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Thema: Rezensionen Hörbuch

Totengleich

french_totengleich_150_1.jpgDer Roman >Grabesgrün<, Erstlingswerk, der jungen Autorin Tana French, war auf Anhieb ein Erfolg, und auch mir hatte das Buch recht gefallen. Den Hype konnte ich nicht ganz nachvollziehen, doch es war recht nett und ließ mich auf die Fortsetzung freuen. Wobei, Fortsetzung? Ich möchte anmerken, dass die beiden Romane zwar eine Protagonistin teilen, ein Roman ohne den anderen jedoch problemlos verständlich ist. Zwar gibt es Querverweise, aber die Lektüre des ersten Bandes ist nicht erforderlich, weil es zwei eigenständige Bücher sind.

In "Totengleich" geht es nun um die Polizistin Cassie Maddox, welche im ersten Band die zweite Protagonistin neben dem Hauptcharakter darstellte. Man erfährt mehr über ihre frühere Arbeit als Undercover. Und nun holt die Vergangenheit sie ein: eine Tote wird gefunden, ihr Aussehen gleicht der Frau, die sie als Undercover  unter dem Namen Lexie spielte. Sogar die Ausweispapiere lauten auf den alten Namen, und es gibt zu viele Parallelen, als dass all dies nur ein seltsamer Zufall sein könnte. Also beschließt man, Cassie erneut in ihre alte Rolle schlüpfen zu lassen und auf diese Weise den Mörder der Frau ausfindig zu machen. Als Lexie begibt sie sich nun in die WG einiger Studenten. Anfangs nur ein Job, wird es für sie immer mehr zu einem zweiten Leben, welches sie genießt. Die Studenten werden ihre Freunde, und immer mehr zieht deren Lebensweise sie in ihren Bann. Freund oder Feind? Job oder doch Lebenseinstellung? Cassie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Aufgabe und ihren neuen Freunden. Doch dadurch begibt sie sich in große Gefahr, denn noch ist der Mörder nicht gefasst ...

Das Buch hat mich beim Lesen recht begeistert, und nachdem ich die Rezension einige Wochen nach dem Lesen schreibe, habe ich einiges bereits wieder vergessen. Dies zeugt davon, dass die Handlung fast nebensächlich war. Aber zurückgeblieben ist ein angenehmes Gefühl, und das hat das Hören von "Totengleich" für mich zu etwas Besonderem gemacht, zwar kein Meisterwerk, aber doch ein herausragendes Stück Literatur, das sich in seiner atmosphärischen Dichte von vielen anderen des Genres abhebt.

Eigentlich ist dieses Buch ja ein Krimi bzw Thriller, doch es war keine haarsträubende Spannung, es gab keinen Grusel oder einen Knalleffekt getreu dem Motto "und der Mörder ist ... tadaaaaaa". Eher ein unterschwelliges Gefühl von Bedrohung, ein banges Gefühl im Magen, das man ebenso wie die Protagonistin ignorierte, weil man als Leser / Hörer selbst die Freunde zu mögen beginnt und nicht will, dass einer von ihnen etwas Böses getan haben könnte. Alle Charaktere mit ihren schrulligen Eigenschaften wuchsen mir ans Herz, und fast wünschte ich mir, ich könnte ein Teil dieser WG (ja fast schon Kommune) sein, in einer solchen Harmonie und Freiheit leben wie diese Jugendlichen. Vor allem der lässige Erzählstil in der Ich-Form ermöglicht ein Eintauchen in das Geschehen. Tana French hat die Möglichkeiten dieses Stilmittels gekonnt genutzt.

Die einzelnen Figuren des Buches werden sehr schön beschrieben, die Autorin nimmt sich ausreichend Zeit, die Stimmung auf dem Anwesen von Whitethorn House sowie die Besonderheiten jedes Einzelnen der vier Freunde zu beschreiben. Nach und nach lernt "Lexie" zusammen mit dem Leser die Details des Hauses und der Personen kennen, und mit der Zeit entsteht ein immer deutlicheres Bild von dem, was der toten Frau wohl zugestoßen sein könnte.

Während der erste Roman lediglich "nett" und "solide" war, ist der zweite für mich schon etwas Besonderes gewesen. Er erschaffte eine subtile Spannung, die vor allem den Freunden psychologischer Krimis Freude bereiten wird. Liebhaber von actionreichen Szenen und dramatischen Effekten werden sich mit "Totengleich" wohl eher langweilen. Aber Liebhaber der stilleren Töne werden voll auf ihre Kosten kommen und finden in Tana French eine weitere Lieblingsautorin ...

Erowyinn 18.01.2010, 17.01 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Closer

cortez_closer_150.gifIch schwanke sehr, was dieses Buch betrifft. Einerseits riss es mich sehr mit, andererseits hat es auch einige gravierenden Schwächen, die nicht einfach ignoriert werden können. Doch erst einmal brav der Reihe nach, ...

Jack verlor seine Familie durch einen grausamen Serienkiller (blutrünstig, brutal, blutig, bestialisch, und so weiter). Nun ist er getrieben von einem einzigen Ziel: Rache. Und so beginnt er seinen Feldzug, indem er gemeinsam mit der Prostituierten Nicci auf die Jagd nach Serientätern geht. Sie lockt für ihn die Beute, und er "verhört" sie. Entlockt den Tätern Informationen über die Opfer und deren Tod, die er den trauernden Angehörigen zukommen lässt, wie auch er selbst noch viele offene Fragen an den Mörder seiner Familie hatte. Bald gerät er über das Internet auf die Spur des Mörders, den er so lange schon sucht, und er schleust sich in die  geschlossene  Community von irren Serientätern ein, um seinem Ziel wieder ein Stück näherzukommen. Doch sein Vorhaben ist riskant, sein zukünftiges Opfer scheint von ihm zu wissen und spielt mit ihm Katz und Maus. Wer wird am Ende siegen - Jack oder das Ungeheuer? Oder wird Jack gar selbst zu einem Monster?

Um diesen eher profanen Roman ein wenig mit Nietzsches Philosophie anzureichern: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." Dies ist das Kernthema des "Closer" (so genannt, weil er Fälle abschließt (to close), an welchen die Polizei bis dato erfolglos arbeitete): die Frage, ob Jack wirklich "nur" auf Rache aus ist und dann seinen Feldzug beenden wird, wenn er hat, was er wollte, oder ob er nun selbst zum Tier wird, welches einen Mord nach dem anderen begeht, süchtig nach dem Rausch des Adrenalin. Dies ist für ihn eine drängende Frage, mit diesem Thema spielt auch sein Gegner, und wegen dieser Problematik kommt es zu einem Konflikt mit Nicci. Will Jack überhaupt noch den Mörder finden, oder wurde der Weg zum Ziel?

