SaschaSalamander
RSS 2.0 RDF 1.0 Atom 0.3




Ausgewählter Beitrag

Gargoyle



INHALT


Ein namenloser Ich-Erzähler erleidet einen Autounfall und wird in einer Klinik für Brandopfer aufgenommen. Er verliert seinen Lebenswillen und plant den Suizid für die Zeit nach der Entlassung, als eines Tages Marianne Engel in seinem Zimmer steht. Sie erzählt, dass sie ihn schon seit vielen Reinkarnationen kennt, sie umsorgt ihn, gibt ihm neuen Lebensmut und erzählt ihm Geschichten von damals.

Es gäbe sehr viel mehr zu erzählen, doch mehr als diesen Teil möchte ich nicht verraten. Das Buch ist in zwei Hauptstränge gegliedert. Im ersten Strang berichtet der Ich-Erzähler (Stefan Kaminski) von seinem Leben als Pornostar vor dem Unfall, von seinem Kampf in der Klinik und dem Zusammensein mit Marianne. Im zweiten Strang erzählt Marianne (Sascha Icks) von ihrem früheren Leben im Kloster Engelthal sowie der Begegnung mit dem Ich-Erzähler). Die Nebenstränge sind Geschichten von Mariannes früheren Freunden: ein Wikinger verliebt sich in seinen älteren Mentor, eine asiatische Glasbläserin wird zum Spielball eines mächtigen Herrschers, eine viktorianische Dame entschließt sich ihrer Liebe auf das Land zu folgen, und ein italienischer Schmied verliert seine Frau durch die Pest. Auch die Vorgeschichte einzelner Nebencharaktere wird in Form einer gesonderten Geschichte beschrieben.

Das Buch ist ein klassischer Rahmenroman, der viele Genres und Themen beinhaltet. Während viele bekannten Rahmenromane (1001 NACHT wohl der bekannteste, aber auch STEIN UND FLÖTE, MASSIMO BATTISTI von Bemman u.a.) sich vor allem einem Genre verschrieben haben, ist GARGOYLE hier sehr flexibel. Romantisch, gruslig, tragisch, zynisch, teilweise sogar Horrorelemente. Definitiv ein Roman, für den man ein Vielleser quer durch alle Genres sein sollte, da man sonst rasch den Bezug verliert.


CHARAKTERE

Es dauerte ein wenig, bis ich die Charaktere ins Herz geschlossen hatte. Durch den häufigen Wechsel der Erzählperspektive findet man erst nach und nach den Zugang zu den Protagonisten. Und sie machen es einem auch nicht leicht. Der Ich-Erzähler ist extrem zynisch. Was bei anderen Autoren oft wie ein plumpes Stilmittel wirkt, ist hier sehr gut nachvollziehbar und lässt ihn sehr lebendig (wenn auch nicht unbedingt sympathisch) wirken. Er ist ein Ekel, und erst im Laufe der Geschichte offenbart er seine menschliche Seite. Marianne dagegen ging mir anfangs mit ihrer ständigen Liebenswürdigkeit ziemlich auf die Nerven, sie wirkte sehr aufgesetzt, und die bösartigen Kommentare des Ich-Erzählers trugen ihren Teil dazu bei. Doch so, wie er sie nach und nach lieben lernt, habe auch ich sie immer besser leiden können, bis sie wirklich zu einer guten Freundin wurde, deren Wohl mir am Herzen lag und deren Leben mich immer tiefer berührte.

Auch die Nebencharaktere sind sehr greifbar beschrieben, und es ist eines der Bücher, bei denen man das Gefühl hat, eine Reihe guter Freunde gefunden zu haben. Sie sind menschlich, haben ihre Schwächen und ihre Stärken, und selten gelingt es einem Autor so gut, sogar die kleineren Rollen mit so viel Leben zu füllen.

Identifikationsfiguren gibt es - zumindest für mich - keine. Ich habe wenig gemeinsam mit einem Pornostar, der bei lebendigem Leib verbrennt und dann Suizid begehen will. Und auch mit einer psychisch Kranken, die früher Nonne war und heute als Steinmetz arbeitet habe ich kaum Ähnlichkeit. Aber das macht nichts, man kann sich dennoch in jeden sehr gut hineinversetzen und mitfühlen.


SPRACHE

So unterschiedlich die einzelnen Genres dieses Buches sind, so variantenreich sind auch die Charaktere. Sie reden in unterschiedlichen Stilen, der Autor verwendet eigene Satzformen, Formulierungen, Worte. Wirkt der Text an manchen Stellen kantig und ungeschliffen (passend zu dem groben Klotz von Protagonist), so ist er an anderen Stellen zart, filigran und verletzlich (wie die junge Nonne), knapp und präzise wie die Krankenschwester.

