SaschaSalamander

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Hard Candy

hardcandy_150_1.jpgJeff ist Modefotograf, und er chattet gerne im Internet. So lernt er die 14jährige Haley kennen, ein süßes, frühreifes Mädchen. Sie treffen sich im Café Nighthawks, und eigentlich will Jeff nichts von ihr, sie ist zu jung. Doch Haley prescht nach vorne, umgarnt ihn, möchte mit nach Hause, mixt Drinks, hört Musik, stellt allerlei neugierige Fragen, möchte von ihm fotografiert werden. Und während er die Kamera hebt und loslegen möchte, wird er auf einmal ohnmächtig. Dann erwacht er, gefesselt an den Stuhl, bedroht von Haley. Es beginnt ein grausames Katz- und Mausspiel, bei dem Täter- und Opferrolle ständig wechseln. Das kleine, unschuldige Mädchen, der harte, pädophile Kerl. Der frühreife Racheengel, der unschuldige Gutmensch. Wer von ihnen wird am Ende gewinnen?

Wow, dieser Film hat mich begeistert! Er hat keine Jugendfreigabe, sodass ich eigentlich recht viel Splatter und Blut und jede Menge nervenzerfetzende Musik und sonstigerlei Dinge erwartete. Aber ich lag völlig daneben. Der Film kommt aus ohne Blut, ohne gezeigte Gewalt. Könnte man auch nachts um 12 alleine im verdunkelten Zimmer ansehen. Alles, was von Belang ist, wird nicht gezeigt. Eine Kastration, bei der man Haley von schräg hinten seitlich sieht. Ist es echt, oder tut sie nur so? Die gefundenen Beweise, "pornographische" Fotos, hält sie triumphierend nach oben, Rückseite zum Zuschauer. Tatsächlich Pornographie, oder einfach normale Fotos, in die ihr wahnsinniger Geist zuviel hineininterpretierte?

Bis zum Schluss bleibt der Zuschauer im Unklaren, und die Sympathien wechseln. Die Schauspieler liefern ein großartiges Spiel. Mal der strahlende Erwachsene, der sich Sorgen macht um das viel zu junge Mädchen, der ihr einen guten Therapeuten besorgen will, der doch nichts getan hat und nur hofft, heil aus dieser schrecklichen Lage zu entfliehen. Dann wieder der hässlische, pädophile Irre, der mit fiesen Tricks junge Mädchen angelt, seine Models reihenweise flachlegt, nach außen hin das Bild des braven Biedermannes, hinter der Fassade ein kranker Perverser. Ein kleines, unschuldiges Mädchen, vielleicht selbst missbraucht, verwirrt, kurz vor dem Nervenzusammenbruch, will sie nur Gerechtigkeit für sich und ihre Leidensgenossinnen, ist sich nicht wirklich bewusst, was sie diesem Mann antut. Oder doch ein brutaler, durchdachter Plan, eiskalt berechnend bis ins kleinste grausame Detail?

Die Schauspieler wechseln ihre angedachten Rollen grandios, die Kameraführung tut ihr Übriges. Betont mal die eine, mal die andere Seite, zeigt im wörtlichen sowie übertragenen Sinne die verschiedensten Blickwinkel, zeigt wutverzerrte Fratzen oder geschwächte und bemitleidenswerte Gesichter. Ein Hin und Her der Gefühle, welches den Zuschauer nicht mehr entlässt. Kammerspiel in einer einzigen Wohnung, getragen nur von zwei Akteuren, eine Kombination, die nur schwer zu realisieren ist und hier verstörend gut umgesetzt wurde.

Ich denke, dass dieser Film vermutlich die Meinungen spaltet. Mancher mag ihn langweilig finden, da wenig Action, nur Dialoge und recht irreführend, ungewohnt, aufgrund des Alters des Mädchens und seiner Aktionen vielleicht sogar unrealistisch. Andere sehen darin ein Meisterwerk der Erzählkunst, getragen von intensiven Bildern aus kräftigen Farben und gelungener Kameraführung, gekonntem Schnitt. Wer bereit ist, sich auf dieses ungewöhnliche Spiel einzulassen, braucht keinen starken Magen, keine starken Nerven, aber ganz sicher ein gefestigtes Ego und die Bereitschaft, seine eigenen Prinzipien und Vorurteile stets aufs Neue durcheinanderwürfeln zu lassen, und am Ende verbleibt ein großes Fragezeichen: Wer war Opfer, wer war Täter? Waren die Aktionen gerechtfertigt? Was ist Gerechtigkeit?

SaschaSalamander 20.08.2008, 10.07

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