Nun, im Grunde ist diese kurze Betrachtung eigentlich schon zuviel Ehre für diesen unterhaltsamen, aber doch eher oberflächlichen Roman. Er versucht sich stellenweise an etwas Tiefe und Inhalt, doch im Grunde geht es lediglich um das Anlocken und Töten, welches recht genüsslich zelebriert wird. Der Closer ist blutig, seine Foltermethoden sind grausam, er hat sie schließlich aus Fachliteratur über den Nationalsozialismus, moderne Kriegsführung und Folterpraktiken übernommen und wurde bald selbst kreativ. Schließlich wird der vergleichende Aspekt zwischen Kunst und Folter im Buch immer wieder hervorgehoben.

Was mir an dem Buch gefällt ist ... hm, was gefiel mir? *grübel*. Es war sehr unterhaltsam. Mal was Nettes für zwischendurch, bisschen grausam und blutig, es kann ja nicht immer nur niveauvoll und hintergründig sein. Ich hatte sehr klare Bilder vor Augen, fast als hätte ich einen Film gesehen. Und ich kann mir sogar vorstellen, dass dieses Buch sich perfekt als Drehbuch für einen recht guten Hardcore-Thriller eignet zur abendfüllenden Unterhaltung.

Hier liegt die Stärke des Buches, aber zugleich auch die größte Schwäche. Ich weiß nicht, wie die Kapitel im Roman abgetrennt sind, im Hörbuch jedoch weder durch einen Absatz noch durch eine Pause oder einen Vermerk auf das nächste Kapitel. Aus diversen Rezensionen im Web konnte ich allerdings entnehmen, dass auch im Buch selbst die Sprünge teilweise zu heftig für die Leser waren.

Ohne Punkt und Komma geht es von einer Szene zur nächsten, eben wie in einem Filmdrehbuch. Im Film jedoch sieht man die Personen und den Schausplatz, im Buch dagegen wird einfach ein neuer Dialog begonnen, und man weiß nicht so recht, wer sich gerade wo befindet, und worüber gerade diskutiert wird. Zu abrupt die Sprünge, zu schnell verliert man den Anschluss und muss höllisch aufpassen, nichts von der Handlung zu verpassen.

Dazu kommt, dass das Verwirrspiel um die Namen nach einiger Zeit fast schon zu kompliziert wird. Der Täter schleust sich in die Gemeinschaft ein, tötet einen von ihnen und übernimmt dessen Identität. So heißt er nun also in der Realität Jack, trägt den Spitznamen Closer und nimmt nun einen dritten Namen an. Tötet den nächsten und übernimmt nun auch dessen Identität im Netz. Es ist dem Leser / Hörer nicht immer klar, ob es sich nun um einen Rückblick auf einen Dialog des echten Namensträgers oder um eine neue Szene mit Jack in der neuen Identität handelt.  Und auch die anderen Serienkiller spielen teilweise doppeltes Spiel. Wie gesagt: wäre es ein Film, er wäre grandios. Für ein Buch jedoch ist das ein Stilmittel, das den Leser in einem Maß verwirrt, das irgendwann lästig wird statt für Spannung zu sorgen.

Mein Fazit? Super Unterhaltung mit großen Schwächen. Als Zwischenmahlzeit extrem lecker, als Hauptgang ungeeignet. Man muss sich auf viel Gewalt einstellen, die weniger der Handlung dient, sondern eher Selbstzweck ist. Wenn man keine großen Erwartungen an "Closer" hegt, actionreiche Blockbuster im Buchformat liebt und einen guten Magen hat, dann ist das Buch durchaus zu empfehlen.

Erowyinn 04.01.2010, 09.49 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Ein König für Deutschland

eschbach_koenig_150_1.jpgUnd wieder ist Andreas Eschbach ein Geniestreich gelungen. "Das Jesus-Video" dürfte fast jedem bekannt sein, es ist sein Meisterwerk, an dem er nun immer wieder gemessen wird. Und bei jedem Buch, das seitdem erscheint, darf er sich anhören, dass das aktuelle Buch niemals daran heranreiche. Das Los jeden Autors, der mal einen solchen Bestseller landete ;-)

Nun, Eschbach hat auch viele andere Werke. Er ist variabel, und ich liebe seine Vielfalt. Er schreibt brandaktuelle Thriller, er begibt sich auf die Pfade der Religion, er erfindet futuristische Welten, er spinnt Dystopien einer nur sehr wenige von unserer Zeit entfernten Zukunft, er bastelt aus aktuellem Tagesgeschen in der Zeitung eine unvorhersehbare Fortsetzungsgeschichte. Er bot Schreibkurse an (zu gerne hätte ich daran teilgenommen), und er setzt sich für den schreibenden Nachwuchs ein. In meinen Augen ist Eschbach ein Genie. Diese Ansicht mögen wohl nicht alle Leser hier teilen, aber ich selbst kann immer nur wieder begeistert von ihm berichten! Seine Werke haben hier und da kleine Schwächen, aber das liegt daran, dass Fiktion und Realität sich niemals perfekt vereinen lassen und entweder die Fantasyfreunde es gerne etwas actionreicher und abgedrehter hätten, die Realisten auf etwas mehr Ernst und Fakten pochen. Für das Kunstwerk, beides dennoch immer wieder erneut auf faszinierende Weise miteinander zu vereinen, gebührt Eschbach wirklich Ehre!

Simon König ist Lehrer in Stuttgart. Ein eher ruhiger, zurückgezogener Mensch. Der damals einen großen Fehler beging, aus diesem ging ein unehelicher Sohn, Vincent, in Amerika hervor, und seine Frau verließ ihn. Eines Tages, sehr viele Jahre später, der Sohn ist inzwischen erwachsen, landet eine CD in seinem Briefkasten, mit der dringenden Aufforderung Vincents, diese verschwinden zu lassen und niemandem davon zu erzählen. Doch bevor Simon wirklich begreift, was vor sich geht und wie wichtig diese CD tatsächlich ist, wurde sie ihm bereits entwendet.

Die junge Frau Sirona tritt an Simon heran, welche zuvor von Vincent kontaktiert wurde. Und so erfährt der Leser langsam, worum es überhaupt in dieser Geschichte geht: Vincent hat ein Computerprogramm entwickelt, mit welchem Wahlcomputer manipuliert werden können. Dies solle bei der nächsten Landtagswahl in Hessen eingesetzt werden. Und so verrückt das für Simon alles klingt, die nächsten Wahlergebnisse sehen tatsächlich nach einem Betrug aus. Gemeinsam mit Sirona und deren Freunden schmiedet Simon einen Plan, die Manipulation der Rechner mittels einer von Vincent eingebauten Hintertür aufzudecken: sie gründen eine Partei namens VWM, die Volksbewegung zur Wiedereinführung der Monarchie.