Anfangs fand ich das Buch sprachlich etwas zu überzogen. Das lag daran, dass auf der ersten CD nur der Ich-Erzähler berichtet, und soviel Zynismus auf einen Haufen ist fast schon unerträglich. Allein die endlose Beschreibung des Brandes und der Verletzungen war eine regelrechte Qual. Ich möchte entweder ein neutrales medizinisches Fachbuch lesen oder aber einen Roman. Aber keinen Roman mit medizinischen Feinheiten, die mit fiesen Kommentaren gespickt sind, das empfand ich stellenweise als geschmacklos.

Allerdings lässt das direkt nach der ersten CD nach, sobald Marianne Engel dazukommt. Mit ihr beginnt die Handlung und wird das Buch zu einem bunten Band verschiedenartigster Themen und Geschichten. Davidson schreibt wortgewandt, verliert sich manchmal in Details und Ausschweifungen, die absolut unnötig sind und andererseits genau das Herz des Buches ausmachen, ich möchte keine einzelne Geschichte, nicht eine langatmige Metapher vermissen.

Der Ich-Erzähler bezeichnet Liebe etwa als einen Lemur. Nicht, weil er so knuffig süß ist, sondern ein Lemur sähe aus wie etwas Hübsches, das man so lange drückt, bis die Augen fast aus dem Kopf ploppen. Und diese großen, ploppenden Augen sind Sinnbild für die ständige Angst, unzureichend zu sein, den Partner zu verlieren und hilflos zu sein ohne den anderen. Seine Verbrennungen bezeichnet er optisch als das Dim Sum vom Vortag. Das ist schon alles sehr plastisch, manchmal regelrecht morbide und bösartig. Aber so grausam die negativen Metaphern sich einprägen, so lieblich sind auch die ruhigen Romanzen. Die Geschichte der Glasbläserin ist sehr bewegend, erzählt in zerbrechlichen Worten, die den Geist wie ein Seidentuch umschmeicheln.


HÖRBUCH

Mit der wandelbaren Stimme von Stefan Kaminski und dem weichen Klang von Sascha Icks (in diesem Fall ist Sascha ein Frauenname) haben sie Macher die perfekte Wahl für GARGOYLE getroffen, mir fiele niemand ein, der es besser hätte interpretieren können. Stefan Kaminski trägt den Hauptteil der Geschichte und findet für jeden einzelnen Charakter eine neue Stimme. Jede Tonlage, jedes Gefühl, jedes Alter, jedes Geschlecht, bei ihm ist alles möglich, und hört man alleine die Stimme ohne den Kontext, so kann man sofort sagen, ob er einen Mann oder eine Frau, einen jungen oder einen alten Menschen darstellt. Besonders beeindruckend war die Schlange, die immer wieder auftaucht und den Ich-Erzähler quält. Kaminski hat sie mit solch einer Art vorgetragen, dass es mir jedes Mal eiskalt den Rücken hinunterlief, mich gruselte richtig, und ich möchte es mir gar nicht mehr vorstellen! Wow, und so etwas nur mit der Stimme zu schaffen ist wirklich Kunst! Icks passt sehr gut zu der sanften Marianne, es gelingt ihr jedoch auch, die einzelnen Binnengeschichten in entsprechendem Tonfall zu erzählen, ob nun kerniger Wikinger oder italienischer Schmied.


FAZIT

Der Anfang täuscht über den Rest des Buches. Was eklig und unsympathisch beginnt, entpuppt sich zu einem absoluten Pageturner. Sprachgewaltig, inhaltlich überwältigend. Man sollte aber offen sein für viele Genres und gerne ein Buch lesen, das viele Inhalte vereint, die man sich nebeneinander nicht vorstellen kann. Andrew Davidson ist es gelungen, ein modernes Märchen voll Zauber und Gefühl zu schreiben, das seinesgleichen sucht. Es ist ein Buch, das man liebt oder hasst, dazwischen dürfte es nur wenig geben. Denn der Leser wird sehr intensiv berührt. Eine absolute Leseempfehlung für Vielleser, die einmal etwas ganz Anderes lesen möchten.

SaschaSalamander 13.08.2011, 08.45

Kommentare hinzufügen

Die Kommentare werden redaktionell verwaltet und erscheinen erst nach Freischalten durch den Bloginhaber.



Kein Kommentar zu diesem Beitrag vorhanden



 






Einträge ges.: 3491
ø pro Tag: 0,7
Kommentare: 2751
ø pro Eintrag: 0,8
Online seit dem: 21.04.2005
in Tagen: 5264