SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Bellford House



Als Hörspielfan stolpere ich manchmal über Titel, die nicht allzu bekannt sind. Und vor ein paar Tagen fand ich eines, das ich als etwas ganz Besonderes bezeichnen möchte: BELLFORD HOUSE. Es wurde privat von Chrys Chambers produziert und kostenlos bei Youtube zur Verfügung gestellt. Auf meine Anfrage nach dem Hintergrund des Hörspieles und ob es tatsächlich eine legale Version sei und ich es verlinken dürfe, gab er an, dass es tatsächlich öffentlich zugänglich sei, entstanden einfach weil er Spaß daran hatte. Da kann ich nur sagen: tausend Dank für diese ungewöhnliche Hörspielperle! Und um Euch so richtig neugierig darauf zu machen, werde ich es hier vorstellen :-)

Shelly ist wenig begeistert, als sie mit ihrer Mutter den Sommer in Bellford House verbringen soll, und dann auch noch kostenlos im Laden der Gastgeberin aushelfen! Doch bald lernt sie Nathan kennen. Als sie einige seltsame Dinge erlebt, kann sie sich niemandem außer dem neuen Freund anvertrauen. Sie sieht ein Mädchen am Fenster, wo niemand stehen dürfte. Auf ihren Fotos sieht sie Dinge, die während des Fotografierens definitiv nicht zu sehen waren. Und jemand scheint ihr schaden, ja vielleicht sogar sie töten zu wollen! Gemeinsam machen sich die zwei Jugendlichen daran, das Rätsel um Bellford House zu lösen.

CHARAKTERE: es gibt einige Nebencharaktere, Protagonisten sind allein Shelly und Nathan, zwei Jugendliche, wie sie aus einem professionellen Jugendhörspiel stammen könnten. Sie haben ihre Alltagssorgen, Shelly ist gefrustet von den Entscheidungen der Erwachsenen über ihren Kopf hinweg, und sie sucht sich nun ihren eigenen Weg. Als sie endlich auf ein Abenteuer stößt, ist sie Feuer und Flamme, man spürt richtig die Begeisterung, mit der sowohl Drehbuchautor als auch Sprecher am Werk waren. Nathan ist der etwas ruhigere Gegenpol, auch er eine ganz klassische Figur, wie man ihn nicht besser hätte umsetzen können.

DIALOGE: es klingt einfach, einen Dialog zu schreiben, ist es allerdings ganz und gar nicht. Gerade bei Hörspielen muss ein guter Mittelweg gefunden werden, der einerseits klingt wie das natürliche, gesprochene Wort. Andererseits ist zu bedenken, dass der Hörer nicht sieht, was geschieht, sodass zusätzliche Informationen fließen müssen. Diese Waage ist schwer zu halten, und ich habe schon einige Hörspiele gehört, die an diesem Punkt gescheitert sind. Hier dagegen ist es perfekt umgesetzt. Ich hatte das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein, als würde ich es mit eigenen Augen erleben, ohne dass auch nur ein Wort zuviel erklärt wurde oder etwas vergessen wurde zu beschreiben.

MUSIK und GERÄUSCHE: die Musik ist sehr angenehm und stimmungsvoll, sie untermalt das Geschehen zwischendurch und nebenbei und beschert dem Hörer zwischendurch sogar ein wenig Gänsehaut. Geräusche gibt es eher die einfachen, typischen Standardklänge, z.B. Schritte, klapperndes Geschirr, und es wirkt sehr natürlich und fällt kaum auf, so gut fügt es sich in das Hörspiel ein. Dadurch wirkt alles sehr echt und realistisch. Ebenfalls sehr gelungen: die Abmischung ist hervorragend gelungen, Hut ab! Oft stört es mich, wenn Sprache und Geräusche nicht zusammenpassen und ich ständig die Lautstärke hoch- oder runterdrehen muss. Hier habe ich den Finger kein einziges Mal am Regler gehabt. Selbst bei professionellen Hörspielen ist dies nicht selbstverständlich, im Gegenteil, erst letztens habe ich mich bei zwei sehr erfolgreichen Jugendkrimis geärgert, dass ich ständig die Arbeit unterbrechen und die Lautstärke ändern musste! BELLFORD HOUSE dagegen ist sehr gut ausgewogen und ideal für entspannten Hörgenuss.

STORY: die Geschichte ist im Aufbau wie aus dem Lehrbuch, absolut klassisch. Und so funktioniert es auch am besten: Einführung der Charaktere, man fühlt mit der gefrusteten Shelly, sie lernt jemanden kennen und ist skeptisch, ein erstes ungewöhnliches Erlebnis, dann zeichnet sich eine drohende Gefahr ab, immer mehr Hinweise bis zum Showdown und dann dem glücklichen Ende. Erfolgsrezept, immer wieder gut. Die Geschichte macht den Eindruck, als hätte der Autor Erfahrung im Schreiben und hätte schon hunderte Erzählungen zuvor geschrieben.

SPRECHER: die Sprecher haben mich besonders fasziniert. Denn auch, wenn man hier und da mal einen kleinen Ausrutscher hört, an dem man die Laien erkennt, wirkt alles dennoch sehr professionell. Wie schon bei den anderen Kritierien: ich habe schon offizielle Titel gehört, die nicht an die Qualität von Bellford House herankamen. Einen Charakter gibt es, der meinen Ohren etwas schmerzte, aber die Stimme gehörte so und passte vom Gesamteindruck sehr gut zum Hörspiel, sodass ich das nicht als Kritikpunkt sehe. Auch die Stimmen an sich sind größtenteils geeignet für Hörspiele, und ich könnte mir durchaus vorstellen, die Sprecher bald in offiziellen Produktionen zu hören.

GESAMTEINDRUCK: WOW! Und nochmal: WOW! Ehrlich, hätte man mir das Hörspiel ohne jegliche Info vorgesetzt, dann hätte ich nicht erraten, dass es ein privates Amateurhörspiel ist. Gut, man merkt, dass es nicht Folge 75 eines bekannten Labels ist, aber nichtsdestotrotz wirkt es wie eine Produktion aus einem Verlag, der zwar am Anfang steht aber bestimmt bald ziemlich erfolgreich sein wird, sobald er etwas bekannter ist. Und ich hoffe in der Tat, dass wir noch sehr viel mehr von Chrys und seinen Freunden hören werden, denn BELLFORD HOUSE macht Lust auf sehr viel mehr. Und gerne werde ich dafür auch bezahlen, denn es steckt sehr viel Arbeit in solch einem Werk. Wer weiß, vielleicht gibt es ja bald eine neue Hörspielfirma? ;-)

SaschaSalamander 23.11.2011, 08.52

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