Es beginnt als kleines Projekt, sie wollen nicht auf sich aufmerksam machen und unauffällig bleiben, um durch spätere hohe Wahlergebnisse zu beweisen, dass die Wahl gefälscht wurde. Doch die Situation entwickelt sich immer mehr zum Selbstläufer. Simon ist anfangs abgeneigt, gewöhnt sich jedoch immer mehr an seine Rolle als angehender König. Und Sironas Freunde, begeisterte Rollenspieler und LARPer, sehen in dieser Aktion ein Spiel, welches in dieser realistischen und spannenden Form noch niemals möglich war. Auch die Mitspieler beginnen, ihre Rollen sehr ernst zu nehmen, und die Presse hat ein gefundenes Fressen. Warum nur neidvoll auf fremde Königshäuser blicken, wenn man den König im eigenen Lande haben kann? Bald werden die Bundestagswahlen anstehen ... was ist inzwischen Spiel? Und wo beginnt die Realität? Und was geschieht, falls das Volk tatsächlich von einem Monarchen regiert werden will?

Die Handlung an sich klang für mich eher wenig interessant, muss ich gestehen. Doch Eschbach versteht es hervorragend, Fakt und Fiktion so zu vermischen, dass es richtig Spaß macht. Ich fühle mich nicht in der Lage zu beurteilen, wie gut oder schlecht die Fakten hiervon recherchiert sind, aber dies ist mir offen gesagt auch egal. Er ist ein Autor, den ich zur reinen Unterhaltung lese, und die ist mir jedes Mal gewiss. Selbstverständlich mag die Handlung Schwächen haben, doch all seinen Büchern ist eines gewiss: der Leser muss bereit sein, sich auf eine völlig schräge Denkweise einzulassen und die Realität zwar immer im Auge zu behalten, sie aber dennoch hinter sich zu lassen.

Es gibt auch Dinge, die eher beiseite gelassen wurden. Ich fragte mich oft, wie wohl die anderen Parteien auf diese plötzlich erschienene vermeintliche Spaßpartei reagieren würden? Was andere Zeitungen als die speziellen Frauenblättchen auf sein Erscheinen sagen würden? Was das Ausland dazu sagen würde? Andererseits denke ich, dass der Roman in dieser Form nicht möglich gewesen wäre, wenn all solche Feinheiten beschrieben worden wären, es wäre zusehr ausgeufert und hätt ein politischen Diskussionen geendet, welche das Buch dann eher zerstört als bereichert hätten.

Ich weiß definitiv nicht, in welches Genre ich dieses neue Werk einordnen soll. Wie üblich gelingt es Eschbach, sich über alle Grenzen hinweg eine völlig neue Schublade zu erschaffen. Es ist stellenweise dramatisch. Oft lustig. Manchmal schon nervenzerfetzend spannend. Eine Verschwörung taucht darin auf. Sci-Fi kann man es aufgrund der Aktualität nicht nennen, Dystopien liegen in zu weiter Ferne. Gibt es einen Begriff für eine Dystopie oder einen Sci-Fi, welches in der Gegenwart liegt? Aber selbst Phantastik trifft es nicht, denn es gibt weder Übernatürliches noch Futuristisches. Es ist lediglich eine Aneinanderreihung von Gedanken und Ideen, die in dieser Form vielleicht niemals geschehen werden, theoretisch - rein theoretisch - aber vielleicht sogar möglich wären, wer weiß?

Der Gedanke an eine Monarchie in Deutschland lässt sofort negative Assoziationen aufkommen, und man fragt sie, wie dieses Thema bitte positiv verkauft werden soll. Und es gelingt Eschbach tatsächlich, den Leser für seinen König zu gewinnen. Ich bin sicher, auch andere Leser haben sich am Ende gewünscht, dass es vielleicht doch wahrwerden möge, und dass Herr König vielleicht tatsächlich DIE Änderungen bewirken könnte, die in all den letzten Jahren versäumt wurden. Es mag sein, dass es nur Gedankenfetzen sind, Stammtischphrasen, aber so geschickt verpackt, dass es wirklich Spaß macht, ihnen zu folgen. Man wird ja noch träumen dürfen von einer Bildungsreform, einem fairen Steuersystem und anderen Vorzügen, die Herr König seinem Volk verspricht ;-)

Das Ende hat mich ein wenig enttäuscht. In den anderen Büchern ist es ihm oft gelungen, mit einem Paukenschlag alles über den Haufen zu werfen oder aber eine völlig neue Wende einzubringen. Dieses Mal hatte ich eher das Gefühl, er wusste nicht so recht, wie er am Ende noch einmal einen solchen Punkt einführen könnte. Andererseits muss ich gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie man dieses Buch anders hätte enden lassen sollen. Von daher ist es okay. Nicht grandios, aber okay.

Das Buch an sich auf jeden Fall kann ich nur sehr empfehlen: jedem Leser, der bereit ist, sich von Eschbach für eine Weile entführen zu lassen in eine Welt gleich der unseren, in welcher es jedoch einem Lehrer und einer Gruppe rollenspielender Twens auf einmal möglich ist, Dinge zu bewegen, die jeder von uns schon einmal bewegen wollte. "Das alles, und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär". Was würden wir an Simons Stelle tun? Um diese Frage zu beantworten, sollte jeder dieses Buch einmal in die Hand nehmen ;-)

Erowyinn 11.12.2009, 10.41 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Tannöd

schenkel_tannoed_150_1.jpgNun habe ich also auch Tannöd gehört. Um schon alles vorweg zu nehmen, bevor ich schreibe (viel fällt mir zum Schreiben offen gesagt auch nicht ein), hier schon die Zusammenfassung: ich fand es nett, den Hype kann ich verstehen, aber mich selbst ließ es eher kalt, trotzdem hat es viele faszinierenden Aspekte.

Aber gut, ausnahmsweise mal das Pferd von hinten aufgezäumt. Ich möchte trotzdem nun schrittweise vorgehen. Erst einmal zum Roman selbst: die Autorin Andrea Maria Schenkel schrieb mit "Tannöd" ihren Erstling, und er schlug ein mit Bombenerfolg. Dabei bezieht sie sich auf einen real geschehenen Mord in >Hinterkaifeck< im Jahre 1922. Es gab schon eine andere literarische Aufarbeitung, doch der Vorwurf des Plagiats wurde dann abgewiesen. Nun gut, ich kenne das andere Werk nicht, aber ich denke, berühmte Momente der Geschichte oder bekannte Mordfälle wie Jack the Ripper wurden auch immer wieder neu bearbeitet, ohne dann jedoch abgeschrieben zu sein ...

Zur Handlung nur soviel: so wirklich beliebt waren die Bauern Danner auf dem Tannödhof nicht, mürrisch, geizig, hart. Trotzdem sind alle geschockt, als das Ehepaar, deren Tochter, Enkel und sogar die Magd auf brutale Weise getötet wurden, und niemand kann sich vorstellen, wer zu einer solch schrecklichen Tat fähig sein könnte.

