SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Bad Fucking

palm_fucking_1.jpgBAD FUCKING ist der Titel eines Krimis von Kurt Palm. Ich kannte den Autor nicht, obwoh er schon recht viel veröffentlicht hat. Aber gut, ich lese vor allem Belletristik, und er ist doch recht speziell. >Hier< kann man mehr über ihn erfahren. Auf seiner Homepage ist er mir recht sympathisch, die Seite ist anders aufgebaut, als man es von Autoren sonst gewohnt ist, das gefällt mir, und auch die Inhalte sind sehr individuell :-)

Der Inhalt des Buches ist schwer zu beschreiben, da es sehr viele einzelne Handlungsfäden gibt, die sich am Ende alle vereinen. Daher lediglich eine Beschreibung einiger wichtiger Erzählstränge: eine Gruppe von Cheerleadern verbringt eine Woche Trainingsurlaub im Hotel des Dörfchens. Der Dorfpolizist wartet enthusiastisch auf die Aale. Ein Gewitter braut sich zusammen und plant über Bad Fucking niederzugehen. Ein Zahnarzt hat ein Verhältnis mit der Putzfrau und wird erpresst. Ein junger Mann fühlt sich von seiner großen Liebe zurückgewiesen und vom Vater missachtet. Ein Einsiedler wird tot in seiner Höhle aufgefunden. Die Innenministerin wird entführt. Ein Asylantenheim soll gebaut werden. Erst gibt es einen Toten, bald folgt der nächste, dann noch einer, immer schneller und immer mehr, bis es in einem Drama endet, welches eines Shakespeare würdig wäre.

Schade fand ich, dass das Buch sehr fäkal war in Sprache und Inhalt. Es soll eine Satire sein, daher ist es klar, dass die Charaktere nicht wie üblich geschönt werden sondern ihre Körperlichkeiten in aller Deutlichkeit ausleben. Und wenn die Würstl nicht mehr taufrisch waren, hat dies eben Konsequenzen, natürlich braucht man dafür keine Umschreibungen. Aber die Beständigkeit, mit der diese Worte immer wieder wiederholt wurden und die Szenen auf rund eine halbe Seite gedehnt wurden, beleidigte mein empfindliches Sprachseelchen dann doch. Zumal der Autor durch seinen Stil eigentlich bewiesen hat, dass er es besser kann. Denn im Grunde ist BAD FUCKING ein hervorragendes Buch!

Ich kann gar nicht zählen, wie viele Charaktere es gab, es wurde quasi das komplette Dorf samt Touristen und Gäste vorgestellt. Dennoch behielt ich den Überblick und konnte mir sowohl Namen als auch Eigenschaften sofort einprägen. Normalerweise weiß ich am Ende eines Buches oft nicht einmal, wie die Protagonisten heißen (jaja, ich und Namen), aber hier genügte oft ein einziger Satz, schon hatte ich die Person vor mir, als würde ich sie schon lange persönlich kennen.

Der Autor schreibt sehr exakt und pointiert, kein Wort ist zuviel (bis auf die Fäkalszenen, die er jedes Mal genüsslich in die Länge zieht). "Show, don´t tell" beherrscht er hervorragend. Nur sehr wenige Adjektive, dafür klare, präzise Sätze, die sofort ein Bild im Kopf des Lesers entstehen lassen.

Die Geschichte an sich wirkt recht albern, birgt aber einige Gesellschaftskritik in sich. Was mir besonders gefällt ist, wiesehr die einzelnen Fäden miteinander verwoben sind. Nach und nach erfährt der Leser immer mehr, was in Bad Fucking hinter den Kulissen alles geschieht. Gnadenlos lässt er hinter die Fassade blicken.

Schenkelklopfer waren nicht dabei, aber ich musste schon recht oft schmunzeln über die Absurditäten, mit denen er mich mehrfach pro Seite konfrontierte. Ein Satz gegen Ende, der das gesamte Buch sehr gut beschreibt: Ihr fiel der Titel eines Buches ein: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. "Schwachsinn", dachte sie, "das Leben ist eine verfickte, stinkende Kloake".

Die Charaktere haben so viel Pech auf einem Haufen, dass es für eine ganze Großstadt reichen würde. Was schiefgehen kann, geht schief, und der Humor des Autors ist derb und sehr, sehr makaber. Man muss schon einiges wegstecken können, wenn man diesen Roman lesen möchte.

Auch der Erzählaufbau ist klasse: es beginnt temporeich, jedes Kapitel sitzt, nirgends zieht sich ein Kapitel in die Länge (außer siehe oben), und gegen Ende wird es immer rasanter, bis alles in einem großen Knall endet. Ich las die letzte Seite und dachte mir "war es das jetzt etwa?". Ja, das war es. Es kracht, eine Menge Leute sind tot, die Welt ist ein Sündenpfuhl. Die Handlungsstränge sind nur teilweise abgeschlossen, aber das kann den Protagonisten teilweise egal sein, sie haben eh schon alles verloren, da kommt es auf das nun auch nicht mehr an. Jeder hat auf seine Weise irgendwie abgeschlossen. Und nach mir die Sintflut ...

Die Themen sind so klassisch, dass der Roman einem Lehrbuch entsprungen sein könnte. Es kommt so ziemlich alles darin vor: Sex, Religion, Geheimnis, Verbrechen, Politik, Tiere.

Angeblich soll das Buch einige politische Anspielungen enthalten, aber als Bayer kenne ich mich in Österreich wohl nicht gut genug aus, um diese zu verstehen. Macht nichts, man kann das Buch auch so lesen. Auch über die häufigen Vergleiche zu Wolf Haas kann ich nichts sagen, da ich diesen Autor auf meiner To-Do-Liste habe aber noch immer nicht gelesen habe.

Insgesamt hat mir BAD FUCKING sehr gut gefallen, es ist ein Garant für Kurzweil und leichte Unterhaltung zwischendurch. Das Niveau findet man zwischen den Zeilen, der Autor lässt immer wieder durchblicken, dass er sowohl schreiben kann als auch insgesamt recht gebildet ist. Umso mehr fand ich es schade, dass er sich dazu herablässt, gelegentlich eine halbe Seite über Fürze, Durchfall, Ficken, Kotzen, Wichsen und derlei Dinge auslässt. Das hat den Lesespaß stellenweise leider sehr gemindert. Ich bin sicher, Kurt Palm könnte es weit, weit besser!

SaschaSalamander 03.08.2011, 08.59

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