SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Das blaue Buch

kennedy_blauebuch_1.jpgKlappentext:
Elizabeth Barber überquert den Atlantik auf einem Kreuzfahrtschiff mit ihrem mehr als vorbildlichen Freund Derek, der kurz davorsteht, ihr einen Heiratsantrag zu machen. Ihrer großen Liebe Arthur hat sie den Rücken gekehrt - und damit auch ihrer Vergangenheit als Betrügerin. Doch während Derek seekrank im Bett liegt, taucht auf dem Schiff plötzlich Arthur auf. Wird sie sich seinem Bann entziehen können? Die Antwort steht im Blauen Buch, das Elizabeth ihm schenkt. Er verzeichnet ihre Geschichte - eine Geschichte von Täuschungen, die wie der Hörer ahnt, vielleicht wahrhafter sind als alle Wirklichkeit.

Lange habe ich an diesem Hörbuch gesessen. Leseproben gesucht, die erste von vier CDs gehört und einige Tracks davon sogar mehrfach. Habe mich mit Freunden ausgetauscht, ihnen die Leseproben gezeigt. Sogar eine Szene, die ich besonders interessant fand, vom Gehörten aufgeschrieben und mit Freunden geteilt, um darüber zu diskutieren.

Die Meinungen dazu sind geteilt. Von "ich hatte Mühe, mich überhaupt durch den ersten Satz zu quälen" über "gewöhnungsbedürftig, aber mal was anderes und ziemlich interessant" hin zu "wirklich großartig, diese Frau schreibt wortgewaltig und außergewöhnlich".

Und meine Meinung? Zugegeben, ich finde keinen Zugang. Die erste CD habe ich gehört, und es gab Momente, die mir sehr gut gefielen, z.B. zu Beginn die Schilderung des Jungen im Wald. Tatsächlich sehr eindrucksvoll, bildreich, wortgewaltig und schön, ich fühlte mich an diesen Ort versetzt. Es wird in dieser Szene keine direkte Handlung beschrieben, eher eine Ansammlung von Momenten, und das ist angenehm, denn es muss nicht immer Action, Handlung und ein vorgegebenes Ziel sein, gerne lasse ich mich in Worten fallen.

Es gab aber auch Momente, und leider überwiegen diese für mich, mit denen ich nichts, absolut nichts anfangen kann. "Keine Handlung" ist in Ordnung. Wenn allerdings nach einer von vier CDs noch immer kaum etwas passiert ist, außer dass einige Andeutungen fielen und man erst am Ende der ersten CD eine Ahnung bekommt, worum es überhaupt gehen könnte, dann fällt es mir sehr schwer. Alles, was im Klappentext steht und in den Rezensionen zu lesen ist, das ist auf der ersten CD noch gar nicht geschehen, das erste Viertel ist quasi nur Vorbereitung, Hinführen, und mir ging einfach die Puste aus. Ich habe aufgegeben.

Es fällt mir extrem schwer, dem Hörbuch zu folgen. Woran das liegt, glaube ich zu wissen und habe daran gearbeitet: eine Szene, die mir besonderes Kopfzerbrechen bereitete, schrieb ich also während des Hörens auf. Hörte einen Satz, schrieb ihn auf, hörte weiter, usw. Zehn Minuten lang. Dies war der Text, den ich mit Freunden teilte. Und in diesem Abschnitt wechselt die Autorin vom "ich" zum "Du" zum "man" und wieder zum "Du" und "ich". Ob dies nun eine Handlung beschreibt, ob es nun ein Gedankensprung über verschiedene Zeitebenen war, ob es generelle Gedankengänge einfach aus purer Freude am Denken war, und was sie damit eigentlich sagen wollte, das hat sich mir nicht erschlossen. Vielleicht bin ich das Kind, das ruft "aber der Kaiser ist doch nackt". Oder vielleicht bin ich einfach zu dumm, und alle sehen etwas Wunderbares, nur ich nicht. Oder es ist einfach eine ganz andere Wellenlänge. Alles das ist keine Schande, es ist einfach so.

Meine Vermutung aber ist eine andere: in den Leseproben, die ich fand, stellte ich fest, dass die Texte teilweise voneinander getrennt sind, etwa durch Absätze, kursive Schrift oder andere Markierungen. Dies ist sprachlich teilweise nicht möglich. Die Sprecherin macht einen sehr guten Job, aber sie kann nicht kursiv oder fett lesen. Vielleicht ist A L Kennedy eine Autorin, die man nur lesen kann, nicht hören sollte? Der Text, den ich selbst niedergeschrieben hatte, war jedoch für mich kaum lesbar, da er ohne Absätze und Markierungen keinen wirklichen Sinn ergab, den ich mir erschließen konnte.

Was mir bei ihren Texten noch auffällt, das sind sehr intensive Metaphern. Ich liebe dieses Stilmittel, doch mit ihren Bildern werde ich nicht warm. Sosehr die Feuilettons und Rezensionen ihre Wortwahl, ihre Bildgewalt loben, kann ich mir dennoch wenig darunter vorstellen und habe einige Male sogar irritiert das Gesicht verzogen. Dazu kommt, dass sie mit Worten spielt und scheinbar auch das Spiel mit den Gegensätzen liebt. Zarte Worte, filigrane Satzgefüge, und mittendrin immer wieder das Wort "scheiße" (sehr oft und gerne) oder "Wichser" und ähnlich derbe Dinge. Das reißt mich aus dem Fluss. Das kann Kunst sein, Mut zum Gegensatz und ein Ausdruck davon, wie nahe Feinsinn und Obszönitäten beieinander liegen, ein Zeichen der Zerrissenheit unserer Gesellschaft, der Zerrissenheit in uns selbst, Sex als göttliche Vereinigung und zugleich dreckiger Akt der Macht und niederen Triebe (in der von mir benannten Szene ging es um Liebe und Sex, daher dieser Vergleich). Was immer es sein mag, es zog an mir vorüber.

Schade, denn die Grundidee fand ich nett, und die Sprache an sich gefällt mir in den meisten Teilen. Aber was bringt es, wenn ich mich durch die CD quäle, damit ist keinem gedient.

Eines möchte ich noch anmerken: an der Sprecherin lag es nicht. Die CDs sind gelesen von Ulrike Hübschmann, sie macht ihre Sache wunderbar und hat eine angenehme Stimme, der ich sehr gerne gelauscht habe. Sie vermag es, die Worte zum Leuchten zu bringen und dem Text ein ganz eigenes Leben zu verleihen. Bis zu dem Punkt, an dem Martin Sabel spricht, habe ich nicht gehört, doch auch er ist ein sehr guter Sprecher, den ich gerne höre und der vermutlich eine gute Wahl für diesen Text ist ...

Nun ja. Hat nicht sollen sein. Und falls jemand von Euch das Buch oder die Autorin kennt - ich freue mich über eine Diskussion und Eure Kommentare :-)

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Rezension in der >Welt<
Nochmal die >Welt<
Und zum Abschluss >Falter.at<

SaschaSalamander 25.09.2012, 08.59

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