Das Buch ist nicht als Roman geschrieben, sondern in Form einzelner Interviews. Beginnt ganz unverfänglich mit der Geschichte eines kleinen Mädchens, welches erzählt, wie seine beste Freundin nicht in der Schule war und auch nicht im Gottesdienst. Es wird erzählt, was kleine Mädchen eben so erzählen. Von gemeinsamen Freuden, von einem Streit, von ihrem Lieblingsessen und den gemeinsamen Spielen. Davon, wie die Tochter der Danners immer von ihrem Vater aus Amerika erzählte, und von dem Zauberer im Wald. Und so geht es weiter. Anfangs scheinbar unzusammenhängend, im Laufe der Zeit immer strukturierter und verständlicher sind die Berichte abgefasst. Nachbarn erzählen, der Lehrer, der Pfarrer, eine alte Bäuerin, sie alle haben ihren Teil beizutragen und tratschen munter über die Danners und deren unzüchtiges Leben. Immer mehr Details werden enthüllt, hier mal eine Andeutung, dort eine Mutmaßung, dort will niemand etwas gesehen haben, aber andere hätten behauptet, und so wird aus vielen verschwommenen Mosaiksteinchen ein immer deutlicheres Bild, welches sich dem Leser dann zwar enthüllt, aber dennoch viele Fragen offen lässt ...

Ich habe das Hörbuch gehört, ohne mir zuvor den Inhalt anzusehen. Keine Rezension, keine Inhaltsangabe, kein Klappentext. Nur das Wissen, dass dieses Buch wohl ein Riesenerfolg gewesen sein muss und nun sogar verfilmt wird. Umso erstaunter war ich dann über das, was sich mir bot. >Monica Bleibtreu< (gestorben 13.05.2009) war mir als Stimme bis dahin nicht bekannt, und ich war angetan von ihrer ausdrucksstarken Darstellung. Männer kenne ich als virtuose Künstler, die regelrechte Ein-Mann-Hörspiele hinbekommen, doch Frauen haben diese Stimmgewalt leider nicht, vor allem anatomisch bedingt (vermute ich). Doch Monica Bleibtreu gelingt, was ich von Frauen sonst nicht kenne: sie verkörpert verschiedene Personen. Ein naseweises Mädchen, eine alte Bäuerin, ein alter Pfarrer, die bigotte Haushälterin des Pfarrers, eine bauernschlaue alte Frau, der ruhige Lehrer, der Postbote, sie erschafft mit ihrer Stimme, ihrem Tonfall, ihrer Betonung, ihrer Sprachmelodie, ihrem Rhythmus, mit allem, was ihre Stimme hergibt, unzählige verschiedene Menschen. Ich sah sie bildlich vor mir, wie sie hibbelnd auf dem Stuhl saßen, wie sie ruhig in die Ferne blickten, die Finger ineinandergruben, hektisch sich umsahen, wie sie genüsslich erzählten und immer mehr ausschmückten oder aber sich in sich zogen und nicht wirklich etwas von dem Grauen erzählen wollten.

Anfangs war ich extrem verwirrt, weil ich gar nicht wusste, auf was das Buch nun abzielen soll. Und bis zum Ende wurde mir nicht klar, wem diese Personen nun antworten. Einem Reporter? Einem Schriftsteller? Einem Polizisten? Und was haben die Gebete zwischen den einzelnen Interviews zu bedeuten? Ich dachte, dass mir da etwas entgangen sei, aber bei späterem Stöbern im Web fand ich heraus, dass dies wohl Fragen sind, welche allgemein nicht geklärt wurden. Nun gut, es sind stilistische Mittel, und ein Autor muss sich nicht immer erklären. Die Gebete haben mich dann langsam recht genervt, aber sie gehörten dazu, und das "Herunterleiern", wie Monica Bleibtreu es so perfekt gemacht hat, hat sehr viel Stimmung in das Hörbuch gebracht, es verstärkte das Gefühl, welches für mich während des Hörens aufkam. Die Atmosphäre von heuchlerischen, auf sich bedachten, kleingeistigen, aber doch auf ihre Weise gerissenen Menschen, die sonntags in die Kirche gehen und ihre Gebete herunterleiern, die täglich ihre Litanei beten, die aber hinter ihren verschlossenen Türen ihre Ehefrau prügeln, die Kinder schlagen, die Tochter missbrauchen und böse über andere reden, welche sich in der Öffentlichkeit einen kleinen Fehler erlauben. Ich sah sie hinter ihren Gardinen hervorlugen, streng bedacht, den Schein zu wahren und mit dem Finger auf andere zu zeigen ...

besonders auffällig auch die Mundart. Es wurde sehr viel Dialekt eingebracht, es kamen alte Ausdrücke zur Sprache, die das Hörerlebnis sehr stimmungsvoll machten und perfekt in die Inszenierung passten.

Um wieder zum Anfang zurückzukommen: die Handlung an sich (oder besser der Inhalt dahinter, denn Handlung konnte man es nicht nennen) ließ mich recht kalt, und im Normalfall hätte ich ein solches Buch recht schnell wieder beiseite gelegt. Doch die Darstellung durch die Sprecherin, und auch die gekonnte Erzählweise mit all den kleinen Aha-Erlebnissen, wenn eine kurze Erwähnung vom Anfang nun plötzlich sich mit einem weiteren Puzzleteil zu einer weiteren Erkenntnis für den Leser zusammenfügt, das hat seinen ganz eigenen Reiz.

Wirkliche Spannung kommt nicht auf, und einen klaren Handlungsfaden darf man nicht erwarten. Man sollte sich wirklich völlig auf das Werk einlassen, ohne sich bestimmte Erwartungen oder Vorstellungen davon zu machen. Sondern es einfach wirken lassen.

Als Film würde ich mir das vermutlich nicht ansehen, dazu reizen mich das Thema und die Leute viel zu wenig. Ob es mir als Buch gefallen würde, weiß ich nicht, denn Monica Bleibtreu hat dem allem für mich schon einen sehr persönlichen Touch verliehen. Aber das Hörbuch - WOW! Ich kann verstehen, wenn viele das Buch langweilig finden, die Rezensionen im Web (die ich erst im Nachhinein angesehen habe) gehen ja sehr auseinander, und viele halten es für herausgeworfenes Geld. Kann ich verstehen. Aber ebenso verstehe ich all jene, welche das Buch begeistert als Meilenstein feiern und in den Himmel loben. Mich selbst findet man irgendwo dazwischen.

Mein Tipp: auf jeden Fall das Hörbuch in der Version mit Monica Bleibtreu hören!

