoch durchzogen von ungewöhnlich warmen Tagen. Eine lilafarbene Mütze, Farbklecks in einer immer trister werdenden Umgebung. Altweibergeruch im Haus, der sich langsam auf die Protagonistin überträgt. Der Dachs, ein eher friedliches Tier, hier eine kurzzeitige Bedrohung. Die Welt ist aus den Fugen geraten, die Frau muss sie neu sortieren, ebenso der Leser.


FAZIT

DER UMWEG von Gerbrand Bakker ist ein nach außen hin schlichtes, ruhiges und eher melancholisches Buch. Bei genauer Betrachtung jedoch zeigt sich die herausragende Erzählkunst des Autors: mit nur wenigen Worten lässt er eine komplexe Handlung entstehen, die jedem Leser ein individuelles Erlebnis beschert. Für diesen Roman sollte man sich die Zeit nehmen, ihn bewusst zu genießen. Denn ob er gefällt oder nicht - liegt einzig am Leser und dem von ihm selbst entworfenen Bild.

SaschaSalamander 05.04.2012, 10.06

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