SaschaSalamander

Ausgewählter Beitrag

Mindnapping 18 - Janus

Nach längerer Pause schickte Audionarchie erst >MARDI GRAS< und kurz darauf JANUS in den Handel. MARDI GRAS war sofort einer meiner Favoriten der Reihe und hat mich restlos begeistert. Dementsprechend war ich natürlich sehr gespannt auf JANUS.

Ein schrecklicher Amoklauf in New York. Der Täter leidet an einem Gehirntumor. Laut den Aussagen eines medizinischen Gutachtens soll dieser zu einer Persönlichkeitsveränderung geführt haben. Es stellt sich also die Frage der Schuldfähigkeit. Doch nach der Verhandlung tauchen neue Informationen auf, welche die Tat, den Täter sowie das Gutachten in ein neues Licht rücken. 


JANUS ist in jeder Hinsicht sehr gut gemacht, aber die Story selbst hat mich nicht wirklich gepackt, war für die Reihe ungewohnt glatt, der Spannungsverlauf recht ungünstig. Ich werde versuchen, diesen Eindruck etwas zu konkretisieren:

Die Telefonszene zu Beginn ist hervorragend abgemischt und eingesprochen: Ein Notruf geht bei der Polizei ein, im Hintergrund der Lärm des Amoklaufes. Besonders schwer umzusetzen einerseits das Telefongespräch, andererseits der Tumult, die Action, das Chaos, die Panik. Die Sprecher leisten großartige Arbeit in diesem Moment, die Emotionen kommen deutlich beim Hörer an. Auch die Handlung bleibt übersichtlich, der Amoklauf fühlt sich beklemmend nah und realistisch an, die Soundkulisse ist eindringlich und sehr emotional. Großartiger Einstieg. Die Einleitung also hatte mich noch ziemlich begeistert. Vielversprechend! 

Danach allerdings sackt es schnell ab. Nach dem Einstieg ist im Grunde keine Steigerung mehr möglich. Die nachfolgende Handlung wird gut erzählt, die Sprecher leisten solide Arbeit, die Sounduntermalung passt, aber irgendwie wartet man noch auf den großen Knall. Der kommt nicht, es gibt einen recht vorhersehbaren Twist, der Hörer ist ernüchtert. 

Ohne etwas vorwegzunehmen nur soviel: Was sich nach dem ersten Drittel ereignet, ist zwar ein Twist, aber der aufmerksame Hörer ahnt es, wenn er ein wenig mitdenkt (ein Gehirn auf dem Cover, Janus der Gott mit zwei Gesichtern, Frage der Schuldfähigkeit. Erinnert ein wenig an den Film ZWIELICHT mit Edwart Norton, und die Wendung stellt keine große Überraschung dar). Während es sonst eher üblich ist, eine Handlung schrittweise mit kleinen Andeutungen und einzelnen Peaks aufzubauen hin zum großen Finale, wurde es hier genau umgekehrt, vom großartigen Einstieg sofort zurück auf ein langsames Level mit ein paar Andeutungen und Höhepunkten, ein kleiner Kniff zum Ende. Ein Gedanke von meiner Seite, wie man die Geschichte vielleicht geschickter hätte aufbauen können, wäre ein Spoiler, deswegen erst am Ende der Rezension mit Vorwarnung ;-)

Nun ja, das ist Jammern auf hohem Niveau, denn abgesehen sind die Dialoge hervorragend, und auch nach dem Amoklauf bleiben die Effekte überzeugend und sorgen für eine dichte Atmosphäre. Mit Lutz Riedel, Santiago Ziesmer, Arianna Borbach, Helmut Krauss, Till Hagen, Thomas Petruo, Jaron Löwenberg, Merete Brettschneider, Detlef Bierstedt und anderen wurde wieder tief in den Profi-Topf gegriffen und das Beste für die jeweilige Besetzung herausgeholt. Vor allem Alex Turrek als der Täter vermag es, den Hörer seine Bedrohlichkei thautnah spüren zu lassen. Auch, wenn ihre Rolle zu Beginn nur sehr kurz ist, wirkt Marie Bierstedt erschreckend realistisch, ihre Angst ist greifbar und geht direkt unter die Haut. Von mir ein Hörspiel-Oscar für die beste Nebenrolle ;-)

Alles in allem also volle Punktzahl für Sprecher, Atmosphäre, Umsetzung, aber leider Abzug für den Spannungsaufbau. MINDNAPPING hat durch seine bisherigen Folgen inzwischen eine recht hohe Messlatte innerhalb des Genres wie auch für die Reihe selbst gesetzt. Gemessen daran ist die Folge etwas über dem Durchschnitt, kann aber nicht mit den Highlights mithalten. 

************

SPOILER:

Wie hätte man die Spannungskurve ändern können? Auf jeden Fall den Amoklauf kurz vor das Ende setzen, dann die Wende im Epilog. Einleitung könnte sein, wie der Täter erste Anzeichen Veränderungen an sich spürt. Diagnose, Hinweis auf baldiges Ableben mangels Operationsmöglichkeiten. Der Täter und sein Freund schmieden Pläne, der Hörer weiß noch nicht genau, worum es geht, aber Unheil kündigt sich an. Waffe wird gekauft, Fluchtwege werden diskutiert, die Spannung steigt, der Täter hat immer wieder kurze Aussetzer, wird unberechenbar. Tragischer Höhepunkt, Amoklauf. Epilog und Twist 1: Pressemitteilung, Freispruch und erstmals Hinweis auf das beiseite geschaffte Geld, das wahre Ausmaß der Tat scheint geklärt, vermeintliches Ende. Epilog und Twist 2: der Freund erfährt, dass auch er betrogen wurde.

Mögliche Variante: der Täter und sein Freund diskutierten einen Mord bzw eine Bedrohung, doch der Freund und somit auch der Hörer sind  vom Ausmaß des außer Kontrolle geratenen Amoklaufes geschockt.

SaschaSalamander 12.10.2015, 08.41

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