Erowyinn 18.11.2009, 10.27 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Das Buch ohne Namen

anonymus_nameless_150_1.jpgZu Beginn der ersten CD war ich sehr angetan von dem Buch. Ich wusste noch nicht, worum es gehen würde, und ich war sehr gespannt. Doch gegen Ende der ersten, Anfang der zweiten CD, begann sich alles für mich zu ziehen. Ich habe lange überlegt, ob ich jetzt noch eine Rezension schreiben oder das Buch einfach für mich abhaken soll, aber ich tippe nun doch ein paar Zeilen …

Die Handlung zu beschreiben fällt mir nicht allzu leicht. Wo fange ich an? Es gibt sehr im Grunde nämlich sehr viele Handlungsstränge, die bald zueinander führen. Da gibt es zum Beispiel die beiden Mönche, die von ihrem Obersten hinausgeschicht werden in die Welt, um nach dem blauen Mondstein zu suchen. Außerdem lernt man ein Gangsterpärchen kennen, das im Hotel gerne die Gäste ausnimmt. Man begegnet einem Barmann, lernt eine Wahrsagerin kennen, trifft auf einen Sonderinspektor für ungewöhnliche Fälle und seinen mürrischen Partner vor Ort, einen mysteriösen  Revolvermann, eine fünf Jahre lang im Koma liegende unbekannte Schönheit und einige andere Personen. Und all dies führt den Leser dann zu dem Stein, der nicht nur materiellen Wert besitzt. Außerdem erfährt man von der Mondfinsternis, welche bald über die Stadt einbrechen wird, und so langsam wird es klar, was es mit dem Stein auf sich hat, und wer aus welchem Grund hinter ihm her ist. Ach ja, und man erfährt, warum das geheimnisvolle „Buch ohne Namen“ des anonymen Autoren so wichtig ist und weshalb nur Menschen reinen Herzens dieses lesen dürfen.

So schwer mir nun eine Beschreibung des Inhaltes fiel, so lässt sich auch mein Problem mit dem Buch beschreiben: mir fehlte irgendwie die Handlung. Ich habe im Grunde nichts gegen innovative Bücher. Und gerne lese ich auch Bücher, die keinen strikten, schnurgeraden Verlauf haben. Aber irgendwie war mir diese Story ein wenig zu chaotisch. Ich hatte den Eindruck, der Autor wollte möglichst kuriose Charaktere an einen noch skurilleren Ort packen und diese dort gemeinsam in einem actionreichen, brutalen Showdown aufeinandertreffen lassen, den man am besten von Tarantino verfilmen lassen könnte. Es war stellenweise sehr verwirrend, die parallelen Handlungsstränge, die Rückblicke und die fortlaufenden Erzählungen zu verfolgen, und einige Male habe ich offen gestanden den Faden verloren. Was ich nicht zwangsläufig dem Buch anlasten möchte, es lag vielleicht auch an mir. Ich habe mir schon oft vorgenommen, eine Dramatis Personae für jedes Buch während des Lesens / Hörens für mich zu erstellen, und hier wäre es wohl wieder einmal besonders wichtig gewesen …

Aber nicht nur Negatives, es gab auch Dinge, die mir dennoch sehr gefielen. Zum einen der Sprecher, der wirklich hervorragende Arbeit geleistet hat: Stefan Kaminski. Ein Ein-Mann-Hörspiel, im Grunde fast schon eine inszenierte / szenische Lesung (das hätte man ihm eigentlich gönnen müssen, finde ich, dann wäre es perfekt gewesen). Und zum anderen das Genre. Es ist nämlich nicht wirklich einzuordnen. So etwas gefällt mir (auch das Konzept des Buches mit den vielen Handlungssträngen, wenngleich es mir in diesem Fall nicht zugesagt hatte), ich mag es gerne nonkonform und ungewöhnlich. Ich habe schon so viele Bücher gelesen, dass ich mich immer über innovative Ideen und ausgefallene Dinge freue. In diesem Fall einen quietschbunten Mix aus Western, Fantasy, Horror, Splatter, Mistery, Thriller, Drama und womöglich noch mehr, ich möchte es gar nicht so genau analysieren, möchte es nicht zu Tode zerpflücken ;-)

Ich möchte dieses Werk weder empfehlen noch davon abraten. Sondern ich finde, es ist ein sehr ungewöhnliches Buch, auf das man sich einlassen muss. Einfach mal anlesen, reinschnuppern und dann selbst eine Entscheidung treffen ;-)

Erowyinn 16.11.2009, 10.37 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Das verlorene Symbol

brown_symbol_150_1.jpgDer neue Dan Brown, und ich konnte es nicht mehr erwarten. Die ersten beiden Romane Sakrileg und Illuminati waren erstklassige Unterhaltung. Literarisch hatte ich ein paar Dinge zu bemängeln, aber die Idee war neu, die Umsetzung klasse, man konnte es nicht aus der Hand legen, und es hat mich in seinen Bann gezogen. Auch Meteor gefiel mir sehr, von Diabolus ganz zu schweigen. Ein bisschen arg reißerisch alle, aber wie gesagt perfekte Unterhaltung und ein paar nette Infos über verschiedene Verschwörungstheorien, der Autor verfügte über eine Menge Background, und der Leser hing gebannt an seinen Lippen. Genialer Mix für einen abendfüllenden Kinofilm, was ja auch sehr schnell umgesetzt wurde.

Dieses Mal dagegen war ich bereits zu Beginn ... ach, bevor ich erzähle, kurz einmal die Handlung. Falls jemand noch nicht weiß, worum es geht ;-)

Robert Langdon wird gebeten, in Washington einen Vortrag zu halten. Und schwupps tappst er in die erste Falle und darf einem wortwörtlichen Fingerzeig folgen, den die abgetrennte Hand seines Freundes als Beginn einer langen Schnitzeljagd darstellt. Der Rest ist schnell erzählt, falls man die anderen Romane bereits kennt: eine wilde Hatz über viele berühmte Schauplätze der Stadt beginnt, in der es um mehr als nur ein kleines Menschleben geht. Es geht nämlich und die Apotheose, die Gottwerdung des Menschen und um das verlorene Wort, welches eine ungeahnte Macht in sich birgt.

Und nun könnte ich die Rezension ganz lange ausdehnen mit allem, was mich störte. Ich könnte es auch kurz fassen unter "dritter Aufguss". Was im ersten Roman begeisterte, gefiel im zweiten und ist im dritten nur noch ermüdend. Natürlich wird dieses Buch als Fortsetzung der ersten beiden gehandelt, es hat den gleichen Protagonisten, also sollte der Leser auch wieder etwas Ähnliches erwarten. Dass er allerdings exakt das gleiche bekommt, war dann doch enttäuschend für mich.

Die Handlung ist im Grunde exakt die selbe, nur dass Namen und Schauplätze vertauscht wurden. Außerdem geht es diesmal nicht um die katholische Kirche (naja, irgendwie schon am Ende) oder die Illuminaten, sondern die Freimaurer. Es wird eine recht ungewöhnliche Wissenschaft eingebracht, die "Neoetik". Und dazu ein paar interessante Fakten aus dem Web recherchiert, die man dann als neue Puzzleteile an die alten Stellen des vorherigen Buches setzt. Am Ende eines Kapitels ein Cliffhanger, damit es immer spannend bleibt. Zwischendrin unzählige Fachbegriffe und extrem intelligent klingende "Weisheiten", die bei genauer Betrachtung allerdings recht flach wirken und teilweise auch recht unangebracht sind.

