SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Verbrechen und Schuld

schirach_schuld.jpgHeute möchte ich Euch die beiden Romane von Ferdinand von Schirach vorstellen: VERBRECHEN und SCHULD. Beide haben mich begeistert, ich kann nicht sagen, welches davon mehr. Außerdem sind sie sich sehr ähnlich in Intention und Aussage, daher kann ich die Rezension gut vermischen.

Schirach ist Anwalt, und als solcher erlebt er so manche kuriosen Dinge. Manche davon einfach nur schräg. Einige schockierend, andere traurig, haarsträubend. Es ist einer der Berufe, in denen man wohl oft hört "mensch, mit Deinen Erfahrungen müsstest Du glatt mal ein Buch schreiben". Und er hat es getan. Mit Erfolg, wie die Verkaufszahlen und Bestsellerlisten beweisen.

Die Bücher beinhalten Geschichten von Kriminalfällen, die ihm während seines Berufslebens über den Weg gelaufen sind. So erzählt er beispielsweise von einem Mann, welcher Jahrzehnte von einer Ehefrau gedemütigt wurde, sie dennoch liebte, hatte er ihr doch ein Versprechen bei der Hochzeit gegeben. Doch eines Tages war es dann zuviel, und er tat, was sein Umfeld und nun auch der Leser nachvollziehen können. Er beschreibt die Geschichte eines jungen Pärchens, welches auf der Straße lebt und am Heiligen Abend von einem älteren Herren in seine Wohnung eingeladen wird, damit er nicht so alleine ist. Doch der Herr hat andere Interessen, und der Junge verteidigt seine Freundin. Schirach schildert, wie eine junge Bedienung auf dem Volksfest von einer gesamten Musikgruppe hinter der Bühne vergewaltigt wird, an der Tat gibt es keine Zweifel, doch eine Verurteilung der Täter ist nicht möglich.

Die Geschichten sind ergreifend, und man sollte sie einzeln lesen statt am Stück zu verschlingen, so groß die Versuchung auch sein mag. Aber sie müssen nachwirken, man muss sie verdauen. Es dürfte für die meisten Leser nicht leicht sein, die Geschichte eines brutalen Mordes zu lesen und dann feststellen zu müssen, dass sie mit dem Täter sympathisieren. Oder dass zwar ein schlimmes Verbrechen geschehen ist, dass es jedoch nicht möglich ist, dieses zu sühnen. Das ist eine Erfahrung, die verdaut werden muss, die gängige Moralvorstellungen über den Haufen wirft und unbedingt ihre Zeit braucht, um zu wirken.

In seinem Schreibstil ist Schirach sehr schlicht. Manche Geschichten sind gerade einmal zwei, drei Seiten "lang" (diese übrigens eine, die mich am allermeisten bewegte: ein Autounfall mit tödlichem Ausgang). Er schreibt nicht nur schlicht über die Tat an sich, er schreibt auch eine Vorgeschichte. Und dabei ist er sehr geschickt. Er nennt viele kleine Details, spielt mit Farben und Gerüchen, nennt Alltagsgegenstände, die klarmachen "der Täter könnte einer von uns sein, auch er ist nur ein Mensch". Man fühlt sich in die Figuren ein, man meint neben ihnen zu stehen, wenn sie die Tat begehen.

Sehr oft bin ich im Internet dem Vorwurf begegnet, Schirach hätte sich die Geschichten nur ausgedacht, so ein Unsinn oder so eine verquere Sache gäbe es nicht. Nein, dem widerspreche ich. Denn ich habe in meinem Job schon die kuriosesten Sachen gesehen. Wer Krimis nur aus dem Fernsehen kennt, kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie schräg es in der Realität tatsächlich sein kann. Aber so ist es: die verrücktesten Geschichten schreibt noch immer das Leben. Wie oft haben meine Kollegen und ich schon gesagt "mensch, wir müssten mal ein Buch schreiben". Ob uns allerdings jemand glauben würde, was wir da erzählen? (Dass er die Namen abändert und manche Details weglässt oder ergänzt, steht außer Frage, allein schon aus Gründen der Schweigepflicht)

Ich denke, das Buch ist ein Angriff auf die Ethik und Moral derjenigen Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass Gut und Böse nicht immer klar definiert sind. Es ist ein Affront gegen unser "Wissen" um Gerechtigkeit und Sühne. Dieses Buch bewegt etwas in den Lesern, und das tut verdammt weh. Aber es lohnt sich, denn nach der Lektüre ist man ein Stück gereift, wenn man dazu bereit ist.

Gerne empfehle ich es Leuten, die mich über meine Arbeit ausfragen und wissen wollen, wie das so ist. Und allen, die bereit sind, sich aufgeschlossen mit den Themen VERBRECHEN und SCHULD zu befassen.

SaschaSalamander 25.02.2011, 10.04

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