SaschaSalamander
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Ausgewählter Beitrag

Und Gott sprach: Wir müssen reden

rath_gott_1.jpgJakob Jakobi ist ein erfolgloser Psychologe. Nach der Trennung seiner Frau verlor die Praxis immer mehr Patienten, und inzwischen steht er vor dem beruflichen und privaten Aus. Aber wenn man denkt, es geht nicht tiefer - kommt jemand und drückt einem eine Schaufel in die Hand. So auch hier, Jakob landet mit gebrochener Nase im Krankenhaus. Dort trifft er auf Abel Baumann, der ihn gleich als seinen Therapeuten anheuern möchte und sogar bereit ist, bar zu bezahlen. Was hat Jakob schon zu verlieren? Und so beginnt er sein Gespräch mit Abel. Dieser behauptet, er sei Gott in Menschengestalt, und langsam ließen seine Kräfte nach. Ob Jakob ihm helfen könne?

Ach, das Buch tat richtig gut. Weder literarisch noch intellektuell anspruchsvoll, aber dafür bewegend, wärmend und hervorragende Unterhaltung. Kein philosophischer Tiefgang, aber dennoch regt es zum Nachdenken an und ist ein leckeres Zwischendurchfutter für den Geist. Perfekt, wenn man abschalten möchte aber trotzdem ein Buch mit gewissem Verstand und Anspruch sucht. Auch ohne actionreiche Szenen oder eine stringente Handlung empfand ich es als Page-Turner, einfach weil es so flüssig geschrieben ist und ich schwer von den Charakteren loskam.

Ich habe Jakob sofort in mein Herz geschlossen, er ist ein Pechvogel, hat sich aber nicht aufgegeben und sieht die Dinge recht gelassen. Seine ruhige, irgendwie schicksalsergebene Art war mir sofort sympathisch. Ebenso Abel Baumann, absolut unaufdringlich aber doch immer präsent, er ist ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Der Leser begleitet die beiden bei ihren Gespräche und Begegnungen. Wird Zeuge vieler kleiner Taschenspielertricks / Wunder. Ja, was ist es eigentlich, das Abel ausmacht? Ist er ein gekonnter Trickser, ein talentierter Zauberer, ein freundlich-manipulativer Mensch, der einfach nur geübt darin ist, in seinem Gegenüber zu lesen? Oder ist er tatsächlich Gott? Man möchte ihm gerne glauben, einfach weil es gut tut, an Wunder zu glauben und nicht immer alles rational zu erklären.

Wer beim Lesen dieser Zeilen an den kleinen Prinzen, den träumenden Delphin und andere Bücher dieser Art denkt, liegt allerdings falsch. Das Gutmenschentum, das dort manchmal schon schmerzhaft überzuckert aufgetragen wird, fehlt hier. Jakob und Abel bieten dem Leser eine ordentliche Portion schwarzen Humor, und es geht ziemlich viel schief. Hier geht es auch um Selbstmordgedanken, um drogensüchtige Ärzte, einen korrupten Bruder, eine gluckende, vorwurfsvolle Mutter. Ja, natürlich nimmt alles irgendwie ein gutes Ende, und nicht umsonst spielt das Buch in der Weihnachtszeit. Aber damit konnte ich gut leben, die düsteren Elemente haben mich gut dafür entschädigt ;-)

Eher würde ich da Parallelen ziehen zu Ustinovs altem Mann und Mr. Smith. Gut, literarisch möchte ich Rath und Ustinov nicht vergleichen, aber der unaufdringliche Humor ("unaufdringlich ist ein Wort, das mir in diesem Buch mehrfach in den Sinn kam beim Tippen der Rezi, sowohl bezogen auf die Charaktere als auch den Stil, die Sprache, einfach alles. Ich mag das), die Betrachtungen auf den Alltag, die Situation von Gott auf der Erde, das legt den Vergleich dennoch nahe.

Das Buch war flink an einem verschneiten Nachmittag mit Kakao und Schokolade gelesen, und ich werde die zwei Männer noch lange im Gedächtnis behalten. Ich habe mich gefreut, sie kennenzulernen und lege auch meinen Lesern die Begegnung mit ihnen ans Herz.

Wertung: 4,5 von 5 Fliegengewichtsboxer

SaschaSalamander 21.02.2013, 09.37

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