In den ersten beiden Büchern habe ich noch mit den Helden mitgebangt, sie hatten für mich Leben, und ich konnte mich sehr gut hineinversetzen. Dieses Mal muss ich leider sagen, dass ich vom ersten Moment immer wieder darauf wartete, dass mich die Handlung endlich mitreißen würde. Ich habe bald mehr nebenbei gehört und war dann froh, als es sich dem Ende zuneigte, auf das ich so lange gehofft hatte. Leider wurde ich enttäuscht, und statt eines grandiosen Finales wie in den ersten beiden Büchern erwartete mich ein endloser Monolog, der dem Aufwand des Buches in meinen Augen nicht wirklich gerecht wurde. Auch, als Langdon in eine wirklich schlimme Situation gerät und alles verloren ist, berührte mich dieser Moment sogut wie gar nicht, er als Hauptheld interessierte mich nicht einmal.

Eigentlich würde ich das ganze jetzt gerne an Beispielen begründen und den Roman so richtig zerlegen, aber offen gesagt ist mir das zuviel Aufwand, ich wende mich lieber dem nächsten Buch zu. Ich weiß auch, dass ich mit meiner Meinung viele Gleichgesinnte habe, bei eingefleischten Fans nun aber womöglich Empörung hervorrufen werde. Aber gut, es muss nicht jedem alles gefallen, und ich werde auch das nächste Buch von Brown wieder lesen, vielleicht ist das nächste (welches bereits angekündigt wurde) dann wieder besser?

Und jetzt bin ich so richtig gespannt auf wilde Diskussionen! Wie fandet Ihr das Buch? Wart Ihr ebenso enttäuscht wie ich, oder könnt Ihr meine Meinung so gar nicht nachvollziehen, hat es Euch richtig gut gefallen?  Sollte man ein gutes Erfolgskonzept so richtig durchziehen, weil man das Rad nicht ständig neu erfinden kann? Oder wollt Ihr lieber aber dafür einzigartigere Bücher? Werdet Ihr den nächsten Brown lesen?

Feuer frei! ;-)

Erowyinn 11.11.2009, 19.37 | (2/2) Kommentare (RSS) | TB | PL

Grabesgrün

french_grabesgruen.jpgÜberall in den Läden sieht man "Grabesgrün" von Tana French ausliegen. Der Debutroman einer jungen Autorin (36) aus Irland, der einige Preise einheimste. Und wenn das Buch schon von David Nathan gelesen wird, komme ich um das Hörbuch nicht umhin ;-)

Rob und Cassie sind ein Ermittlerin in Dublin. Als ein Mädchen auf dem Opferstein einer Ausgrabungsstätte gefunden wird, zieht man sie beide sofort hinzu. Es gibt viele wilde Spekulationen über Opferrituale, Vergewaltigung, Serientäter oder vielleicht einen Gegner der Bürgerbewegung, welche der Vater des Kindes leitet. Doch Rob zieht eine Verbindung, welche anderen gar nicht in den Sinn kommt, und er behält seine Vermutung für sich. Damals verschwanden drei Kinder, es geschah ein schlimmes Verbrechen an genau diesem Ort, und nur Rob wurde lebend aufgefunden. Ohne Erinnerung, er weiß nicht, was damals geschehen war. Mühsam versucht er nun, sich schrittweise an damals zu erinnern, in der Hoffnung, dass er auf diese Weise mehr über das aktuelle Verbrechen erfährt ...

Doch, das Buch ist recht nett gemacht. Die Charakere sind mir mit der Zeit sehr sympathisch geworden. Haben ihre Schwächen, ihre Stärken, sind eben einfach menschlich. An meine Favoriten kommen sie nicht heran, aber das muss ja auch nicht sein. Mir fehlt einfach ein wenig das gewisse Etwas, das sie dann noch einen Tick anders macht als die anderen. Das, was sie von den normalen AlltagsAntiHelden unterscheidet, die in den normalen Krimis von Fitzek, Franz etc vorkommen.

Die Handlung schlängelt sich wie ein gemächlicher Fluß voran, ohne Hektik, ohne Stromschnellen, dafür aber beständig und gleichmäßig. Das Buch soll, wie ich hier und da gehört habe, wohl manchmal ein wenig zäh sein, im Hörbuch hatte ich dieses Gefühl niemals, da passte jede Szene, nichts war zuviel oder zuwenig, alles sehr gut abgestimmt. Ich mag es, wenn keine rasanten Actionszenen vorkommen, sondern das Buch realistisch bleibt.

Nur das Ende ist ... hm, ich weiß nicht. Es bleibt realistisch, das gefällt mir. Aber ich bin dennoch unzufrieden, denn das, was die Essenz des Buches ausmachte, das, worauf der Leser die gesamte Zeit bangte, mehr als auf die Auflösung des eigentlichen Falles, das wurde dann unter den Tisch fallen gelassen. Es mag sein, dass dies in der Realität auch der Fall ist. Nicht immer geht alles gut aus, nicht immer gibt es für alles eine Lösung, aber wenn dies den Kern des Buches ausmachte, dann fehlt mir einfach etwas. Das Ende hat nich, wie bei anderen Büchern oft, das gesamte Buch verdorben (manchmal hat man das Gefühl "ach hätte ich es doch nicht gelesen"), nein, das nicht. Es hinterlässt nur einen bitteren Nachgeschmack und ein Gefühl von "ich hätte es aber gerne noch gewusst".

Aber ansonsten war das Buch wirklich sehr nett. Solide, könnte man sagen. Sehr gut aufgebaut, ein wenig wie aus dem Schulbuch für moderne Thriller. Eben glatt und geschmeidig, leserfreundlich und unterhaltsam, spannend, das, was man einen "Pageturner" nennt. Ich kann es guten Gewissens jedem empfehlen, der gute Krimis / Thriller zu schätzen weiß. Ein paar Abstriche am Ende, aber damit kommt man recht gut klar. Alles in allem ein Buch, das den Kauf meiner Ansicht nach lohnt.

Erowyinn 30.09.2009, 10.07 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Für immer Disco

hermanns_disco_150_1.jpgNun also habe ich "Für immer D.I.S.C.O." von Thomas Hermanns gehört. Klar hätte ich das Buch lesen können, dann hätte ich sogar einige Bilder aus seinem privaten Fotoalbum gehabt. Das wäre schon sehr spannend gewesen. Außerdem soll das Buch ein sehr schönes Cover haben, passend im Glitterlook der Discozeit. Aber ich wollte lieber das Hörbuch, denn der Autor spricht den Text selbst, und ich mag seine Art, seine Stimme, seinen Stil einfach sehr gerne. Und dann gibt es natürlich noch die Hörbeispiele, die dabei sind. Das macht es greifbarer, und so erfuhr ich nun den Titel mancher Songs, die ich bisher nur von der Melodie kannte. Der Inhalt des Buches kommt manchmal einfach besser, wenn man nebenbei die Hüfte schwingt und richtig mitgeht ;-)

Thomas Hermanns, bekannter Stand-Up Comedian. An ihm scheiden sich wie an vielen anderen Komikern auch die Geister. Entweder, man mag ihn, oder man mag ihn nicht. Viele mögen ihn nicht, weil er zu tuntig wirkt und zu aufgesetzt strahlend. Ich mag ihn, weil er zu den "leisen" Komikern gehört, nicht rumbrüllt wie viele andere. Sein Humor ist etwas subtiler, er nimmt sich auch gerne mal selbst auf die Schippe. Während andere oft böse gegen andere reden, holt er seine Witze nicht aus der Schadenfreude über andere.

Es dürfte inzwischen jedem bekannt sein, dass er bekennender Schwuler ist. Und dies ist auch Teil des Hörbuches: seine Entwicklung, sein Coming Out, seine ersten Erfahrungen. Und dass er Discofan ist, dürfte ebenfalls kein Novum sein. Er mag den Glitter, den Glamour, die bunte fröhliche Welt der Discomusik. Und beides zusammen mixt er zu einer witzigen, spannenden, leichtgängigen Erzählung.

Es ist ein Ausflug in die Welt der Musik. Amanda Lear, Hot Chocolat, Boney M, Abba, sie alle haben sein Leben, sein Emfinden, seine Entwicklung beeinflusst, und es gelingt ihm hervorragend, Information über Musik perfekt mit persönlichen Eindrücken zu vermischen. Hier ein paar Hintergründe, dort ein paar kleine Anekdoten. Eine Gruppe Jugendlicher, die gemeinsam Charts erstellt, sich die Lieblingsmusik vorspielt und heißblütig über die neuesten Songs diskutiert (immer schön im Nermbärcher Dialeggd).

Und es ist ein Coming-of-Age eines junges Mannes, der sich langsam seiner homosexuellen Neigungen bewusst wird. Ein Liebesbrief an seinen besten Freund, die erste Enttäuschung, der Kontakt zu Gleichgesinnten, das Kennenlernen der Nürnberger Schwulenszene, am eigenen Leib erlebte Gewalt gegen Schwule, sein Umzug nach München. Ohne falsche Dramatik, ohne es tuntig zu verpacken. Klischees werden gerne mal aufs Korn genommen, aber ohne dabei überzogen zu wirken und immer mit einer guten Portion Selbstironie. Doch, man kann sich schon gut in ihn hineinversetzen und nachempfinden, wie erfreulich, peinlich, spannend die Situationen für ihn waren. Am schönsten ja sein erster Abend in der Münchner Disco "New York" und der Faux Pas in der Vorhalle ;-)

Speziell für Freunde der Stadt Nürnberg dann noch der Lokalcolorit. Der Dialekt zwischendurch lässt mich jedes Mal grinsen. Und neugierig verfolge ich seine Spaziergänge in die Altstadt, in die einzelnen Stadtteile. Manches, von dem er erzählt, kenne ich und hat sich bis heute gehalten, anderes war wohl damals gerade in, und manches sagt mir nichts, lässt mich auch zwischendurch mal ein wenig bei Google nachforschen, ob es das heute noch gibt.

Manches finde ich inhaltlich nicht ganz so toll, weil es die Schwulen- und SM-Szene etwas verzerrt aussehen lässt und ich mich ja doch recht gerne in diesen Bereichen engagiere, aber andererseits wird sehr deutlich klar, dass es seine Meinung ist, dass es seine Erfahrungen sind, dass es keine allumfassenden Aussagen sind, sondern eben das, was er damals erlebt hat. Ich bin versöhnt ;-)

Alles in Allem bin ich wirklich sehr begeistert. Doch, dieses Hörbuch hat mir sehr gefallen. Und wer nicht prinzipell etwas gegen Thomas Hermanns hat, sollte sich das auf jeden Fall anhören!

Erowyinn 23.09.2009, 10.08 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Splitter

fitzek_splitter_150_1.jpgNachdem ich Splitter gehört hatte, war ich sehr ernüchtert und enttäuscht. Aber bevor ich loslege, vor mich hinzujammern, erst mal alles der Reihe nach. Erst mal der Inhalt, bevor ich ihn zerreiße ;-)

Das Leben nimmt für den Sozialarbeiter Marc eine schreckliche Wende, als er einen Unfall verschuldet, bei dem seine schwangere Frau verstirbt. Er überlebt, hat lediglich einen Splitter im Kopf und ist geplagt von Selbstvorwürfen. Da kommt ihm eine Zeitungsannonce, in welcher das gezielte Vergessen angepriesen wird, gerade recht. Er bietet sich als Testobjekt an und begibt sich in die Klinik. Dort wird er befragt, durchläuft verschiedene Tests. Allerdings kommt es ihm immer seltsamer vor, und er willigt nicht in die Durchführung des Experimentes ein. Doch als er nach Hause kommt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Sein Schlüssel passt nicht ins Schloss, seine tote Frau steht vor ihm, sein Job wird von einem fremden Mann ausgeführt, an seine Handynummer geht eine fremde Person mit seinem Namen, und wo gestern noch die Klinik stand, ist heute ein riesiges Baugelände.

So geht es in einem Fort, und immer mehr fragt sich Marc ebenso wie auch der Leser, was hier eigentlich vorgeht. Das Buch erscheint mir ein riesengroßer Mix aus vielen bekannten Filmen und Romanen, die gut liefen. Doch was in Filmen oder Büchern wie "The Game", "das zweite Gedächtnis", "Vanilla Sky", "der Nobelpreis", "die Vergessenen", "Weltengänger" und anderen gut lief, muss noch lange kein Erfolgsrezept sein. Fitzek reizt es zusehr aus, und der Plot wird immer verworrener, ohne dem Leser jedoch auch nur die geringste Chance zu bieten, zu erahnen, was nun tatsächlich passiert sein könnte. Eigentlich sehr spannend, denn ich bin geduldig, solange es nur mitreißend geschrieben ist, und lasse mich sehr gerne überraschen am Ende.

Doch dann die herbe Enttäuschung. Das Ende ist so unglaubwürdig, dass ich die CD am liebsten in die Ecke geworfen hätte aus lauter Wut! Ich habe mich um meine Zeit betrogen gefühlt! Ungern möchte ich spoilern, deswegen ist es schwer, zu sagen, was mich daran störte. Sagen wir es mal so: es ist kein Fantasy oder Scifi, sondern an sich real. Aber so unglaublich unrealistisch und unglaubwürdig, dass nie irgend ein Leser solch eine Möglichkeit in Betracht gezogen hätte. Als hätte ein Tierfreund alleine mit einer kleinen Sandkastenschaufel ein Loch von den Ausmaßen des Hoover-Dammes ausgegraben, um den Kopf eines Kanarienvogels zu beerdigen, dessen Körper man zuvor der Katze verfüttert hatte, die ohne diesen Kanarienvogel eines grausemen Hungertodes gestorben wäre. Sorry, aber das ist mir einfach zu blöd, zu konstruiert, zu unangemessen, zu unzusammenhängend und dämlich, anders kann ich es nicht nennen!

Es tut mir sehr leid, ein solch vernichtendes Urteil über dieses Buch abzugeben. Und ich weiß, dass es sehr viele Leser gibt, die auch diesen neuen Fitzek mögen, einfach weil es eben Fitzek ist oder weil es ihnen vielleicht sogar tatsächlich gefallen hat. Aber ich selbst war einfach nur enttäuscht, und wenn ich mich im Internet umsehe, dann ging es sehr, sehr vielen Lesern genauso.

Was man empfehlen kann, ist wirklich "die Therapie". Dieses Buch ist grandios, spannend, hat eine sehr gute Wende, es hat mich zutiefst beeindruckt. Es ist ein Mindfuck allererste Güte, bei dem man geneigt ist, ihn sogar zweimal zu hören, um mit dem Wissen nach Abschluss des Buches die Szenen nochmals neu zu beleuchten. Über "Amokspiel", "Seelenbrecher" und "das Kind" gibt es geteilte Meinungen. Ich finde, an den ersten Erfolg konnte er nicht anknüpfen, aber sie waren ganz nett zur Unterhaltung und haben mir spannende Stunden beschert. Doch nach "Splitter" finde ich, täte eine kleine kreative Pause ihm wohl besser als das mechanische Abarbeiten des nächsten Bestellers (der nur durch den Namen des Autors zum Erfolg wurde, ohne jedoch von dessen Qualität zu zeugen. Das funktioniert einmal, zweimal, dreimal, aber irgendwann nehmen einem die Fans das wirklich übel) ...

Wer Fitzek noch nicht kennt, sollte unbedingt "die Therapie" lesen! Wer ihn kennt, der soll bitte selbst entscheiden, wie er zum neuesten Werk steht ... vielleicht gefällt es ja trotzdem ;-)

Erowyinn 21.09.2009, 16.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Obsession

Kaum begonnen, schon habe ich das Hörbuch bereits beendet. Ein freier Tag, jede Menge im Haushalt zu erledigen, und schon musste ich mir etwas Neues zum Hören suchen ;-)

Als seine Frau stirbt, entdeckt Ben eine verschlossene Schatulle. Darin befindet sich die Geburtsurkunde ihres Sohnes sowie alte Zeitungsausschnitte über das Verschwinden eines Kindes aus dem Krankenhaus. Das Datum des Verschwindens deckt sich mit Jakobs Geburtstag. Ben, der seine Frau erst nach diesem Tag kennenlernte, beginnt sich nun zu fragen, ob Jakob vielleicht das gestohlene Baby von damals sein könnte. Er engagiert einen Detektiv und findet sehr schnell heraus, dass Jakob in Wirklichkeit "Baby Stephen" ist. Er liebt das Kind über alles, doch ihm ist bewusst, dass er den wahren Eltern das Kind nicht vorenthalten kann. Im Hinblick darauf, was das Beste für das Kind ist, macht er sich nun Gedanken, wie es weitergehen soll. Doch leider hat der Detektiv, den er beauftragte, den Fall in seine eigenen Hände genommen, und nun läuft alles ganz anders, als Ben es eigentlich für das Kind wollte ...

Ich möchte nicht zuviel verraten, deswegen stoppe ich an dieser Stelle, obwohl es noch einiges mehr zu erzählen gäbe. Und eines möchte ich vorab gleich anmerken: wer die forensischen Thriller von Simon Beckett begeistert verschlungen hat, der darf auf keinen Fall eine Fortsetzung oder ein Buch von ähnlichem Stil erwarten. "Obsession" ist wirklich klasse, aber es hat in keinster Weise irgend etwas gemein mit den drei aktuellen Romanen. Das Buch entstand VOR dieser Reihe, es wird derzeit von der Verlagen neu herausgebracht, um mit dem Namen des Autors weiteres Geld einzuheimsen. Was ich allerdings nicht schlecht finde, denn mir gefiel dieser Roman sehr gut. Allerdings würde ich ihn in der Kategorie Drama einordnen, nicht unter Krimi oder Thriller wie zu erwarten.

Ben war mir nach kurzer Zeit bereits sehr sympathisch, er ist menschlich in seinem Verhalten, und ich fühlte mich ihm stellenweise sehr nah. Und nun ist er in einen Konflikt geraten, den auszubügeln er sich alle Mühe gibt. Ich leide mit ihm, als alles aus dem Ruder läuft, und mehrfach hätte ich am liebsten die Gegenspieler gepackt, geschüttelt und ihnen klargemacht, dass sie so nicht agieren können, so geht man nicht mit Kindern um, so behandelt man keinen Unschuldigen (Ben, der nichts von der Entführung damals wusste). Bis zum Schluss fragte ich mich, ob all das Chaos doch noch zu einem guten Ende führen kann? Und ich konnte nicht begreifen, wie die Behörden ihm immer wieder so viele Steine in den Weg legen. Aber dies ist wohl auch das, was das Buch ausmacht: es ist frustrierend. Und zugleich leider so unendlich realistisch. Ich bin sicher, wäre dieses Buch real, exakt so könnte es sich zutragen.

Gegen Ende zieht sich der Roman ein wenig, aber da es ein Hörbuch ist, störte mich das nicht weiter, auf einer dreiviertel CD ist das flink gehört. Für einen Leser könnte es wohl etwas langwieriger werden, da bin ich gespannt, wie andere dies empfunden haben. Und ansonsten liest es sich sehr flüssig. Was zum Bestseller fehlt, kann ich nicht mal direkt sagen, es fehlt mir ein wenig der "Pfiff", das "gewisse Etwas", es ist spannend, aber nichts, weswegen ich die Nacht durchmachen würde. Dazu ist wohl einfach das Thema der Handlung ungeeignet, denn der Schreibstil an sich hat mich gefesselt, ich mag Becketts Texte.

Es ist kein Meisterwerk, ich reihe es auch nicht unter meinen Tipps ein, aber es ist ein Buch, das auf jeden Fall spannend ist, und das ich gerne weiterempfehle. Wer es liest, soll sich bewusst sein, dass er keinen Krimi in der Hand hat, sondern ein packendes Drama, in welchem ein Mann um das Sorgerecht eines behinderten Jungen kämpft. Ohne Schmalz, ohne Kitsch, dafür aber packend geschrieben. Mal was anderes ...

Erowyinn 22.05.2009, 17.22 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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